Jahrgang 2006 Nummer 23

Mit dem Zeitrad durch die Erdgeschichte

Die neuen Abteilungen für Geologie und Mineralogie im Haus der Natur

Der größte bisher gefundene Ammonit hat einen Durchmesser von zwei Metern.

Der größte bisher gefundene Ammonit hat einen Durchmesser von zwei Metern.
Eine Amethyst-Mandel aus der Edelstein-Abteilung.

Eine Amethyst-Mandel aus der Edelstein-Abteilung.
Fossilien aus der Jurazeit von einer Fundstätte nahe Eichstätt.

Fossilien aus der Jurazeit von einer Fundstätte nahe Eichstätt.
Mit der Neugestaltung der Mineralienschau und der Geologischen Abteilung rückt das Haus der Natur in Salzburg nicht nur die bisherigen Exponate in ein neues Licht, sondern bereichert den Bestand des Hauses um mehrere äußerst interessante Stücke. »Ein Museum muss sich laufend neuen Entwicklungen öffnen und die aktuellen Ergebnisse der Forschung ins Bild setzen«, erläutert Museumsdirektor Dr. Eberhard Stüber. »Das Sprichwort ›Wer rastet, der rostet‹ gilt gerade auf dem Gebiet eines naturkundlichen Museums. Wir wollen unseren Besuchern den neuesten Stand des Wissens präsentieren.

Absolut neu ist eine Comuter-Station, die dem Besucher die Entstehung der Kontinente und der Ozeane veranschaulicht. Ein großes »Zeitrad« setzt eine Computersimulation in Gang und nun erlebt man hautnah, wie sich die Lage der einzelnen Erdteile im Laufe der Erdgeschichte verändert hat und weiter verändern wird. Ausgehend vom Urkontinent Pangäa entsteht vor dem Besucher der Atlantische Ozean, der afrikanische Kontinent driftet nach Norden, Indien schließt sich an Asien an und die großen euroasiatischen Gebirge wachsen empor.

Die von dem deutschen Forscher Alfred Wegener bereits im Jahre 1912 entwickelte Therorie der sogenannte Kontinentalverschiebung war anfangs umstritten, ist aber inzwischen allgemein anerkannt. Moderne Messmethoden konnten das Auseinanderdriften der Kontinente exakt nachweisen. So vergrößert sich der Abstand zwischen Amerika und Europa pro Jahr um mehrere Zentimeter, ebenso driftet Indien weiterhin etwa mit der gleichen Geschwindigkeit in Richtung Norden. Der dadurch ausgelöste Druck führte dazu, dass die Gebirgsmassen des Himalaya nach oben geschoben wurden und die Gipfel sich auch heute noch kontinuierlich erhöhen. Auch die skandinavische Halbinsel hebt sich jährlich um drei Zentimeter, und der Oberrheingraben zwischen Basel und Bingen erweitert sich Jahr um Jahr um einen Zentimeter. Alles Beweise, wie unruhig unsere Erde ist und dass der gegenwärtige Zustand nur eine Momentaufnahme im Strom der Jahrmillionen bedeutet.

Ein Blickfang der Ausstellung ist die größte Ammonitenschale der Welt mit zwei Meter Durchmesser. Der riesige Kopffüßler, ein weitschichtiger Verwandter der heutigen Tintenfische, lebte in der Jurazeit vor 80 bis 70 Millionen Jahren. Ein weiterer kapitaler Ammonit mit einem Gehäuse von 1,40 Meter Durchmesser, stammt von einer Fundstelle im Bereich des Untersbergs. Auch in den Marmorsteinbrüchen bei Adnet sind sehr schöne Ammoniten in verschiedener Größe gefunden worden, die von der großen Verbreitung dieser Tiere zeugen. Nicht weit von Adnet entfernt liegt das Wiestal, wo sehr gut erhaltene Fischversteinerungen geborgen wurden. Ein Großteil von ihnen zählt zu den sogenannten Schmelzschuppern. Ihre Schuppen waren mit einer zähen, dem Zahnschmelz ähnlichen Material überzogen und lagen plattenartig nebeneinander. Sie wurden mehr und mehr von den Knochenfischen verdrängt, deren dachziegelartig übereinanderliegenden dünnen Schuppen mit ihrer Leichtbauweise den Schmelzschuppern deutlich überlegen waren.

Eine Reihe herausragender Fossilien in der neu gestalteten geologischen Abteilung stammt aus dem Steinbruch St. Pankraz am Haunsberg gegenüber der Stadt Laufen. Vor 50 Millionen Jahren erstreckte sich hier in der Jurazeit ein warmes Flachmeer mit idealen Lebensbedingungen für Korallen, Muscheln, Austern, Seesternen, Seeigeln, aber auch Haifische und Krokodile, deren Vielfalt die ausgestellten Fossilreste ahnen lassen. Prachtstück ist eine versteinerte Riesenschildkröte, die Frau Hilda Steinbacher aus Bad Reichenhall am Haunsberg entdeckte und großzügiger Weise dem Haus der Natur übereignete.

Wenig bekannt ist die Tatsache, dass auch Reste von Fischsauriern im Salzburger Land aufgefunden worden sind, und zwar in der Glasenbachklamm, im Raum von Unken und von St. Kolomann. Es handelt sich um einzelne Wirbel, um Kieferfragmente und um Zähne. Die bis zu 15 Meter langen Tiere atmeten wie alle Reptilien mit Lungen, brachten aber lebende Junge zur Welt. Die Fischsaurier lebten jedoch nicht an ihren späteren Fundorten, sondern im heutigen Nordafrika. Nach ihrem Tod vor gut 150 Millionen Jahren wurden sie in Kalkschlamm eingebettet und erst im Zuge der Kontinentalverschiebung und der alpinen Gebirgsbildung über hunderte von Kilometern nach Norden verfrachtet.

Völlig neugestaltet ist der Schauraum für die Mineralien aus der Salzburger Bergwelt. Hier nehmen die Smaragde aus dem Habachtal mit ihrem herrlichen Grün in vollendeter Schmuckqualität den Spitzenplatz ein. Daneben zeigt eine Vitrine reines (»gediegenes«) Gold aus den früheren Salzburger Goldbergwerken Schellgaden im Lungau, Radausberg im Gasteiner Tal, Hirzbach bei Fusch, vom Rauriser Goldberg und in Enzenberg im vormals zu Salzburg gehörenden Zillertal. Von der Knappenwand im Untersulzbachtal stammen die schönen Epidote mit einem der größten Kristalle, der jemals gefunden wurde. Augite und die seltenen Scheelitkristalle kommen aus dem Söllnkar im Krimmler Achental. Die Salzvitrine vom Dürrnberg bei Hallein zeigt kristallisierte Salzwürfel und Gipskristalle. Weitere Besonderheiten sind eine wunderbare Aragonitstufe aus Maria Alm, der honiggelbe Wagnerit aus dem Höllgraben bei Werfen und die Blauquarze vom Grubbach bei Golling, der einzigen Fundstelle für Blauquarze in Europa.

Eine Leihgabe eines Salzburger Sammlers ist die kostbare Kollektion von Edelsteinstufen und von Goldmünzen der Habsburger Kaiser und der Salzburger Erzbischöfe. Dank der geschmackvollen Präsentation in der Schatzkammer des Museums teilt sich dem Besucher etwas vom geheimnisvollen Flair der herrlichen Stücke mit, wenn er die in vielen Farben glitzernden Kristalle betrachtet, die Rubine und Saphire, Amethyste, Topase, Turmaline, Smaragden und Diamanten.

Natürlich haben auch die zwei Großfunde von Bergkristallen in den Hohen Tauern aus den Jahren 1962 und 1965 in der neugestalteten Mineralogie-Abteilung den gebührenden Platz erhalten. Die von Sepp Oschlinger in Rauris im Gebiet des Sonnblicks entdeckte Kluft befindet sich in 2400 Meter Höhe und enthielt 250 Kilogramm Bergkristalle und Feldspat, die zur Gänze dem Haus der Natur übergeben wurden. Noch umfangreicher war der Fund Peter Meilingers aus der Nordwand des Eiskögeles im Talschluss des Stubachtales. Der ausgestellte Bergkristall mit einem Gewicht von 618 Kilogramm ist der gewaltigste Einzelkristall, der je in den Alpen gefunden worden ist. Die Kluft am Eiskögele war vor wenigen Jahrzehnten noch vom Gletschereis völlig bedeckt. Durch das Schmelzwasser, das im Winter immer wieder gefror, wurden die Kristalle vom Fels abgesprengt und lagen schließlich frei auf einer Plattform. Peter Meilinger verständigte den Ortspfarrer von Hollersbach über seine Entdeckung, dieser informierte das Haus der Natur in Salzburg. Der Abtransport des insgesamt zwei Tonnen schweren Fundes erwies sich als äußerst schwierig und war nur dank der Hilfe des Österreichischen Bundesherres möglich.

Julius Bittmann



23/2006