Jahrgang 2004 Nummer 45

Martini beendete früher das bäuerliche Wirtschaftsjahr

Ernteschmaus und »Martinilob'n« – Alte Bräuche rund um den Martinstag

Wenn am 11. November des Heiligen Martin von Tours gedacht wird, lebt altes Brauchtum wieder auf. So organisieren sowohl kirchliche als auch kommunale Kindergärten alljährlich ihren Martinsumzug, bei dem neben den Laternen die alten Martinslieder ihren angestammten Platz haben. Erwachsene wissen eine knusprig gebratene Martinsgans ebenso zu schätzen wie einen guten Tropfen »Märteswein«.

Bereits in vorchristlicher Zeit war es Brauch, Anfang November ein Erntefest zu feiern. Damit schloss zugleich das bäuerliche Wirtschaftsjahr. Die germanischen Götter erhielten Opfer, und ein reichlich gedeckter Tisch galt als gutes Omen für das ganze kommende Jahr.

Schon bald nach seinem Tod im Jahr 397 verehrte das einfache Volk den Heiligen Martin als Bischof und Wohltäter der Armen. Mit dem Aufkommen des Martin-Kultes verschmolzen christliches und heidnisches Brauchtum miteinander.

An Stelle der alten Erntefeuer wurden nun so genannte Martinsfeuer abgebrannt und Lichterumzüge zu Ehren des Tagesheiligen veranstaltet. Die traditionellen, üppigen Ernteessen waren als »Martinigastereyen« wiederholt Gegenstand harscher Kritik. Andere, ebenfalls bereits aus vorchristlicher Zeit stammende Bräuche ließen sich aber genauso wenig verbieten: So gab es auch weiterhin am 11. November die ersten winterlichen Heischegänge und Bettelzüge. Es wurde auch eifrig mit der Martinsgerte »gefitzelt«, das heißt, man verteilte Segen bringende Schläge mit Wacholderruten oder sonstigen frischen Zweigen.

Gleichzeitig saß überall das Geld ein wenig lockerer in der Tasche. Die Bauern hatten ihre Ernte eingebracht und ihre Überschüsse verkauft, Knechte und Mägde hatten ihren Lohn erhalten. Man zahlte seine Steuern und Zinsen, schloss neue Verträge, löste die alten und brachte somit das Wirtschaftsjahr zu seinem Abschluss.

Genutzt wurde auch die Gelegenheit, auf den Martinimärkten wichtige Einkäufe zu tätigen und sich - sofern man noch ungebunden war - nach einem potenziellen Ehepartner umzusehen, was diesen Märkten auch die Bezeichnung Heirats- oder Ledigenmarkt eintrug.

Da um diese Zeit zugleich auch die ersten vorweihnachtlichen Schlachtfeste sowie die erste Verkostung des neuen Weines auf dem Programm standen, war für das leiblichen Wohl bestens gesorgt. Statt des Erntehahns, dem anlässlich des alten Erntefestes aufgetischten Fleischgericht, kam eine Martinsgans oder ein Märtesbraten auf die Tafel. Der alte Ernteumtrunk wurde als Martinsminne kredenzt. Umtrunk und Gans waren dann Teil des ausgiebigen »Martinilob'n«, wie das Zechen und Schmausen vielerorts beschönigend genannt wurde.

HM



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