Jahrgang 2004 Nummer 52

Mozart auf der Reise durch Europa

Ein Drittel seines Lebens war Mozart unterwegs

Mozart reiste gerne. »Ohne Reisen ist man wohl ein armseliges Geschöpf«, schrieb der 22-Jährige am 11. September 1778 aus Paris an seinen Vater Leopold. Im gleichen Monat notierte er: »Ein Mensch von mittelmäßigem Talent bleibt immer mittelmäßig, er mag reisen oder nicht, aber ein Mensch von superieurem Talent – welches ich mir selbst, ohne gottlos zu sein, nicht absprechen kann – wird schlecht, wenn er immer im nämlichen Orte bleibt.«

Mozarts Lebenszeit belief sich auf nur 35 Jahre. Davon war er, wie man ausgerechnet hat, rund zehn Jahre unterwegs auf Reisen – ein Drittel seines Lebens.

Wie beschwerlich und nicht selten gefährlich Reisen im 18. Jahrhundert gewesen ist, schildern uns viele Reiseberichte. Die unbequemen, meist ungefederten Kutschen waren nicht zu vergleichen mit den komfortablen Postkutschen der Biedermeierzeit. Sie stießen einem die Seele aus dem Leib, blieben zuweilen im regennassen Gelände stecken, mussten wegen eines Radbruchs eine lange Zwangspause einlegen oder wurden, besonders in Italien, von Wegelagerern überfallen. Der primitive Straßenzustand war ein Kapitel für sich, die Reisenden wurden durcheinander gerüttelt und -geschüttelt.

Mozart erzählt selbst von einer solchen Marterreise im Jahre 1780, als er zur Vorbereitung seiner Oper »Idomeneo« von Salzburg nach München reiste. Seine Fahrtroute führte durch den Rupertiwinkel und den Chiemgau über die Orte Salzburghofen, Schign, Schönram, Petting, Waging, Otting, Biburg, Holzhausen, Stein an der Traun, Altenmarkt, Rabenden, Obing, Frabertsham, Kirchensur, Wasserburg, Reithmering, Steinhöring, Ebersberg, Zorneding, Trudering, Haidhausen in die Innenstadt von München.

Nach der Ankunft in der bayerischen Hauptstadt schreibt er an seinen Vater: »Glücklich und vergnügt war meine Ankunft in München – glücklich, weil uns auf der Reise nichts Widriges zugestoßen, und vergnügt, weil wir kaum den Augenblick an Ort und Ende zu kommen, erwarten konnten wegen der obwohl kurzen, doch sehr beschwerlichen Reise; denn ich versichere Sie, dass es keinem von uns möglich war, nur eine Minute die Nacht durch zu schlafen. Dieser Wagen stößt einem doch die Seele heraus! Und die Sitze hart wie Stein! Von Wasserburg an glaubte ich in der Tat meinen Hintern nicht ganz nach München bringen zu können, er war ganz schwielig – und vermutlich feuerrot. Zwei ganze Posten (Etappen von jeweils rund 25 km) fuhr ich die Hände auf dem Polster gestützt und den Hintern in der Luft haltend – doch genug davon! Aber zur Regel wird es mir sein, lieber zu Fuß zu gehen, als in einem solchen Postwagen zu fahren.«

Rudolph Angermüller, der Generalsekretär der Internationalen Stiftung Mozarteum in Salzburg, kommt in seiner Untersuchung von Mozarts Reisetätigkeit zu dem Ergebnis, dass der Komponist in seinem kurzen Leben mehr als zweihundert Orte und Städte gesehen hat. Er kam in zehn Länder des Europa von heute, nämlich nach Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Italien, die Niederlande, Österreich, die Schweiz, Slowenien und Tschechien. So gesehen, kann man Mozart als einen wahren Europäer bezeichnen, für den die nationalen Grenzen ebenso wenig ein Hindernis darstellten wie für seine heute über die ganze Welt verbreitete Musik. »Seine Reisen vermittelten Mozart bleibende Eindrücke und formten ihn, sein kompositorisches Schicksal wäre sicher anders verlaufen, wäre er nicht so viel gereist«, stellt Angermüller fest.

Die wichtigste deutsche Stadt war für Mozart München, wo er insgesamt acht Mal weilte. München war im 18. Jahrhundert ein europäisches Kunst- und Kulturzentrum erster Klasse, wo die Kurfürsten Maximilian III. Joseph und Carl Theodor besonders die (italienische) Oper pflegten. Im Jahre 1753 fand die Eröffnung des Residenztheaters statt, das zunehmend baufällig gewordene Theater am Salvatorplatz schloss 1799 seine Pforten. Die Übersiedlung der Mannheimer Hofkapelle nach München führte zu einer Steigerung des Musiklebens und zur Erweiterung des Repertoirs, nachdem die Hofkapelle auf sechzig Instrumentalisten aufgestockt worden war. Obwohl Mozart die Stadt München liebte, gelang es ihm nicht, eine feste Anstellung am Hof zu erlangen. Kurfürst Maximilian, ein Liebhaber der italienischen Virtuosenoper, zeigte für Mozarts Musik wenig Interesse, die Stelle eines Kapell- und Konzertmeisters existierte in München nicht. Die Premiere seines »Idomeneo« erntete beim Münchener Publikum nur mäßigen Beifall, die Presse schwieg zur Premiere im Residenztheater.

In seiner Heimatstadt Salzburg beobachtete man die vielen Reisen der Mozartfamilie mit Aufmerksamkeit, aber auch mit einer Portion Missgunst. Der Benediktinerpater Beda Hübner vom Stift St. Peter vermerkt in seinem Tagebuch, als die Mozarts Ende November von ihrer dreieinhalbjährigen Reise durch Westeuropa zurückkehrten: »Man sagt sehr stark, diese Mozartische Familie werde wiederum nicht lange allhier verbleiben, sondern in Bälde gar das ganze Skandinavien und das ganze Russland und vielleicht sogar in das China reisen, welches noch eine weit größere Reise und ein höheres Unternehmen wäre ...«

Dass es dazu nicht (mehr) gekommen ist, lag an Mozarts kurz bemessener Lebenszeit. An Reiselust und Unternehmungsgeist hätte es ihm sicherlich nicht gemangelt.

JB

Literatur: Rudolph Angermüller: »Mozarts Reisen in Europa«, 296 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, Verlag K.H.Bock, Bad Honnef, 44,50 Euro.



52/2004