Jahrgang 2021 Nummer 20

Maria Trost – eine Liebe bis zum Tod

Das Gnadenbild von Maria Plain ziert noch heute Salzburger Häuser und Gräber

Vor 250 Jahren wurde das »Maria Trost«-Bild der Wallfahrtskirche Maria Plain nahe Salzburg gekrönt. Alle Fotos: Hans Gärtner
Ganz nah am Original: das Hausbild auf dem Stadtplatz im ehemals salzburgischen Mühldorf a. Inn.
»JESUS MARIA JOSEPH« ist dieses hochbarocke rotmarmorne Hausrelief mitten in Salzburg zugeeignet.
Das noble »Maria Trost«-Bild in der Salzburger Innenstadt ist sicherlich vom Plainer Gnadenbild inspiriert.
Zahlreiche Grabstätten des Salzburger St. Peter-Friedhofs tragen Kopien des »Maria Trost«-Bildes von Maria Plain.
Auf dem Weg zum Plainer Gnadenberg: ein steinerner Bildstock, der zu Rast und Betrachtung einlädt.

Wer sagt denn, dass die Salzburger dumm sind? Sie waren schon immer klug. Für ihre Nöte holten sie sich schon vor Zeiten gern den Himmel in ihre schöne Stadt, sprich: nicht nur in, sondern auch an ihre Häuser, so dass es jeder sehen konnte: Wir stellen uns unter Gottes Schutz. Die Heiligen sollten fernhalten, was schaden könnte. Da hat sich die heilige Familie selbst an einer Hausfassade versammelt, dort schaut der hl. Josef mit dem Jesuskind hinter Glas auf den SalzburgSpaziergänger herab, wenige Schritte weiter ist es der heilige Sebastian, der traurig drei seiner Giftpfeile in Händen hält. War Josef für eine gute Sterbestunde gut, sollte Sebastian vor der Pest bewahren.

An einer Hauswand gegenüber dem vor allem gerne von müde gelaufenen Salzburg-Touristen benutzten Mönchsberg-Aufzug sind es gleich drei Heilige, die auf eine Holztafel gemalt sind: der Stadtpatron Rupertus im Bischofsornat mit dem Salzfass, Sankt Florian mit dem Feuerlöschkübel, den er über ein lichterloh brennendes Haus ausgießt. Dazu: ein von zwei Engeln getragenes Mariahilf-Bild auf einem Wolkenband. Das zweifellos zarteste seiner Art duckt sich unter den steinernen Torbogen am Haus Griesgasse 21, Jahrgang 1804.

Maria, die Hauspatronin der Domstadt

Ob als ganze Figur wie die der Altöttinger schwarzen Madonna in der Goldgasse, ob als sitzende Kindsmutter mit einer weißen Lilie am Haus Kajetanerplatz 4 oder als marmornes Medaillon an diversen Salzburger Gebäuden, das den sanft zur Seite geneigten Kopf Mariens zeigt – Maria, die Gottesmutter, ist der Star der Hauspatrone der Domstadt.

Kein Wunder, dass ein den Salzburgern naheliegender Marienbild Typus bevorzugt wird: »Maria Trost«. Das Gnadenbild vom Plainer Berg zeigt Maria, geschmückt mit einer kranzartigen Kette, in die sieben Sterne eingelegt sind, als junge treusorgende Mutter mit ihrem neben ihr auf einem Bettchen liegenden, nackten Baby. Sie ist dabei, einen Schleier über ihr Neugeborenes zu breiten, das der Mutter beide Ärmchen entgegenstreckt.

Die innige Darstellung, die auch in der kleinen Bergkirche am Alpspitz von Nesselwang gegenwärtig ist, zeigt den mütterlich-liebevollen Umgang mit dem schutzlosen Kind. Sie erinnert an das Gemälde »Maria mit dem schlafenden Jesuskind«, das Guido Reni 1627 für S. Maria Maggiore in Rom anfertigte. So wie Renis heute verschollenes Werk als seitenverkehrt genommene Vorlage für Kupferstiche gedient haben mag – ein Exemplar beherbergt die Graphische Sammlung des Stiftes Göttweig – wurde das Plainer Gnadenaltar-Bild vielfach verbreitet, vor allem auf Postkarten, Andachtsbildchen und Gebetszetteln, aber auch auf zahlreichen, meist volkstümlichen Gemälden.

Es gibt kleine Unterschiede. Auf der einen Darstellung besteht der Schleier aus Gaze, auf der anderen ist er zum gewebten Deckchen geworden. Dem nach Wärme verlangenden Kind gefällt jedenfalls, was seine Betreuerin vorhat. Sie schaut gütig auf das kleine Wunder neben sich, für das sie als Jungfrau zur Mutter geworden war.

Ein wundertätiges Bild

In kurzer Zeit hatte sich das Plainer Gnadenbild als wundertätig erwiesen, also holten es sich die Salzburger in variationsreichen Kopien in ihre Stadt. An vielen Häusern ist es noch heute zu sehen. Droben in Maria Plain, dem stadtnahen Wallfahrtsort auf grüner Höhe, prangt das Bild nach wie vor auf dem Hochaltar der prachtvollen Basilika. So nämlich darf sich der prächtige Sakralbau seit 70 Jahren nennen. Papst Pius XII. ehrte ihn mit diesem Titel.

Was das Gnadenbild angeht, so war es der Legende nach 1633 unversehrt aus Schutt und Asche einer von den Schweden gebrandschatzten Bäckerei im niederbayerischen Regen geborgen, 1652 von Rudolph Frh. von Grimming als »Maria Trost am Plain« auf den Berg nahe Salzburg gebracht und dort zur allgemeinen Verehrung aufgestellt worden. »Durch Rudolph kam zum ersten Male dieß Bildnis auf den Plainberg her, / Es wirkte Wunder ohne Zahle und ließ Niemanden von sich leer«. So steht es unter einer zeitgenössischen Malerei auf einer blau grundierten Holztür.

1654 ließ Erzbischof Guidobald Graf Thun neben die zuerst erbaute Holzkapelle 1655 eine gemauerte »Ursprungskapelle« errichten. Erzbischof Max Gandolf Graf Kuenberg, ein frommer Kunstliebhaber, kam nicht umhin, der wachsenden Volksschar, die sich hilfesuchend vor dem Marienbild einfand, 1671 bis 1674 eine Kirche hinstellen zu lassen. Sieben Jahre später gründete sich die »Maria Trost - Bruderschaft«. Mutter und Kind auf dem Bild erhielten 1751 rein goldene Kronen, in denen bunte Edelsteine funkelten. 1754 und 1758 gab Erzbischof Sigismund von Schrattenbach den Auftrag zur Prägung von Silbertalern mit dem Plainer Gnadenbild und der Inschrift »Zeige dich, dass du Mutter bist«. Wolfgang Amadeus Mozart, das ist noch heute auf einer handgeschriebenen Tafel in Maria Plain zu lesen, habe aus diesem Anlass die »Krönungsmesse« geschrieben. Das aber ist längst ins Reich der Legende gerückt worden.

»O schöner Ort, den Toten auserkoren ...«

Für die bei gläubigen Salzburgern – nicht wenige waren darauf aus, wenigstens eine der ab Ende des 17. Jahrhunderts geschlagenen Plainer Wallfahrtsmedaillen als Amulett zu besitzen – nicht nachlassende große Beliebtheit des »Plainer Bildes« sprechen die erstaunlich zahlreichen Gräber auf dem St. Peters-Friedhof, die das auf Metall oder Holz gemalte »Maria Trost«-Motiv in die schmiedeeisernen Kreuze einfügen ließen.

»O schöner Ort, den Toten auserkoren / Zur Ruhestätte für die müden Glieder! Hier singt der Frühling Auferstehungslieder, / Vom treuen Sonnenblick zurück beschworen … Der fremde Wandrer, kommend aus der Ferne, / Dem hier kein Glück vermodert, weilt doch gerne / Hier, wo die Schönheit Hüterin der Toten …«, dichtete Nikolaus Lenau.

Nicht zuletzt tragen die auf den Grabkreuztafeln verwendeten Farben Blau und Rot des Gewandes der Gottesmutter zu der vom Lyriker besungenen Schönheit bei. Das frisch Leben, verkörpert durch den Jesusknaben und die jugendliche Gebärerin, stellt sich hoffnungsfroh dem abgestorbenen Leben in den Särgen der Grabstellen des vielbesuchten, Ruhe bietenden Salzburger LandStückes in der betriebsamen Stadt entgegen.

Zudem mag der Bild-Titel »Maria Trost« zur Wahl des Plainer Gnadenbildes für die Grabkreuze beigetragen haben. Einem Bericht über Ursprung und Wachstum der Plainer Wallfahrt von 1768 zufolge hielt man im Salzburger Land und in der Steiermark Plainer Andachtsbildchen Gehörlosen mit Heilabsicht ans Ohr. In Aussee war es Brauch, sie Kleinkindern »gegen Verschreien und Fraisen unter den Kopfpolster« zu legen. Benediktinerpater Virgil Fabers Buch »Gekrönter Marianischer Granat-Apfel von Maria Trost auf dem Plain«, erschienen in Salzburg 1697, spricht von Plainer Bildchen, die bei einer Pestepidemie 1688, dann 1691 auch als »Feuersegen« halfen, wurden sie nur in die Flammen eines Hausbrandes geworfen. Vielleicht hat sich dies bis ins ehemals salzburgische Städtchen Mühldorf am Inn herumgesprochen, wo auf der Fassade des Stadtplatzhauses Nr. 70 das »Maria-Trost«-Bild von Maria Plain kunstvoll imitiert wurde.

 

Dr. Hans Gärtner

 

20/2021