Jahrgang 2006 Nummer 34

Nährvater aus Biskuitporzellan

»Josef« hat noch immer einen guten Namen

Dreieinigkeit mit Joseph: alter Kupferstich auf einem Bruderschaftsbrief (18. Jahrhundert)

Dreieinigkeit mit Joseph: alter Kupferstich auf einem Bruderschaftsbrief (18. Jahrhundert)
Viele Berühmte heißen Josef: von Joschka Fischer bis Benedikt XVI.

Viele Berühmte heißen Josef: von Joschka Fischer bis Benedikt XVI.
Joseph, Zimmermann und Nährvater Jesu: Giebelgemälde vom Anwesen Nr. 10 in Oberamerang von W. Pfeiffer (1977).

Joseph, Zimmermann und Nährvater Jesu: Giebelgemälde vom Anwesen Nr. 10 in Oberamerang von W. Pfeiffer (1977).
»Sepp, bleib do! Woaßt ja net, wias Wetter werd! Sepp, bleib do! Woaßt ja net, wias werd ...!« Die Stimme mit dem Sepperl-Lied klingt aus dem Hintergrund. Sie gehört einem älteren Sänger. Er verstummt, sobald sich die Tür des Obergeschosses vom »Kirchweidacher Stadl« hinter dem Besucher der Ausstellung »Josef, Bepperl, Sepp« im oberbayerischen Bauernhofmuseum Amerang geschlossen hat. Die Luft ist verbraucht im zwar hohen, aber nicht sehr weiten Raum, der voll ist mit Vitrinen und Stellagen. Im Eck hinten: ein Kanapee. In dessen Nähe: ein weiß gestrichener langer Bierzelttisch, darauf etliche Halbe-Flaschen verteilt. An den Wänden: vergrößerte Porträt-Fotos. Einige Text-Bänder. Sie hängen frei von der Decke in den Raum. Darauf Namen, die unserem »Josef« ähneln: Ossip, Posy, Seos, Jodie, Josianne, Seferl, Sefi, Sep, Sepp, Josefu, Joska ... Eine schier endlose Reihe.

»Josef« einst auf Platz 1

Von 1751 bis 1900 nahmen die »Josephn« Platz 1 in der Namenrangliste von Pfaffenhofen an der Ilm ein. Das fand Anita Konrad für ihre 1993 an der Katholischen Universität Eichstätt gefertigte Magisterarbeit heraus. So liest man jedenfalls in einem Schaukasten. Ein knappes Fünftel der Pfaffenhofener Mannsbilder hieß, beinahe kontinuierlich, »Josef«. So oder »Joseph« wurden sie geschrieben. Gerufen wurden sie wohl »Sepp« oder, als kleine Buben, »Seppi« und »Sepperl«. Der »Bepperl« oder »Beppi« war eher im Österreichischen geläufig. In Böhmen hörten die gekosten »Josephn« auf »Seffl«, die zu Diensten stehenden »Seff«. Man ist mittendrin in einer interessanten Sphäre. Wäre nur die Atmosphäre hier in der kleinen Ausstellung nicht so beklemmend. Luft! Luft! Draußen sind gut 30 Grad im Schatten. Hier herinnen ist es allerdings kühl.

Joschka Fischer, Joseph Ratzinger, FJS

Interessant wär es zu erfahren, wie es weiter ging mit den »Josephn« in Pfaffenhofen an der Ilm. Ob sich von 1900 bis 2000 die »Josephn« dezimierten? Es ist anzunehmen. Denn andere Namen verdrängten den Josef bald. Die Buben hießen Hans und Horst, Walter und Werner, Fritz und Franz. Nicht nur in Pfaffenhofen an der Ilm. Angesichts der relativ geringen Anzahl von »Josef«-Namenträgern heute – die Foto-Beispiele Joschka Fischer, Joseph Ratzinger, FJS und der bayerische Kicker Sepp Maier fallen doch nicht ins Gewicht – ist es verwunderlich, wie viele Leute, freilich mehr Frauen als Männer, es in die Ausstellung im einst schönsten Dorf Oberbayerns zieht. Die oberpfälzische Volkskundlerin Inge Weid, die der Bezirk Oberbayern mit Kuratierung und Katalogerstellung beauftragte (das Büchlein ist hübsch geworden und für manche ein nettes Mitbringsel und Erinnerungsstück), ist im Oberland eher unbekannt. Aber »Josef«, der längst aufgehört hat, die Bayern mit einem freien Tag, jährlich am 19. März, zu beglücken, besitzt anscheinend noch einige Attraktivität.

Sepplhose und Josefi-Bier

Die inzwischen eingetretenen Besucherinnen, eine Schar bereits ergrauter und nicht eben bewegungsfreudiger Frauenunionsmitglieder womöglich, vertiefen sich ungern in die langen Erklärungstexte. Die künden von der Herkunft des Namens »Josef« aus dem Hebräischen, weisen auf die »Josephs«-Brüder des AT ebenso hin wie auf den braven Zimmermann aus Nazareth und den keuschen Nährvater Jesu, auf den die Karmeliter ebenso viel gaben wie die Kapuziner, Jesuiten und Franziskaner. Und den später Brauereien (»Josefi-Bier«), Altenheime (»Joseph-Spital«), Lederbeinkleiderhersteller (»Sepplhose«), Barbesitzer (»Josef Bar«, München, Klenzestraße) und sogar eine »Königlich Bayerische Josefs-Partei« vereinnahmten.

»Mei, Josefinerl ...!«

Warum die Mutter eines 2005 zur Welt gebrachten Mädchens (ihr Babyfarbfoto prangt in einer Vitrine neben Janoschs Beltz & Gelberg-Kinderbuch »Das Geheimnis des Herrn Josef«) sich ausgerechnet für den Namen »Josefine« entschied? Erklärung: Sie wollte für ihre Tochter einen ebenso bayerischen wie internationalen Namen. Freude auf Seiten des Erzeugers: Sein Opa hieß nämlich schon Josef, und seit Gedenken wurde in seiner Familie der Josefitag festlich begangen. Am 19. März hatten und haben sie noch heute alle Namenstag, Beppo und Seph und Beppi, auch Fine, Fini und Fina (die aus der »Josefine« hervorgingen). ... »Mei, Josefinerl, schaug!«, ertönt es jetzt von hinten her. »Da steht er, dein heiliger Josef. Da hast ihn aus Biskuitporzellan!« Die Frauenunionsriege lacht schallend. Einige der Damen bemühen sich zu der Vitrine und betrachten ein Porzellanfigürchen, blass bemalt, vielleicht schon abgenützt vom vielen Busseln (der heilige Joseph galt als Garant für eine gute Sterbestunde), das vom Nachtkästchen einer Josephs-Verehrerin stammen könnte.

Varietas delectat

Das laut herbeigelockte »Josefinerl« besieht sich nach und nach, was von Inge Weid und ihren Helfern alles zusammengetragen wurde, um der kleinen Ausstellung die »varietas« zu verleihen, die doch so delektiert: Impfschein und Sonn- und Feiertagsschul-Entlass-Zeugnis eines Josef Schäfer, der um 1900 lebte, Karikatur-Postkarten aus Italien mit dem Konterfei Kaiser Franz Josephs (»Unica difesa di Cecco Beppe« steht auf einer, wo S. M. Wasser aus einer Siphonflasche auf einen ihm entgegen eilenden Soldaten spritzt), Heiligen- und Sterbebildchen, Todesanzeigen (eine für Erna Giuseppina Heinrich, die just erst am 31. Januar 2006 verschieden ist), bunte Königsporträts und strenge Bibel-Linolschnitte HAP Grieshabers, Josef-»lastige« Weltliteratur in Attrappenstapeln (Thomas Mann, Kafka, Goethe durften nicht fehlen), Juxkarten (»Seppls Kriegsberichte«). Eine scheint sich unmittelbar auf die aktuelle Situation beziehen zu wollen: »Mir geht’s guat«, steht drauf, »‘s ist ziemli warm!«

Null Komma Josef

In Richtung des zu kurzer Rast einladenden Kanapees im Eck (oh, da haben sich leider schon drei korpulente Ausflüglerinnen breit gemacht und ratschen!): eine Patronsfahne der Moosburger Maurer und Zimmerer, reichlich kitschiger Wandschmuck des Heiligen Wandels und des greisen Nährvaters Josef mit der Lilie oder/und dem Jesuskind auf dem Arm, Namenstagskarten und -präsente (»Es gratuliert zum Namensfest dein Freund Max« steht in einem Kastenbild unter dem aus Edelweiß gesteckten Namenszug »Josef«), dazu Bruderschaftsbrief, Gebetbuch, Hauskalender. Wäre das Kanapee nicht besetzt, ließe sich im Sitzen ein paar Takten aus Joseph-Musiken (von Pergolesi bis Richard Strauss) lauschen und dazu eine Halbe Kühbacher »Josefi-Bier« aus der Flasche oder Alkoholfreies Ottakringer, Marke »Null Komma Josef«, aus der Dose genießen – aber: die Pullen sind leer und die Dose ist festgenagelt. Da heißt es abwarten bis zum 20. Reutberger Josefifest Ende März 2007. Das ausgestellte Programm der Vorjahres-Josefi-Dult zeigt: »Josef« ist nicht ausgestorben. Er hat noch immer einen guten Namen.

Die Ausstellung »Josef, Bepperl, Sepp. Geschichten um einen Namen«, Katalog von Inge Weid, wird im Bauernhofmuseum Amerang noch bis 5. November (täglich außer Montag von 9 bis 18 Uhr), später (28. April bis 9. September 2007) im Freilichtmuseum Massing sowie abschließend (19. März bis 6. Juli 2008) auf der Glentleiten gezeigt.

Hans Gärtner



34/2006