Jahrgang 2005 Nummer 41

Neue Farben in Seeons alter Walburgiskirche

Restauriert und rekonstruiert ist sie eine Chiemgauer Attraktion

Rückwand am Grabmal für Georg Herzog von Leuchtenberg (1872-1929): Friedhof beim Walburgiskirchlein

Rückwand am Grabmal für Georg Herzog von Leuchtenberg (1872-1929): Friedhof beim Walburgiskirchlein
Neue Farbenpracht am Deckengewölbe: Christus Salvator

Neue Farbenpracht am Deckengewölbe: Christus Salvator
Ganz schön frech und dreist: Barbusige Figur in der Apsis

Ganz schön frech und dreist: Barbusige Figur in der Apsis
Selbst wird er nicht gegraben haben, der Hochwürdige Herr Abt Honorat Kolb. Er wird haben graben lassen. War er doch wohl viel zu sehr beschäftigt mit dem Anlegen neuer Stiftsbücher, dem Ausbau der Kapelle und der Wallfahrt Maria Eck, auch mit dem Sammeln von Büchern für seine Bibliothek, die in wenigen Jahren seiner Amtszeit, seit 1634, auf stattliche 6000 Bände angewachsen war, zusätzlich mit der Abfassung der Chronik seines Klosters Seeon, die er 1644 in zwei Bänden vorlegte. Darin berichtet Honorat Kolb, dass er beim Gartenumgraben im Frühjahr 1637 nahe dem Kirchhof der Walburgiskirche – ein paar Schritte von seinem Männerkloster Seeon entfernt – auf weibliche Gebeine gestoßen war.

Mönche und Nonnen

Nonnen also ganz in der Nähe der Mönche. Diese wie jene nach der Ordensregel Benedikts von Nursia fromm lebend. Gescheit müssen jene Nonnen zudem gewesen sein, die man mit einiger Sicherheit hier, in engster Nachbarschaft zum 994 gegründeten Benediktinerkloster, seit Mitte des 12. Jahrhunderts vorfand – vielleicht sogar wirklich schon vor etwa einem Jahrtausend. Auf einer »Fraueninsel« – ähnlich dem Chiemsee – lebten sie in ihrem eigenen Konvent unter dem Einfluss des weit ausstrahlenden Salzburger Nonnbergs, wo ebenfalls Benediktinerinnen wirkten. Warum sich dieses Seeoner Frauenkloster kaum hundert Jahre gehalten hat, bleibt im Dunkeln. Mitte des 14. Jahrhunderts jedenfalls ist da von einem »Hospitalium« die Rede, einem Krankenhaus. 1349 wurde die »Spitalkirche«, der heiligen Eichstätter Äbtissin Walburga geweiht, erstmals urkundlich genannt. Viel später wird unmittelbar dahinter – St. Walburg ist längst Pfarrkirche für das Kloster Seeon – ein Gebäude für eine Apotheke errichtet. Und mit einem »studierten« Apotheker besetzt. (Die nächsten Apotheken lagen ziemlich weit weg: in Traunstein und in Wasserburg.)

Gestraft genug?

Wenn böse Zungen behaupteten, mit dem verheerenden Klosterbrand des Jahres 1561 sei der residierende Abt Heinrich IV. Hunger für seinen liederlichen Lebenswandel »g’straft g’nug« worden, ist das pure Erfindung und Böswilligkeit. Tatsache allerdings ist, dass auch das Walburgiskirchlein ein Opfer der Flammen wurde. Während sich aller Wiederaufbauwille auf die Seeoner Klosterkirche selbst richtete – die Türme erhielten »welsche Hauben«, in München wurden neue Glocken bestellt – vernachlässigte man das zerstörte St. Walburg zunächst. Doch, so wird heute angenommen, setzten schon bald, vielleicht doch noch unter Heinrich IV. Hunger und nicht erst unter Martin II. Kötterlein (1576-1590) die Ausmalung des romanisch-gotischen Inneren des kleinen Gotteshauses ein. Darauf weist die Jahreszahl im Chorbogen hin, die man als »1565« lesen kann.

Links liegen gelassen

Um diese Bemalungen, gar nicht eigentlich um die Einrichtung der Walburgiskirche, die 1788 unter Abt Augustin Sedlmayr erfolgte – geht es nun seit – sagen wir ruhig – etwa zwanzig Jahren konkret, ist es jedoch auch schon einmal vor etwa einhundert Jahren gegangen. Mancher wird da verwundert aufhorchen und sagen: Erst? Wurde nicht schon früher an diese kunstgeschichtlichen Kostbarkeiten gedacht? Ist diese Nonchalence in Sachen St. Walburg etwa gar noch auf die Säkularisation 1803 zurückzuführen, wo man das kleine Gotteshaus mit dem stillen Friedhof schändlicherweise seiner wieder verwertbaren oder/und »versetzbaren« Schätze beraubt haben könnte? Lange Jahre blieb die Walburgiskirche links liegen. Wer das »Kloster« und spätere »Schloss« Seeon besuchte, ging oder fuhr an ihr vorbei. Nahm sich am Ende eine Minute Zeit und betrat den schmalen verwilderten Gottesacker mit den ihm seltsam anmutenden russisch-orthodoxen Kreuzen an manchem Grabstein (darunter dem der vermeintlichen, seinerzeit wild durch die Medien gegangenen Zarentochter Anastasia) und am Türmchen des Herzog Georg von Leuchtenberg-Grabmals gleich rechts neben dem Eingang ... Und bedauerte womöglich, dass ihm der Zutritt zu dem Kirchlein verwehrt wurde: Geschlossen!

Von Apian bis Trübner

Das Walburgiskirchlein besaß seit jeher hohen Bekanntheitsgrad, zumal bei kunsthistorisch Versierten und Interessierten. Lage und Gebäude – vom ungeahnten Schmuck des Inneren abgesehen – sind seit Philipp Apians leicht hingepinselter Aquarellskizze von 1554 (leider kaum bekannt, aber in der Bayerischen Staatsbibliothek unter Cgm 5379 (3, III, 10) zu finden) immer wieder gestochen, gezeichnet oder in Öl gemalt worden. Von Matthäus Merian etwa, der »Seeonn« in seine »Topographia Bavariae« 1644 aufnahm, vor allem aber dann Michael Wening, dessen prachtvoller »Closter Seon«-Stich aus dem ersten Viertel des 18. Jahrhunderts die Insellage beider Kirchen, einschließlich der Bräuhausener Marienwallfahrtskirche, geradezu mit didaktischem Eifer vorführt. Aquarelle (Ludwig Deurer, 1833), Lithographien (Johann Bapt. Dilger, um 1840), anonyme Kupferstiche – sie alle zeigen auch das dem Kloster in seiner Behäbigkeit vorgelagerte, eher schwerelos wirkende Walburgiskirchlein mit dem alten ehemaligen Apothekerhaus und dem Maierhof-Komplex bzw. Resten davon. Der Impressionist Wilhelm Trübner (1851 – 1917), der, dem Leibl-Kreis zuzuordnen, als junger Maler im Chiemgau weilte, schuf eine ganze Serie von »Seeon-Bildern« in Öl auf Leinwand. Sie geben wohl am besten die Stille, das wuchernde Grün, die Seenlandschaft des Voralpenlandes in ihrer wechselvollen Stimmung, je nach Wetterlage, wieder.

Attraktion des Chiemgaus

Bei dem kunsthistorisch bewanderten Prälaten der Erzdiözese München und Freising, Walter Brugger, der sich zur 1000-Jahrfeier des Klosters im Jahre 1994 zur Baugeschichte von Seeon und den Filialkirchen Ischl, Niederseeon, Bräuhausen und St. Walburg in dem reichhaltigen Heimatbuch mit Beiträgen zur Kloster-, Pfarr- und Ortsgeschichte kompetent äußerte, ist, St. Walburg betreffend, der lapidare Satz zu lesen: »Seit 1983 ist eine Gesamtrenovierung eingeleitet«. Sie konnte im August 2005 zum einstweiligen Abschluss gebracht werden. Das uralte Sankt Walburg ist seither die neueste kunsthistorische Attraktion des Chiemgaus.

Nun ist das Kirchlein wieder, wie im späteren 16. Jahrhundert, vollständig ausgemalt. Und dies in Farben und Formen, die einem das Herz höher schlagen lassen. Die ehemals in Langhaus und Chor eingezogenen Holzflachdecken, erst nach dem Brand von 1561 durch Gewölbe ersetzt, vermisst man nicht, auch wenn sie einst farbig gewesen sein sollten. Der vierjochige, einschiffige Sakralbau mit seinen Strebepfeilern am stark eingezogenen Chor mit Schluss in drei Achteln wird von einer Stichkappentonne überwölbt. Die erhielt ihre Bemalung im 17. Jahrhundert. Als nach dem Großbrand Mitte des 16. Jahrhunderts Sankt Walburg umfassend renoviert wurde, erhielt sie das Langhaus mit dem Gewölbe über Wandpfeilern. Dünne Graten wurden damals aufgetragen. Sie bilden ein reizvolles Netz. Das am meisten zu bewundernde Werk eines bis dato nicht auszumachenden Meisters aber sind die lebendig wirkenden Wandbemalungen. Sie gehören in die Zeit der (italienischen) Spätrenaissance, vom Fachmann Manierismus genannt. Kaum zu glauben, dass diese Ausmalung um 1650, also nach kaum einem Jahrhundert, nicht mehr gefallen sollte und womöglich deshalb überpinselt wurde! Wie man annimmt, kam so etwas auch noch im 19. Jahrhundert vor – und seither begann für St. Walburg der Dornröschenschlaf. Doch halt: Der Restaurator Franz Haggenmüller begann 1913/14 mit ersten Freilegungsarbeiten der ursprünglichen Malereien, die in den darauf folgenden dreißiger Jahren fortgesetzt wurden. Zugstangen, die 1956 durch das Langhaus gezogen wurden, dienten der statischen Absicherung.

Neubauers Meisterleistung

Was in den letzten paar Jahren von den Restaurierungswerkstätten Neubauer aus Bad Endorf geleistet wurde, ist enorm. St. Walburg wurde einer gründlichen Renovierung unterzogen. Aber was heißt das? Neben der notwendig gewordenen weiteren statischen Sicherung galt es, die noch vorhandenen Überfassungen abzunehmen. Das Freilegen und Instandsetzen der Originalbemalungen war die Hauptaufgabe. Gerald Dobler berichtet eingehend über die am Ende einer langen Freilegungsperiode erneut aufgetauchten Probleme. Um ein geschlossenes Gesamtbild als Ergebnis vorzuweisen, entschied man sich für die malerische Rekonstruktion der Bereiche, die sich nicht mehr freilegen ließen: die Architekturmalereien – hübsche Marmorierungen der Pfeiler und Dienste – an den aufgehenden Wänden, aber auch an Teilen des – vor allem westlichen – Langhausgewölbes. Den »gealterten und reduzierten Zustand der Malereien« wollte man bewahren und lediglich insoweit »schließen, als es für ein stimmiges Bild der Ausmalung notwendig« erschien.

Sommerlich durchflutet

Den heiteren Charakter der ursprünglichen manieristischen Ausmalung von St. Walburg schaffen sowohl das verspielte Rollwerk als auch die figürlichen Darstellungen, vor allem in den Medaillons des Deckengewölbes: Christus Salvator und die vier Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Ranken, Blumen, Blüten, Vögel. Ein sommerlich durchfluteter Eindruck. An der Südwand stehen in illusionistischen Nischen – gar nicht starr und steif, sondern anmutig und voll hochgemuten Charmes – St. Barbara, St. Katharina, St. Margaretha und St. Ursula – beliebte heilige Jungfrauen im bairischen Oberland, selbst heute noch. Vergeblich sucht man das berühmte Seeoner Klosterwappen als Fresko mit dem herzförmigen Blatt an einem s-förmig sich hochrankenden Stängel. Dass ein Bildnis des zur Zeit der Erstausmalung regierenden Abtes Heinrich IV. Hunger fehlt, verwundert nicht. Führte der Klosterchef sein »Unternehmen« doch recht sorglos und war er in Sachen Sittlichkeit – bei Nachweis eines natürlichen Sohnes, den ihm angeblich eine »Viechdirn« vom Meierhof gebar – doch alles andere als ein Vorbild! Doch stieß sich damals anscheinend niemand an der – heute wieder zu »besichtigenden« – Darstellung einer unbekümmert ihre nackten Brüste vorzeigenden jungen Frau, und das in unmittelbarer Nähe des Altars (in dessen Tisch man eine ovale silbergefasste Reliquie hinter einem Schauglas einließ)! Wird schon die »Viechdirn« vom Meierhof sein, die dem lasterhaften, lust-»hungrigen« Abt einst allzu gut gefallen hat ...

HG

Verwendete Literatur:
1. »Kloster Seeon«. Beiträge zu Geschichte, Kunst und Kultur der ehemaligen Benediktinerabtei, hrsg. vom Bezirk Oberbayern durch Hans von Malottki, Weißenhorn: Anton H. Konrad Verlag 1993
2. »Sewa – Seeon. 994-1994: 1000 Jahre Seeon. Ein Heimatbuch«, hrsg. vom Festausschuss Seeon 1994, Schriftleitung und Gestaltung: Meinrad Schroll, Seebruck: mediform Verlag 1994
3. Gerald Dobler: »Elegant, geschraubt, barbusig: Manierismus in Klosterseeon«. Zur Restaurierung der qualitätvollen Wandmalereien in St. Walburgis. In: Denkmalpflege Informationen des Bayer. Landesamts f. Denkmalpflege, München, Ausgabe B 131, Juli 2005, S. 18 - 20



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