Jahrgang 2012 Nummer 36

Neues Leben hinter alten Klostermauern

In Raitenhaslach entsteht eine wissenschaftliche Begegnungsstätte

Das einstige Zisterzienserkloster am Steilufer der Salzach
Blick in die barocke Klosterkirche
Die stattliche Westfassade der Klosterkirche
Handwerker bei der Restaurierung der barocken Kreuzstockfenster.
Der Steinerne Saal, der Festsaal des Klosters

Länger als zweihundert Jahre lag das ehemalige Zisterzienserkloster Raitenhaslach bei Burghausen im Dornröschenschlaf. Unter Kurfürst Max Joseph war es im Zuge der Säkularisation aufgehoben worden. Am 7. November 1803 war der Burghauser Landrichter in Raitenhaslach erschienen, um dem Abt die Aufhebungs-Urkunde zu überreichen. Daraufhin mussten die 37 Mitglieder des Konvents bis auf den Abt und drei Mitbrüder Raitenhaslach verlassen, die 650-jährige Geschichte des ältesten Zisterzienserklosters in Altbayern war zu Ende. Ein Teil der Gebäude, darunter Bibliothek, Refektorium und Mathematischer Turm, wurde abgerissen. Die Klosterkirche wurde die Pfarrkirche des Dorfes. Brauerei und Gaststätte kamen in private Hände.

Seit einigen Monaten ist wieder Leben in Teile des Klostertraktes eingezogen. Im einstigen Prälatenstock mit der Abtwohnung, dem Papstzimmer, dem Steinernen Saal und den prachtvollen Treppenhäusern sind Handwerker am Werk, um Restaurierungsarbeiten durchzuführen. Besonders aufwändig gestaltet sich die fachgerechte Erneuerung der 150 historischen Fenster. Auftraggeber ist die Stadt Burghausen, die in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München unter dem Titel »Raitenhaslach Science Center« im Kloster eine wissenschaftliche Begegnungsstätte für die Abhaltung von Seminaren und Symposien einrichtet. Das Projekt ist Teil der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder zur Förderung der Spitzenforschung an deutschen Hochschulen und soll zu einer Stätte der Begegnung von Elitestudenten und Nachwuchsforschern aus dem In- und Ausland werden. Die herrliche Lage Raitenhaslachs im Tale der Salzach, abseits vom Durchgangsverkehr und vom hektischen Getriebe einer Stadt, macht das ehemalige Kloster wie geschaffen zu einem Top-Ort der Begegnung von Wissenschaftlern.

Die einsame Lage und der Wasserreichtum waren auch die wesentlichen Voraussetzungen gewesen für die Erstbesiedlung Raitenhaslachs durch die Zisterzienser aus Salem am Bodensee. Beides hatte ihr Ordensgründer zur Voraussetzung neuer Niederlassungen gemacht. Im Falle von Raitenhaslach gab es noch einen kirchenpolitischen Grund. Der Platz lag im nördlichsten Zipfel von Salzburg hart an der bayerischen Grenze. Mit der Klostergründung wollte der Salzburger Erzbischof, der die Zisterzienser ins Land gerufen hatte, die Salzburger Position gegenüber Bayern stärken. Später kam Raitenhaslach zwar politisch zu Bayern, kirchlich aber blieb es weiter salzburgisch, so wie es weite Teile des Chiemgaus auch waren.

Die Äbte verstanden es, mit dem bayerischen Landesherrn gutnachbarlich zu leben und sie nahmen für diese Kooperation sogar drei Mal den Kirchenbann in Kauf. Zeitweise war Raitenhaslach auch eine Grablege der Wittelsbacher; die Prominenteste der hier bestatteten Personen ist Herzogin Hedwig, die Braut der berühmten Landshuter Hochzeit und Ehefrau Ludwigs des Reichen, eine Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. Der genaue Platz ihres Grabes ist leider unbekannt. Über einhundert Wappenschilder in der Kirche erinnern an die hier beigesetzten Adelsfamilien. Sie haben sich durch großzügige Stiftungen noch zu Lebzeiten eine Ruhestätte in Raitenhaslach erworben – in der Hoffnung, sich durch ihre Spende und durch das Gebet der Mönche ein gutes Plätzchen im Himmel zu sichern.

Als Startbasis für ihr Auskommen hatte der Salzburger Erzbischof den Mönchen verschiedene Höfe aus dem Kirchenbesitz von Raitenhaslach sowie ein Stück Wald übergeben. Der Besitz vermehrte sich im Laufe der Zeit durch Schenkungen und Stiftungen, sodass das Kloster schließlich mehrere Mühlen, einen Eisen- und einen Kupferhammer, eine Klingenschmiede, eine Brauerei, eine Reihe ländlicher Handwerksgerechtigkeiten, Fischereirechte am Chiemsee sowie mehrere Fischteiche sein eigen nannte. Die Fischwirtschaft war besonders wichtig, weil die streng fleischlos lebenden Zisterzienser einen großen Verbrauch an Speisefischen hatten. Dazu kamen Weingüter in der Wachau und Schwaigen (Almwirtschaften) im Pinzgau und in Tirol, deren Kühe und Schafe nicht nur Milch für die Käsezubereitung, sondern auch Wolle und Leder lieferten.

Nach den Ordensrichtlinien sollte jede einzelne Niederlassung autark sein, das heißt für ihr wirtschaftliches Auskommen selbst sorgen. Nicht nur die Laienbrüder, sondern auch die Priestermönche waren zur Handarbeit verpflichtet, neben dem Chorgebet ihre wichtigste Aufgabe, sei es bei der Landbestellung und der Waldarbeit, sei es beim Weinbau und der Fischzucht. Nicht zu Unrecht hat man die Raitenhaslacher Zisterzienser als »Großagrarier« bezeichnet. Sie produzierten weit über den Eigenbedarf hinaus für die Märkte in den Städten Burghausen, Passau und Salzburg.

Das Kloster Raitenhaslach galt als eine der bestdisziplinierten Abteien in Bayern. Das war nicht zuletzt der straffen Organisation und der von der Ordensregel vorgeschriebenen jährlicher Inspektion durch die oberste Ordensleitung zu verdanken. Missstände wurden meist rechtzeitig aufgedeckt und beseitigt. Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel. So verstrickte sich im 16. Jahrhundert Abt Wankhauser in riskante Finanzgeschäfte, kam sogar nach Burghausen ins Gefängnis und wurde zum Rücktritt gezwungen. Um die entstandene Schuldenlast abzutragen, musste sein Nachfolger umfangreichen Klosterbesitz veräußern.

Im Zeitalter des Barock erlebte Raitenhaslach den Höhepunkt seiner Geschichte durch einen groß angelegten Umbau der Kirche von einer dreischiffigen Basilika in eine einschiffige, tonnengewölbte Wandpfeilerkirche. Die romanischen Seitenmauern wurden erhöht, der Chor in zwei Geschoße für die Aufnahme von Sakristei und Mönchschor unterteilt. Der im Stil der Renaissance gehaltene Innenraum wurde völlig barockisiert, wie er sich heute präsentiert. Die ungewöhnliche Farbigkeit der Deckenfresken von Johann Zick aus Ottobeuren überrascht jeden Besucher. Dargestellt Stationen aus dem Leben des hl. Bernhard, des bekanntesten Zisterziensers.

Johann Zick schuf auch das Bild des Hochaltars mit einer Darstellung der Himmelfahrt Mariens. Sechs Seitenaltäre haben wertvolle Tafelbilder des kaiserlichen Hofmalers Michael Rottmayr. Der Rokokoschmuck von Michael Zick aus Kempten zeigt »nichts mehr von der asketischen Formensprache von einst und atmet eine ans Tropische grenzende Üppigkeit der Dekoration, einen Überschwang des Ornaments« (Edgar Krausen). Die gelegentlich vermutete Mitarbeit von Johann Baptist Zimmermann aus Wessobrunn an den Stuckarbeiten ist nicht belegbar. Kunstkenner bezeichnen die Kirche von Raitenhaslach als eine der am reichsten ausgestatteten Barockkirchen in Bayern. Sie steht damit im Gegensatz zu den meisten anderen Zisterzienserkirchen in Frankreich und Deutschland, die gemäß den strengen Ordensvorschriften betont schlicht gehalten sind. Ursprünglich waren nach den Statuten sogar steinerne Kirchtürme und Gemälde im Inneren ebenso verboten wie Prunk und kostbares Kirchengerät.

Nach der Aufhebung kam die Klosteranlage in Privatbesitz, bis sie im Jahre 2004 von der Stadt Burghausen erworben wurde. Über den Nutzungszweck herrschte zunächst Unklarheit, bis sich die Technische Universität München für den Bau zu interessieren begann. Auf den Rat des Landesamts für Denkmalpflege wurde eine genaue Bestandsaufnahme der Anlage durchgeführt. Die Stadt Burghausen und die Technische Universität waren sich einig, beim geplanten Seminarbetrieb alle schädigenden Eingriffe zu vermeiden und die künstlerisch wertvollen Räume wie die Abtwohnung und den Steinernen Saal nur museal zu präsentieren. Als Verwaltungs- und Empfangsbereich ist das Erdgeschoß des Brauereitrakts vorgesehen.

 


<i>Julius Bittmann</i>

 

36/2012