Jahrgang 2004 Nummer 36

Meister des barocken Europa: Johann Michael Rottmayr

Laufen ehrt seinen auch in Salzburg zu bejubelnden größten Sohn zu dessen 350. Geburtstag

Sie sprach vollmundig von der hohen Bedeutung der Grenzüberschreitung in einem sich immer mehr einenden und erweiternden Europa, überschritt aber die borderline ihres Landes nicht. Österreichs Außenministerin Benita Ferrero-Waldner. Bei ihrer Rede zur Eröffung der Doppelausstellung »Johann Michael Rottmayr – Genie der barocken Farbe« in der Salzburger Residenz (wo im Dommuseum vor allem das Altarbild-Werk auf leider allzu engem Raum beieinander hängt) wollte die illustre Botschafterin eines brüderlich vereinten Europa nicht darauf verzichten zu betonen, dass sie als Oberndorfer Kind die Brücke über die Salzach nach Laufen nie als trennend, sondern als verbindend sah. Doch hatte die Ministerin für den Vernissage-Teil in der alten Salzburger Schifferstadt, gerade einmal zwanzig Kilometer von Salzburg entfernt, keine Zeit mehr und entschuldigte ihr Fernbleiben damit, gerade erst von Dublin gekommen zu sein und ihr es daher sehr pressiere, nach Wien zu kommen.

Laufen strengte sich mächtig an, um die große Stunde zu Ehren seines größten Sohns, des hier am 10. Dezember 1654 geborenen und später berühmt gewordenen Malers Michael Rottmayr (den »Johann« gab er sich erst später dazu, der 1704 vom Kaiser mit dem Prädikat »von Rosenbrunn« geadelt wurde) für die vielen Eröffnungsgäste der flächenmäßig äußerst bescheidenen Ausstellung im Alten Rathaus so beeindruckend wie nur möglich zu gestalten: mit Vokal- und Instrumentalmusik der Rottmayr-Zeitgenossen Peter Guetfreund und Josef Paris Feckler, mit einem bedauerlicherweise viel zu kurzen Einführungsvortrag des Rottmayr-Spezialisten Walter Brugger aus Freising und einem Empfang der Stadt. Der geriet trotz prima funktionierender Logistik dann für einen Gutteil der Gäste, die kein Bröcklein und auch kein Tröpflein mehr vom viel zu knapp bemessenen Büffet erwischten zur leichten Katastrophe. Ob sie dann wenigstens die gleichwohl »schmale Kost« der nur 17 Exponate, die ihnen die Kuratoren mit Salzburgs Dommuseumsdirektor Peter Keller an der Spitze zum Anschauen boten, zufrieden stellen konnten? Recht karg jedenfalls fiel die Bestückung eines Glaskastens aus mit ein paar Originaldokumenten und der Literatur über den Meister des barocken Europa, den man nun etwas ungelenk zum Farb-»Genie« seiner Epoche erhoben hat. Walter Brugger bot ein neues Buch über Rottmayr und der herausragende Katalog (29,90 Euro) mit Beiträgen von ihm, dem gebürtigen Laufener (er beschreibt eingangs Leben und Werk nach neuester Forschungslage) und anderen Autoren zu Details des zeichnerischen und malerischen Oevre Rottmayrs stellt dieses in den Kontext damaligen europäischen Kunstschaffens.

Nur allzu gern wird auf Rottmayrs Euro-»Fähigkeit« verwiesen: Den in seiner Taufkirche im Laufener Stiftsviertel Versammelten wurde nur in Andeutung klar gemacht, dass Rottmayr zur Führung von Zeichenstift und Pinsel durch die Mutter und den Großpapa, einem geschickten Fassmaler, angeregt, schon bald nach Venedig zum Lernen ging, in Salzburg und Wien wirkte, von wo aus er zahlreiche Reisen nach Schlesien und Italien unternahm und wo er in der Tat Aufträge aus ganz Europa entgegennahm – für Deckenfresken und Altarbilder hauptsächlich. Landschaften und Porträts sucht man bei J. M. Rottmayr vergeblich. Seine ganze Meisterschaft weihte er Christus, Maria und den großen Heiligen seiner Kirche mit vorliebe Franziskus von Assisi, aber auch dem Erzengel Michael, Sankt Sebastian, Veit, Barbara, Benedikt, Dominikus, Benno, Nikolaus, Karl Borromäus, Ottilie ... In zahlreichen Klöstern, Kirchen und Kapellen, im Dom und in der Residenz zu Salzburg, dazu in vielen Museen von Wien bis München, von Mainz über Karlsruhe bis Klosterneuburg prangen heute – ob auf imposanten Fresken oder den stets theatralisch aufgeladenen religiösen Ölgemälden – die vom Salzburger Erzbischof Georg Kothgasser in der Eröffnungsrede hoch gelobten jedoch vor der Überinterpretation ihrer liturgischen Bedeutung zu bewahrenden Blau und Rot als die typischen Rottmayr-Farben. Der Umgang mit ihnen und sein Talent hätten allein Rottmayrs Weltruf als Meistermaler seiner Epoche begründet. Wer sich in seine Bilder vertieft, wird den Gedanken der allzeit überbordenden Inszenierung nicht los. Die halbnackten Männerakte – mit am beeindruckendsten der des greisen Loth, dem eine seiner fürstlich herausgeputzten, sichtlich erotisierten Töchter an die Wäsche (sprich: das neckische rote (!) Lendentuch) will – erschöpfen sich bald und wiederholen sich in Gestus und Anspruch. Das zunächst trunkene Auge wird bald müde, weil es so viel Üppigkeit und Überschwang kaum erträgt und kehrt dann, fast reumütig, zurück zu den eher statischen Heiligendarstellungen.

Prototypisch hierfür: der Rupertus des ehemaligen Schifferaltars an der Ostwand des südlichen Seitenschiffs der Laufener Stiftskirche mit heiligen Frauen und den Laufener »Erbausfergen«-Wappen von 1691 mit einer leicht »verblauten« Landschaft in den Rottmayr’schen gebrochenen Blau- und Rottönen, beispielhaft an Schlichtheit und detailgenauer Schilderung. Im Laufener Alten Rathaus ist neben dem Originaltafelbild (in der nahen Stiftskirche wird es für die Dauer der Ausstellung durch ein Farbfoto ersetzt) auch eine aquarellierte Entwurfs-Skizze zu sehen, die zu Vergleichen zwischen Plan und Ausführung anregen kann: Farben, Linien, Akzentuierung. Schlau war Rottmayr, dem man eine geschäftstüchtige Ader nachweist, allemal: die Figur wiederholte er mehrfach, für einen Raitenhaslacher Wolfgang etwa oder den vierzig Jahre später gemalten Nikolaus in Prottes.

Eines der liebevollsten Laufener Exponate ist das 2004 gereinigte, gekittete und retouchierte spitzbogige »Lünettenbild« aus dem Friedhofsgang. Rottmayr erstellte es 1698 auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft (ihm waren noch 32 Lebensjahre gegönnt) in Erinnerung an seine Eltern. Der Mutter, einer Malerin, widmete er den die Madonna malenden hl. Lukas, dem Musiker-Vater die hl. Cäcilia. Dominiert wird die traute Szene von einer Madonna mit Kind in der fast schon zum barocken Klischee gewordenen rot-blauen Gewandung. Dünn lasierend seien die Farben aufgetragen, weiß Peter Keller und ordnet das volkstümliche Werk Rottmayrs als einen der vielen Belege für seine herausragenden malerischen Fähigkeiten ein.

Bei der barocken Fülle der Figuren seiner weit ausladenden Deckenfresken, die auch schon einmal in die griechische Mythologie und ins Allegorische reichen, aber auch den heute schwer erträglichen frömmelnd-schmachtenden Augenaufschlägen seiner stets rotwangigen wohlgenährten Protagonisten der Altargemälde sah der Gefeierte, der es ja zum kaiserlichen Hofmaler gebracht hatte, sich selbst durchaus schlicht. Sein Selbstbildnis mit 55 Jahren, entliehen vom Herzogenburger Augustinerchorherrenstift, zeigt Rottmayr mit Perücke, aber in einfacher brauner Kleidung. Es kehrt den Geadelten, nicht den Kunsthandwerker hervor.Auch wenn das mächtige Tondo von sage und schreibe 2 Meter 85 Durchmesser mit der Allegorie der Geschichte und Astronomie von 1711 motivlich nicht zum Besten Johann Michael Rottmayrs zählen mag, ist es doch ein Prunkstück des Laufener Ausstellungs-Teils der großen Jubiläumsschau. Ein Bürger der Gemeinde Fridolfing ersteigerte vor kurzem erst das Bild im Wiener Dorotheum und nun bemüht man sich um private und öffentliche Sponsoren, die es ermöglichen, das Werk für immer im Laufener Alten Rathaus zu belassen. Der Rat von Rottmayrs Geburts-Stadt jedenfalls ist rühmlicher Weise fest entschlossen, es zu erwerben.

Dommuseum Salzburg und Altes Rathaus Laufen a. d. Salzach: »Johann Michael Rottmayr (1654-1730) Genie der barocken Farbe« geöffnet (Salzburg) Mo-Sa 10-17, So und Fei 11-18 Uhr bzw. (Laufen) Do-Sa 10-17, So und Fei 11-18 Uhr (bis 31. Oktober).

HG



36/2004