Jahrgang 2008 Nummer 32

Maria, von Engelflügeln emporgetragen

Mit dem Altar im Kloster Rohr schuf Egid Quirin Asam sein Meisterwerk

Der Hochaltar von Rohr in Niederbayern

Der Hochaltar von Rohr in Niederbayern
Apostelgruppe vom Hochaltar in Rohr

Apostelgruppe vom Hochaltar in Rohr
Unter den Darstellungen der Himmelfahrt Mariens nimmt der von Egid Quirin Asam geschaffene Hochaltar im ehemaligen Augustiner-Chorherrenstift in Rohr im Landkreis Kelheim eine Sonderstellung ein. In der Säkularisation wurde das Stift aufgehoben, die Kirche diente als Pfarrkirche, ein Teil des Klosters wurde als Pfarrhof genutzt. Im Jahre 1947 zogen von den Tschechen vertriebene Benediktiner aus Braunau in Ostböhmen in das ehemalige Chorherrenstift ein und errichteten ein Gymnasium mit Internat.

Egid Quirin Asam hat seiner Darstellung der Himmelfahrt Mariens eine alte Legende zugrunde gelegt. Danach war der Apostel Thomas beim Hinscheiden der Gottesmutter nicht zugegen. Die Berichte der Mitapostel, ihr Leib sei nach dem Begräbnis gleich in den Himmel aufgenommen worden, konnten den alten Zweifler nicht überzeugen. Die Apostel führten ihn zum Grab und ließen den Stein entfernen. Und siehe da – das Grab war leer bis auf die Leichentücher und zahlreiche weiße Rosen, die einen herrlichen Duft ausströmten.

Diesen Augenblick unmittelbar nach dem Öffnen des Sarkophags hat Egid Quirin Asam in den Rahmen einer großartigen Barockbühne gestellt. Die Apostel sind um das leere Grab versammelt und zeigen die ganze Bandbreite menschlicher Reaktionen auf das Wunderbare. Vorne links ein Apostel, der einen Arm hochwirft, als wollte er Gott für seine Größe preisen, daneben ein anderer, der an den Stufen des Sarkophags niedergesunken ist und im Gebet verharrt, hinter ihm ein dritter, der triumphierend eine Rose hochhält, rechts der Zweifler Thomas, der die leeren Tücher aus dem Grab zieht, rechts im Vordergrund der in Gedanken versunkene Johannes…

Über der Apostelgruppe sieht man die Muttergottes, die Hauptfigur der ganzen Komposition, die von Engeln gestützt zum Himmel empor schwebt. Der suggestive Eindruck ihres Hinaufschwebens wird hervorgerufen durch die Drehung ihres Körpers, der sich gewissermaßen hinaufschraubt, durch die weit gebreiteten Engelsflügel und die flatternden Stoffbahnen, welche die Illusion einer frei im Luftzug schwebenden Gruppe zur prüfbaren Realität verdichten. Die schwebende Madonna vor dem kobaltblauen Brokatvorhang mit dem kurbayerischen Wappen ist das Glanzstück des ganzen Altars. »Ihr Kleid ist das einer Fürstin, ihr fein geschwungener Körper, die Grazie der Bewegung, die feinen Hände, die Lieblichkeit des Gesichts verraten königlichen Adel«, urteilt Wilhelm Hausenstein. Im obersten Teil des Altaraufbaus thronen Gott-Vater und Gott-Sohn und halten die Krone bereit, mit der sie Maria zur Königin des Himmels krönen werden. Darunter schwebt der Heilige Geist in der Gestalt einer Taube, die in ihrem Schnabel den Brautring Mariens trägt.

Der frühere Regensburger Bischof Rudolf Graber schreibt in einer Betrachtung zum Hochaltar in der ehemaligen Stiftskirche von Rohr: »Die Auffahrt Mariens in den Himmel geschieht nicht wie bei Christus aus eigener Kraft, sondern Maria wird von Engeln emporgetragen, freilich ganz mühelos und leicht, bar jeder Erdenschwere. Was jedoch in ihrem Inneren vor sich geht, konnte auch ein Asam nicht zum Ausdruck bringen, er musste zum Wort der Bibel greifen, das als Inschrift am Chorgewölbe der Kirche zu lesen ist: Komm, meine Taube, du einzige, / empfange die dreifache Krone. / Denn du bist des Vaters Tochter, / des Sohnes Mutter / und die Braut des Geistes.«

Egid Quirin Asam hat zusammen mit seinem älteren Bruder Cosmas Damian Asam die Barockkunst in Bayern zu einem glanzvollen Höhepunkt gebracht. Beide waren Architekten, Egid Quirin außerdem Bildhauer und Stukkator, Cosmas Damian brillierte als Maler. Ihre erste Ausbildung erhielten sie bei ihrem Vater in Tegernsee, nach dessen Tod ermöglichte ihnen der Abt von Tegernsee einen mehrjährigen Aufenthalt in Italien. Für das Augustiner-Chorherrenstift Rohr war nachweislich nur Egid Quirin tätig. Sein Werk ist sowohl die Stiftskirche wie der Hochaltar im Sinne eines »theatrum sacrum«, eines heiligen Schauspiels. Die lebensgroßen Figuren der Apostel und der Gottesmutter sind nicht etwa aus Stein gehauen, sondern Stuckarbeiten über einem Gerüst aus Schmiedeeisen, Reisig und Stroh, jeweils mit Draht verbunden. Darüber wurde zunächst grobkörniger Kalkstuckmörtel angetragen und das Ganze dann mit mehrschichtig feiner werdender Stuckmasse durchmodelliert.

Die Stiftskirche in Rohr gehörte zu den ersten Auftragsarbeiten Egid Quirin Asams nach der Rückkehr von seinem Italienaufenthalt. Von da an ging seine Karriere steil bergauf. die Aufträge kamen häufig von Klöstern, so etwa von den Äbten in Ensdorf, Michelfeld, Weltenburg, Einsiedeln, Weingarten und St. Emeram in Regensburg, aber auch in Böhmen wie Kladrau, St. Nikolaus in der Prager Altstadt und Brevnov. Der Name Asam wurde zum Begriff. Egid Quirin hatte es zu Wohlstand gebracht, er war ein angesehener Mann und besaß in der Sendlinger Straße in München ein vornehmes Wohnhaus. Er konnte es sich leisten, auf einem neu erworbenen Nachbargrundstück für sich eine eigene Kirche zu bauen, ganz nach seinen eigenen Ideen, unabhängig von den Vorgaben irgendwelcher Auftraggeber. So entstand ein ideales Gesamtkunstwerk, das Architektur, Plastik und Malerei harmonisch verbindet und dessen ausgereifte Formen bereits in das Rokoko übergehen.

Julius Bittmann



32/2008