Jahrgang 2002 Nummer 15

Neue Forschungen zur »Sprache« der Bienen

Würzburger Biologe misst Vibrationen der Waben

Ohne gegenseitige Verständigung wäre das Leben im Bienenstaat nicht möglich.

Ohne gegenseitige Verständigung wäre das Leben im Bienenstaat nicht möglich.
Es sind jetzt fast einhundert Jahre vergangen, dass der österreichische Biologe Karl von Frisch mit seinen bahnbrechenden Arbeiten zur Orientierung und zur Kommunikation der Honigbiene, die sogenannte Bienensprache, entdeckt hat. Frisch, der viele Jahre an der Universität München wirkte, machte seine Entdeckung in seinem Bienenhaus am Wolfgangsee im Salzkammergut.

Karl von Frisch beobachtete jene Bienen, die am Morgen als erste den Stock verließen, um geeignete Blüten für die Gewinnung von Nektar zu suchen. Wenn diese Kundschafterinnen heimkehrten, informierten sie ihre Stockgenossinnnen über die gefundene Futterquelle. Dabei bedienten sie sich bei ihrer Tanzsprache je nach Entfernung der Blüten zweier unterschiedlicher Methoden.

War die Futterquelle bis etwa achtzig Meter entfernt, führten sie einfache Rundtänze auf. Bei Entfernung über achtzig Meter gehen die Rundtänze in sogenannte Schwänzeltänze über. Beim Schwänzeltanz in Form einer liegenden Acht betont die Tänzerin das Mittelstück der Tanzfigur und schwänzelt mit dem Hinterleib. Als Bezugspunkt dient die Richtung zur Sonne beim Flug. Ändert sich der Sonnenstand, dann ändert sich auch die Richtung der Schwänzellinie. Die Anzahl der Schwänzeltänze pro Zeiteinheit und das Tempo des Tanzes geben die Entfernung des Zieles an.

Spätere Untersuchungen von Biologen verschiedener Länder haben weitere Details dieser im Tierreich einmaligen Kommunikationsform erkundet. Die neueste Entdeckung zur Bienensprache ist Forschern der Universität Würzburg gelungen. Nach ihren Feststellungen versetzen die tanzenden Bienen die Waben in ihrer Umgebung in ganz bestimmte Schwingungen und machen damit die anderen Bienen darauf aufmerksam, dass sie eine wichtige Information für sie parat haben.

Die Kundschafterinnen wenden dabei den gleichen Trick an, wie wir ihn von der nächtlichen Lichtreklame in unseren Städten kennen. Wer im Lichtermeer der Leuchtreklame besonders auffallen will, verwendet eine blinkende Werbetafel. Die Bienen benutzen anstelle des Blinklichts auffällige Vibrationssignale. Optische Signale wären im völlig dunklen Bienenstock wirkungslos.

Der Würzburger Biologe Jürgen Tautz und seine Kollegen Jerome Casas und David Sandemann haben die feinen Vibrationen gemessen, die von den tanzenden Bienen auf den hauchdünnen Wänden der Waben erzeugt werden. Diese Schwingungen bilden auf der Wabe ein raffiniertes zweidimensionales Muster: Dabei schwingen gegenüberliegende Wände immer gleichsinnig, während bei einigen wenigen Wabenzellen in der Nähe der Vibrationsquelle die Bewegungen exakt gegenläufig sind.

Auf diese Weise entstehen nahe der Tänzerin Stellen, die im Trubel des Bienenstockes auf den Vibrationssinn der Bienen ähnlich wirken wie ein Blinklicht in einer gleichmäßig hellen Umgebung auf den optischen Sinn. Dieses spezielle Schwingungsmuster dient den Bienen als Wegweiser zur Tänzerin.

Inzwischen bekunden auch Bauexperten Interesse am besonderen Schwingungsverhalten der Bienenwaben. Eine kalifornische Großfirma hat mit dem Würzburger Bienenforscher Kontakt aufgenommen. Die Bauingenieure wollen herausfinden, wie es die Bienen beim Bau ihrer Waben schaffen, dass Schwingungen einerseits weitergeleitet und andererseits gedämpft werden. Die Erkenntnisse könnte man bei der Konstruktion von erdbebenfesten Stahlgerippen beim Bau von Hochhäusern nutzbar machen. Jürgen Tautz ist überzeugt: »Die Bienen haben während ihrer fünfzig Millionen Jahre dauernden Evolution Entdeckungen gemacht, aus denen unsere Baukonstrukteure lernen können.«

JB



15/2002