Jahrgang 2002 Nummer 21

Nashörner – mit und ohne Nasenhorn

In früheren Erdepochen gab es auch hornlose Nashörner

So wie die Stacheln zum Stachelschwein, die Mähne zum Mähnenschaf und die spitzen Krallen zum Krallenfrosch gehören, so verbinden wir mit dem Nashorn oder Rhinozerus ganz automatisch den Besitz von einem oder zwei Hörnern auf der Nase. Diese Hörner dienen den plumpen Tieren im innerartlichen Wettbewerb bei Rivalenkämpfen um die Gunst eines Weibchens, wobei oft nur Drohgebärden ausgeführt werden. Aber auch gegen Feinde wie große Raubtiere oder gegen den Menschen sind die Hörner eine wirksame Waffe.

Das Horn des Nashorns ist etwas ganz anderes als die Hörner der Rinder, Schafe oder Antilopen oder das Geweih der Hirsche und Rehe. Es besteht nicht aus Knochen, wie das echte Horn und das Geweih, sondern aus einer verklebten Masse horniger Fasern, die fortlaufend von einem besonderen Hautgewebe abgesondert werden. Dieses Nasenhorn wächst während des ganzen Lebens der Tiere nach, es wird durch Wetzen abgeschliffen und kann manchmal auch ganz abgestoßen werden. Anatomisch betrachtet ist das Nasenhorn ein Gebilde der Haut, ähnlich wie die Fingernägel oder die Hufe des Pferdes ohne Blutgefäße und ohne Nervenfasern. Wenn man das Horn entfernt, dann tut das dem Tier ebenso wenig weh wie uns das Haareschneiden.

Von den vier heutigen Nashornarten haben das Breitmaulnashorn und das Spitzmaulnashorn jeweils zwei Hörner. Beim Spitzmaulnashorn kann das vordere Horn bis 80 Zentimeter lang werden. Dagegen weisen das auf Java vorkommende Schuppennashorn und das Indische Panzernashorn zwei Hörner auf.

Das bis zu einem halben Meter lange Horn des Panzernashorns galt im Orient und in China als Aphrodisiakum, das die Potenz steigert. Das Horn wurde zu einem feinen Pulver zerrieben und zu horrenden Preisen verkauft. Aus dem Nasenhorn gefertigte Trinkgefäße sollten die Eigenschaft besitzen, jedes Gift aufschäumen zu lassen, außerdem wurde die Hornsubstanz zu Säbeln und Dolchgriffen verarbeitet. Kein Wunder, dass die Panzernashörner stark dezimiert wurden. Heute leben sie nur noch in einem eng begrenzten Gebiet zwischen Nepal, Bhutan und Assam am Fuße des Himalaja.

Aus Fossilfunden ist bekannt, dass die Vorfahren des heutigen Nashorns keine Hörner trugen. Es hat zartgebaute und hochbeinige, plumpe und langhalsige Nashörner gegeben. Manche waren nur so groß wie ein Schäferhund, andere wie das Baluditherium erreichten eine Schulterhöhe von fünf bis sechs Metern. Baluditherium war das größte Landsäugetier aller Zeiten. Nicht ganz so groß war das Wollnashorn, das in den Zwischeneiszeiten auch in Europa lebte und von unseren Vorfahren gejagt wurde. Sein Bild findet sich noch in mehreren prähistorischen Höhlen, zusammen mit Zeichnungen des Mamuts. Kennzeichnend für das Wollnashorn war der tief herabhängende Kopf und sein dichtes, langhaariges Fell von braun-roter Farbe. Ungeachtet ihrer imposanten Größe ernährten sich sowohl Baluditherium wie das Wollnashorn ausschließlich von Kräutern, Gras und Blättern.

Eine gute Vorstellung davon, wie die kleineren, hornlosen Vorfahren unseres Nashorns ausgesehen haben, vermittelt der Schädel und die Rekonstruktion von Hyracodon, das vor 30 Millionen Jahren gelebt hat. Seine schlanken und langen Beine hatten vorn und hinten je drei Zehen wie die Urpferde. Am 35 Zentimeter langen Schädel fallen die kleinen Eckzähne und die ganz gleichartig gebauten Schneidezähne auf, die ausgesprochen pferdeähnlich wirken.

Die Biologen sind sich heute darin einig, dass Hyracodon in seiner Lebensweise große Ähnlichkeit mit dem gleichzeitig vorkommenden, aber kleineren Urpferd hatte. Beide Tiere bevorzugten als Nahrung frische Blätter und konnten ihren Feinden durch schnellen und ausdauernden Lauf entkommen. Hyracodon hatte jedoch im Vergleich zum Urpferd höhere, massivere Backenzähne und war in der Lage, auch härtere Nahrung zu zerbeißen.

Hydracon war in Nordamerika verbreitet, ebenso in Ostasien. Gegen Ende des Tertiärs starb es aus, wahrscheinlich verursacht durch Veränderungen des Klimas und der Umwelt. Dann entfalteten sich schnell die echten Nashörner, aufgegliedert in viele Arten und Unterarten, aber immer mit einem oder mit zwei Hörnern auf der Nase.

Die berühmteste Zeichnung eines Nashorns, und zwar des Panzernashorns, stammt aus der Hand von Albrecht Dürer. Er hat das Tier nach einer schlechten Skizze eines unbekannten portugiesischen Zeichners in Holz geschnitten. Leider war auf dieser Skizze ein pathologisch verändertes Nashorn zu sehen mit merkwürdigen Schuppen an den Füßen, abnormen Hautverdickungen und mit hornartigen Wucherungen an allen möglichen Körperstellen. Soldaten hatten das Tier in Indien gefangen und per Schiff nach Lissabon gebracht, um es dem König vorzuführen. Aber durch die monatelange Gefangenschaft in einem engen Verschlag hatten sich auf der Haut des Nashorns zahlreiche hornige Beulen, Schwielen und andere Hautauswüchse gebildet; eine ähnliche Erscheinung kommt auch heute bei Nashörnern in Gefangenschaft vor. Dürer, der nie ein lebendes Nashorn gesehen hatte, war der Meinung, die krankhaften Wucherungen gehörten zu jedem normalen Nashorn – und so ist das entstellte Tier für Jahrhunderte als Mustertyp eines Nashorns in die Naturkundebücher eingegangen.

JB



21/2002