Jahrgang 2012 Nummer 47

Mega-Juwelen in Mini-Vitrinen

Wie vor gut 1000 Jahren das Wort Gottes kunstvoll erhöht wurde, zeigt eine einzigartige Schau

Decretum.
Salzburger Perikopenbuch
Einband mit Kreuzigung
Ottobeurener Evangeliar, »Thronender Christus«, circa 1165.
Evangeliar aus Schäftlarn um 860

Ein Traum sei Wirklichkeit geworden: die wundervollsten Schätze, die die Bayerische Staatsbibliothek (BSB) ihr eigen nennt, aber in einem Bunker verwahren muss, nie angemessen präsentieren kann, nun einmal in Räumen zu zeigen, die der Einzigartigkeit der Objekte voll und ganz Rechnung tragen. BSB-Direktor Rolf Griebel sprach sogar davon, dass dieser nun realisierte Traum unwiederholbar sei und in seiner Art einzigartig bleiben würde. Das sind große Worte. Die aber keineswegs zu hoch gestapelt ausgesprochen wurden, als die Ausstellung »Pracht auf Pergament. Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180« in Münchens, von der BSB nur wenige Gehminuten entfernten, Kunsthalle der Hypokultur- Stiftung im Beisein der alten (Christiane Lange) und neuen Leitungspersönlichkeit (Roger Diederen) eröffnet wurde.

Roger Diederen, seit mehreren Jahren die rechte Hand Christiane Langes, war so schlau, sich auf zwei Expertinnen der mehr als tausend Jahre alten, kostbaren Handschriften zu stützen, die für Auswahl und Anordnung der in der BSB nur in deren kleiner Schatzkammer vorzeigbaren, höchst raren Objekte ihre Kompetenz einbringen: Claudia Fabian und Béatrice Hernad. Sie sind die »wissenden Wächterinnen« über den weltweit größten Bestand an mittelalterlichen Handschriften überhaupt. 72 erlesene Stücke wurden – ergänzt durch drei aus der schwesterlichen Staatsbibliothek Bamberg – ausgesucht. Sie werden im höchsten Standard der Museumstechnik, den die Hypo-Kunsthalle in Münchens vornehmem Fünf-Höfe-Viertel nun einmal aufzubieten hat, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Doch brilliert in der vielräumigen, großzügig geschnittenen Hypo- Kunsthalle keineswegs die Technik allein. Es gelang auch, einen der Thematik des Außergewöhnlichen und dem Charakter des Solitären angemessenen Rahmen durch Feierlichkeit und Distanz erzeugende, dunkelrot verkleidete Wände und intim beleuchtete Glaskästen, in denen jedes Buch einzeln, oft unterspiegelt (um die Einbände zu zeigen) und an einer bestimmten Stelle aufgeschlagen, prangen darf, zu schaffen. Diese gewiss nicht fürs breite Publikum konzipierte Ausstellung durchschreitet der speziell an alten, sehr ehrwürdigen sakralen Büchern interessierte Besucher ehrfürchtig wie einen Sakralraum. Er wird durch weiße, auf Weinrot gesetzte Einführungstexte – gleich am Entree gilt es ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen zum Thema »mittelalterliche Buchkunst« zu goutieren – über die in fünf Etappen geteilte Schau geführt.

Die Werke – allesamt Mega-Juwelen, die in Mini-Vitrinen auf eigens angefertigten »Buchwiegen« mit dem jeweils »subjektiv« richtigen Öffnungswinkel liegen – umspannen den Zeitraum von der Karolingischen Renaissance über die Kunst der Ottonischen Kaiser (Otto der Große, Heinrich II.) bis zu den Handschriften aus namhaften bayerischen Klöstern und ihren Malschulen, ausgehend von Tegernsee, hinübergreifend auf die Insel Reichenau im Bodensee, dann vor allem aus St. Emmeram in Regensburg, aber auch aus Freising und Salzburg. Die Buchmalerei, so Kuratorin Claudia Fabian, sei zwar ins Zentrum gerückt (und dazu angetan, den Blick jeweils vornehmlich auf die »Bild«-Seite der aufgeschlagenen Bücher zu richten), doch handle es sich bei den insgesamt 75, wissenschaftlichen Selektionskriterien entsprechenden Exponaten um so etwas wie Gesamtkunstwerke; zählen doch die Einbände, geschaffen aus kostbaren Materialien wie gefassten, bunten Edelsteinen, Emailmedaillons, Elfenbein und Perlen, nicht weniger dazu als die farbig gemalten, mit Gold unterlegten und mit Silber aufgefrischten Illuminationen sowie die mit ihnen in direktem Zusammenhang stehenden, in der Mehrzahl liturgischen Zwecken dienenden Texte.

Diese – ob Bibelstelle, Überlieferung, Beschreibung, Belehrung, Gebet oder theologische Erläuterung – und ihre bildhafte »Erhellung« sind nahezu ausschließlich religiös motiviert und intendiert. Es handelt sich vorwiegend um sogenannte Evangeliare, Evangelistare, Sakramentare und Perikopenbücher. Auch ein Gebetbuch – brandaktuell nach der erst vor Kurzem erfolgten Heiligsprechung durch Papst Benedikt XVI. – ist darunter zu finden, nämlich das der Hildegard von Bingen. Nur wenige Ausstellungsstücke verlassen die Sphäre Heiliger Schrift und begeben sich auf juristische, medizinische, dichterische und musikalische Gefilde. Die »Freisinger Denkmäler« dienen über das Religiöse hinaus als älteste Belege für die slowenische Sprache. Sie seien daher nach Claudia Fabian geradezu »Pilgerobjekte« für Slowenen und deren Sprachverwandte. Alle gezeigten Stücke waren einmal so etwas wie Kultgegenstände. Sie dienten also nicht dem Alltagsgebrauch. Der Kontext, in dem sie stehen, ist beeindruckend. Das Gottesgnadentum der Herrscher, die »Heiligkeit« der deutschen Kaiser, die die Bücher in Auftrag gaben oder denen sie gewidmet waren, ist aus beinahe jedem der präsentierten Stücke ablesbar. Das damalige europäische Weltbild, so erläuterte Claudia Fabian, war geprägt durch die Einheit von Staat und Kirche. Die hohe Bedeutung und kaum zu überschätzende Rolle der Klöster für das kulturelle Erbe, das wir heute besitzen, geht aus ihnen unmittelbar hervor. Waren es doch Mönche, namenlos in aller Regel, die die Handschriften kunstvoll erstellten (keiner von ihnen hatte »künstlerische« Ambitionen, besaß aber in hohem Maße künstlerische Fähigkeiten), sie illustrierten und, Initialen zumeist oder hervorzuhebende Textpassagen, mit Ornamenten verzierten – als Ausdruck der Verehrung und Huldigung des sakrosankten Geschehens, das demonstriert wird.

Oft trifft man auf die vier Evangelisten Matthäus (mit dem Engel), Markus (mit dem Löwen), Lukas (mit dem Stier) und Johannes (mit dem Adler). Sie werden, in Haltung und Spannung den schreibenden und malenden Mönchen verwandt, als »scriptores« und »pictores« vorgeführt. Der herrschaftlich thronende Christus in der Mandorla, der von einem zischenden Drachen geleitete apokalyptische Engel, manchmal abseitige Szenen aus dem Alten Testament - da und dort verlassen sie den »Ernst der Lage« und begeben sich auf witzige Art in einen subtilen Humor. Dem Besucher mit Bibelkenntnis erschließen sich neue Sichtweisen. Der künstlerische Anspruch ist, das sei noch einmal betont, nicht Hauptmotiv des ikonographischen Schmucks der Bände. Darin geht es einzig und allein um das zu erhöhende Wort Gottes und um die der Auslegung und Verbreitung dienende Interpretation heiliger Textstellen (sogenannter Perikopen) oder Schlüsselszenen aus der Bibel. Ein rotgrünes Kreuz, das durch ein Flechtband in gleicher Farbkombination herausgehoben wird, ziert das durch seine Schlichtheit glänzende und zudem älteste in der Schau vertretene Werk, das Kaiser Karl der Große in Auftrag gegeben haben soll: die Tegernseer Benedikt-Regel.
Eine aus Bamberg entliehene »Apokalypse« zählt seit 2003 ebenso zum Weltdokumentenerbe der UNESCO wie drei weitere Pracht-Codices: Ottos III. Evangeliar, Heinrichs II. Perikopenbuch und das Evangeliar aus dem Bamberger Dom. In dieser Zusammenstellung und Fülle wird dies alles, was hier stundenlang, wenn man so will, zu bewundern ist, nie mehr irgendwo auf der Welt in Szene gesetzt werden. Das wäre schon aus konservatorischen Gründen unmöglich. Der zwar nur einige hundert Meter zu überwindende Transportweg der gut siebzig kulturellen »Kostbarkeiten vom Feinsten« von der Ludwigstraße in die Theatinerstraße geht nicht ohne, seien es auch nur geringfügige Spuren der Abnützung einher. Deshalb ist es verständlich, dass nur fünfmal während der Ausstellungsdauer von drei Monaten ein bestimmtes Buch »geblättert« wird. Was insofern für den potentiellen Besucher nicht viel bringt, weil er ja nicht weiß, welche Buchseiten wann gewendet werden.

Die Ausstellung »Pracht auf Pergament. Schätze der Buchmalerei von 780 bis 1180« in der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, München, Theatinerstraße 8, geöffnet täglich außer Heiligabend von 10 bis 20 Uhr (Silvester 10 - 14 Uhr), wird bis 13. Januar gezeigt. Schulklassen-Sonderöffnung: jeden Mittwoch 9 - 10 Uhr. Gruppenführungen, Begleitprogramm, Katalog (29 Euro), App zur Ausstellung.


Dr. Hans Gärtner

 

47/2012