Jahrgang 2005 Nummer 46

Mozart als Schütze und Billardspieler

Salzburger Forscher über die Spielleidenschaft Mozarts

Mozart liebte es, sein Glück beim Spiel zu probieren – ob beim Kartenspiel oder bei Gesellschafts- und Pfänderspielen, bei der Lotterie oder bei dem in Salzburg so beliebten Bölzlschießen. Er kannte über ein Dutzend Kartenspiele und war ein leidenschaftlicher Billard- und Kegelspieler. In Wien war er Gast in Spielcasinos, er spielte bei Bällen und in Kaffeehäusern. Das Spielen war für Mozart offensichtlich der notwendige Ausgleich zu seiner anstrengenden Kompositions- und Konzerttätigkeit.

Seit seinem zehnten Lebensjahr war Mozart Mitglied der Salzburger »Bölzlschützenkompanie«. Geschossen wurde mit Windbüchsen, in die Bolzen eingeführt wurden. Die bis zu einem Meter großen Schützenscheiben hatten die einzelnen Mitglieder zu stiften und waren mit Bildern aus dem Alltagsleben bemalt. Eine wichtige Rolle oblag dem »Bestgeber«, der die Teilnehmer in seinen Garten oder sein Haus einlud und die Preise stiftete. Bei den Mozarts traf man sich meist im sogen. Tanzmeistersaal.

In einem Brief aus Mannheim ersucht Mozart seinen Vater, eine Bölzlscheibe malen zu lassen und beschreibt recht drastisch, wie sie aussehen soll: »Ein kleiner Mensch steht gebückt da und zeigt den bloßen Arsch her. Aus seinem Mund gehen die Worte: Guten Appetit zum Schmaus. Der andere Mensch wird gemacht in Stiefeln und Sporen und mit einer schönen Perücke nach der Mode, er muss von mittlerer Größe sein und wird in der Positur vorgestellt, wie er den andern just im Arsch leckt. Aus seinem Mund gehen die Worte: Ach, da geht man drüber n’aus.«

Das Bölzlschießen begann regelmäßig an allen Sonn- und Feiertagen nach dem Mittagessen und wurde mit Kartenspielen – Tarock, Tresette, L´Hombre und Schmieren – abgeschlossen, bei dem die aus Männern und Frauen bestehende Gesellschaft auf mehrere Tische verteilt war. Es wurde immer um Geld gespielt. Der jeweilige Gastgeber sorgte für die Bewirtung mit Wein, Kaffee und Gebäck. Ehe man sich trennte, unternahm man einen gemeinsamen Spaziergang durch den Mirabellgarten. Wer Pech hatte, konnte trotz der geringen Einsätze an einem solchen Nachmittag zwanzig Kreuzer (10 Euro) oder mehr verlieren, und auf das ganze Jahr umgerechnet war ein Verlust von 30 bis 50 Gulden (1 Gulden entspricht etwa 30 Euro) durchaus möglich – das bedeutete fast ein Drittel von Mozarts anfänglichem Jahreseinkommen im Dienst des Salzburger Fürstbischofs.

»Glück, Spiel und Leidenschaft bestimmten einen nicht unbedeutenden Teil von Mozarts Leben«, urteilt Günther G. Bauer von der Salzburger Universität Mozarteum und langjähriger Leiter des Instituts für Spieleforschung und Spielpädagogik. Zu Mozarts Zeit war es wichtig, möglichst viele Spiele zu beherrschen, um in allen Kreisen, beim Adel und der hohen Geistlichkeit, bei Bürgern, Kaufleuten und Künstlern als Mann von Welt anerkannt zu werden. Eine ebenso gnädige wie ehrenvolle Einladung zu einem Kartenspiel oder einer Partie Billard durfte unter keinen Umständen abgelehnt werden. Weil selbstverständlich um Geld gespielt wurde, konnte ein solcher Gunstbeweis eines hochadeligen Bewunderers manchmal ziemlich kostspielig werden ...

Als Mozart nach Wien ging, war dort Billard die große Mode. In fast jedem Kaffeehaus standen Billardtische und natürlich auch in den polizeilich überwachten Spielcasinos. In den höheren Kreisen gehörte es zum guten Ton, an den Nachmittagen der Sonn- und Feiertage Billard zu spielen. »Man spielt um hohen Einsatz, Fürsten und Grafen, Generäle und Fremde vom Stande sind hier, die sich über die Spiele große Wetten machen«, heißt es in einem zeitgenössischen Bericht. Es gab herumreisende »Glücksritter«, die Spielen zu ihrem Beruf machten und teils durch Tricks, teils durch ungewöhnliches Können für Aufsehen sorgten und die Zuschauer zu Wetten auf den Spielausgang animierten. Dass Mozart an solchen zwielichtigen Typen Interesse hatte, beschreibt der Goethe-Freund Sulpice Boisserée: »Mozart war ein leidenschaftlicher Billardspieler und spielte schlecht. Wenn ein berühmter Billardspieler in Wien ankam, hat’s ihn mehr interessiert, als ein berühmter Musiker. Dieser, meinte er, würde schon zu ihm kommen, aber jenen suchte er auf; er spielte hoch, ganze Nächte durch. Er war sehr leichtsinnig, seine Frau hat’s ihm nachgesehen ... Immer hatte er Geld notwendig.«

Wenn Constanze ihrem Mann das Spielen auch gegönnt haben mag, war sie über die damit verbundenen Ausgaben wohl kaum erbaut. Das dürfte der Grund dafür gewesen sein, dass nach dem Umzug in das Figarohaus in der Schulerstraße ein eigenes Billardzimmer eingerichtet wurde, so dass Mozart daheim seiner Leidenschaft nachgehen konnte, entweder zusammen mit Constanze oder auch allein. In der Mozart-Biographie von Nissen ist zu lesen: »Das Billardspiel liebte er leidenschaftlich und hatte sogar ein eigenes zu Hause, bei dem er sich täglich mit seiner Frau unterhielt.«

Schlichtegroll schreibt: »Das Billard liebte er leidenschaftlich und hatte sogar eines in seinem Hause, auf welchem er sich allein für sich zu unterhalten pflegte.« Dass er gelegentlich allein Billard spielte, bezeugt Mozart selbst in einem Brief an die in Baden zur Kur weilende Constanze im Oktober 1791, eine Woche nach der Zauberflöten-Premiere:

»Gleich nach Deiner Abseeglung spielte ich mit Hr. von Mozart zwei Parthien Billard, dann ließ ich mir schwarzen Kaffee holen, wobey ich eine herrliche Pfeiffe toback schmauchte...« Man sieht: Mit Billardspielen, Kaffee und Tabak gelang es Mozart anscheinend erfolgreich, sich über sein Strohwitwerdasein während des Kuraufenthalts seiner Frau hinwegzutrösten.

Wie stand es in den Wiener Jahren mit den Finanzen der Familie Mozart? Der begnadete Komponist der »Zauberflöte« war keineswegs das verarmte Genie, als das er von der Romantik dargestellt wurde, im Gegenteil, er gehörte wie Haydn und Händel zu den höchstbezahlten Künstlern seiner Zeit, stellt Professor Günther G. Bauer in seinem Buch »Mozart – Glück, Spiel und Leidenschaft« (Verlag K. H. Bock, Bad Honnef, 2005) fest. Mit seinem Jahreseinkommen von umgerechnet 120 000 bis 150 000 Euro konnte er nobel leben und sich jederzeit mit seinen wohlhabenden Freunden aus dem Wiener Adel an einen Spieltisch setzen. Allerdings war er, wie Bauer meint, aufgrund seiner Naivität und Gutgläubigkeit eventuellen Betrügern mehr oder weniger hilflos ausgeliefert. So könnte es dazu gekommen sein, dass er mehrfach beim Spielen große Verluste erlitt und deshalb seine Freunde wie den Logenbruder Puchberg um Geld anbetteln musste. Wie anders wäre es zu erklären, dass sich Constanze nach Mozarts Tod einem Schuldenberg von fast 5000 Gulden gegenübersah? Mit Hilfe von Konzerteinnahmen, Gönnern und Mäzenen konnte die Witwe die Schulden schon innerhalb weniger Jahre abtragen, und nach ihrem Tod hinterließ sie ein Vermögen von 27 000 Gulden.

Die Vermutung, Mozarts katastrophale finanzielle Lage in seinen letzten Lebensjahren sei auf seine Spielleidenschaft und die damit verbundene Verschuldung zurückzuführen, hält auch Günther G. Bauer für möglich. Nach dieser Version hat sich Mozart mit reisenden Berufsspielern eingelassen, die ihn an Geschicklichkeit und Raffinesse weit übertrafen, und verlor auf diese Weise Tausende von Gulden. Spielschulden mussten nach dem Ehrenkodex der damaligen Zeit sofort beglichen werden, denn bei ihnen ging es »um Ehre und Glaubwürdigkeit«, worauf Mozart in mehreren Bittbriefen an seinen Logenbruder Puchberg eindringlich verweist (»Wenn Sie mir in dieser meiner Lage nicht helfen, verliere ich meine Ehre und meinen Credit«, schreibt er in einem Brief am 27. Juni 1788).

Der Mozartforscher Günther G. Bauer stützt sich bei seiner Untersuchung auf zahllose Textstellen, trägt bisher kaum bekannte Zitate zusammen und entwirft ein sehr lebendiges Bild der Spiel- und Alltagskultur der Mozartzeit. Auch Mozart selbst erscheint in diesem Zusammenhang in neuem, facettenreicherem Licht. Man kann sich vorstellen, dass seine übermenschlichen schöpferischen Arbeiten ohne die Entspannung bei Spiel und Unterhaltung nicht möglich gewesen wären. Bauers Fazit: »Welchen Preis Mozart für seine Spielleidenschaft bezahlen musste, werden wir wohl nie erfahren – verglichen mit dem Universum seiner wunderbaren Musik ist das letztlich auch nicht so wichtig.«

JB

Literatur: Günther G. Bauer: »Mozart: Glück, Spiel und Leidenschaft«, 416 Seiten mit 76 Abb., Verlag K. H. Bock, Bad Honnef.



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