Jahrgang 2004 Nummer 18

»Maria mit dein milden Kind…«

Barocke Wallfahrtsbildchen mahnen zu Gebet und Betrachtung

Mariengnadenbild im Mühlberger Kirchlein nahe Waging am See

Mariengnadenbild im Mühlberger Kirchlein nahe Waging am See
Maria Moos in Halfing

Maria Moos in Halfing
Tuntenhausener Andachtsbild

Tuntenhausener Andachtsbild
Ganze Bücher füllt Maria, die Gottesmutter, als Ziel frommer, Hilfe suchender Wallfahrer. Von Altötting im Herzen Europas bis Tschenstochau, von Lourdes bis Loreto: Maria aller Orten, aller Nationen. In Zeiten der Mobilität leicht erreichbar, fliegt man heute, ob zu Michelangelos berühmter Pietà im Dom von Sankt Peter nach Rom, ob nach Fatima oder in die Nähe von Medjugorje, schließt sich Pilger- »Zügen« zu Fuß oder per Bahn an und nimmt Strapazen sondergleichen auf sich, um den Segen vor einem der mild lächelnden, heilenden Gnadenbilder zu ergattern. Noch immer ist es vielfach der Brauch, von der Wallfahrt ein Andenken mit nach Hause zu nehmen. Sind das heute gern Aschenbecher, Blumenvasen, Schneekugeln, Taschenmesser oder Kaffeetassen, waren es früher meistens geweihte Medaillen, Wetterkerzen, Rosenkränze, nicht zuletzt Bildchen. Sie zeigten – weniger kunstvoll als derb bis süßlich – den Gnadenort samt verehrungswürdiger »Bildnuß« und bisweilen eingängig gereimtem Gebetstext. Das geht zurück auf die Zeit der so genannten Gegenreformation, wo es besonders den Jesuiten ein Anliegen war, das Volk zum »rechten Glauben« zurück zu führen. Ihnen waren hierzu alle »Mittel« probat. Einem dieser Objekte barocker Frömmigkeit und gegenreformatorischer Werbung, den in Sammlerkreisen hoch geschätzten und gehandelten Wallfahrtsbildchen, gilt dieser Beitrag. Für ihn wurden Orte in Oberbayern ausgesucht, die alle als Gnadenbild Maria mit dem Jesuskind aufweisen können. Alle abgebildeten und beschriebenen Objekte entstammen der Sammlung des Verfassers.

Maria Dorfen
Maria, mit dein milden Kind,
Bewahre uns vor aller Sünd;
Errett` uns hier aus aller Noth,
Führ uns zu Jesu nach dem Tod.

Vier Gebete dieser Art haben Platz auf einem einmal gefalteten, bei »Jos. Lutzenberger in Burghausen« gedruckten Gebetszettel, den sich die Wallfahrer vor etwa hundertfünfzig Jahren mit nach Hause nahmen, bevor sie den Ruprechtsberg zu Dorfen (heute Landkreis Erding) verließen. Dem Engel Gabriel gleich sollten sie – fern vom Gnadenbild mit der von einem Halbkreis lustiger Engel umgebenen, mit einem reich bestickten Gewand bekleideten Muttergottes – Maria grüßen. »33tausendmal« sogar. Auf die rechte Weise sollten sie »den Segen von der allerseligsten Jungfrau Maria begehren«, wenn sie für ihre »Aecker und Güter« Regen und Sonnenschein »zu seiner Zeit« erflehten und um Erwärmung der Erde baten, auf dass sie »die nothwendigen Früchte hervorbringen möge«.

Streck aus dein reiche milde Hand,
Und segne uns, Maria!
Erhalte uns im Gnadenstand,
Bitt Gott für uns, Maria!

Bis auf das 14. Jahrhundert geht die Dorfener Marienwallfahrt zurück, eine der ältesten Süddeutschlands. Von 1669 bis vor etwa 40 Jahren wurde angeblich die Figur der thronenden Gottesmutter mit dem Jesuskind auf dem rechten Arm in ein kostbares Gewand gehüllt und mit Devotionalien behängt, die die Wallfahrer für teures Geld erwarben, wohl an Ort und Stelle. Kupferstiche, die es da auch zu kaufen gab, können ab dem 18. Jahrhundert nachgewiesen werden. Sie wurden immer wieder nachgedruckt und als Andachtsbildchen oder Gebetszettel weit verbreitet.

Maria Thalheim
Allerseligste Jungfrau und Mutter Gottes Maria! Weil du mittels deines Gnadenbildes bei der schon über 500 jährigen Wallfahrt zu Maria Thalheim verschiedenen Personen in unterschiedlichen Anliegenheiten, auch sehr großen Gefahren augenscheinliche Hilfe gar vielfältig erzeigt hast: deßwegen nehme auch ich zu dir, o große Gnadenmutter! Ein recht kindliches Vertrauen, und bitte dich von demüthigem Herzen…«

- nun, worum schon? Um Schutz, mütterliche Hilfe, eine gute Sterbestunde und einen glückseligen Tod, »damit ich sodann deinen Sohn Jesus, und dich, meine Mutter Maria ewig lobe und liebe in dem Himmel…« Der einmal gefaltete Gebetbuch-Einlegezettel auf billigem, dünnem Papier weist links neben dem Gebetstext einen ziemlich schwachen Abdruck des berühmten Jungwirth-Kupferstichs auf: Maria, als sternenumkränzte Himmelskönigin im brokatenen, offenen Mantel, ihr Kind mit der Weltkugel im linken Arm, das Zepter in der rechten Hand, steht mild lächelnd auf der Mondsichel vor lichtdurchwabertem Gewölk. Auf dem barock verschnörkelten Sockel steht zu lesen:

Liebreiches Gnadenbild bey der vor 400 Jahren schon berühmte(n) Wahlfart Maria Thallham gerichts Erting in Bayern, so mit Gros- und vielen Wunder(n) Leichtet.

»Cum permissu Superiorum«, also sozusagen mit dem Segen der Kirchenobrigkeit, konnte der Gebetszettel hinausgehen, um als Wallfahrtsmitbringsel seine Wirkung bei denen nicht zu verfehlen, die – aus welchen Gründen auch immer – der »Thallhamer« Kirchfahrt fern geblieben waren.

Maria Moos in Halfing

Von der Bedeutung einer verhältnismäßig kleinen Marienwallfahrt des nördlichen Chiemgaus zeugt ein abgegriffener, lappenähnlicher, jedoch mit einem schönen Bildchen geschmückter einmal gefalteter Handzettel mit einem
Gebeth
Zu der glorwürdigsten Jungfrau, und Mutter Gottes Maria in der gnadenreichen Bildnuß zu Halfing nächst Wasserburg.

Das »uralt wunderthätige Gnadenbield Maria Moos in Halfing« schwebt auf einer wulstigen halbkreisförmigen Wolke über einer reizvollen Landschaft mit ein paar Häusern rund um die spitztürmige Wallfahrtskirche. Das undatierte Erinnerungsblatt trägt einen in großer, gut lesbarer Fraktur gesetzten Betrachtungstext in hochbarockem Sprachduktus. Da ist in schönster Überschwänglichkeit die Rede von »so viel tausend Menschen«, denen Maria »so wunderbare Gnaden erwiesen« habe »an den Gütern Leibs und der Seelen«; von der Aufopferung des »unsauberen« Herzens; von der Schamröte eines »von Erdenkoth zusamm gefügten Sünders« voller »Unsaubrigkeit« und Unwürdigkeit aller Gnaden, die dieser dennoch zu erlangen erhofft, so armselig er auch sei. Weil Maria eventuell sein Flehen nicht erhören könnte oder weil doppelt gemoppelt eben besser hält, wendet sich der Betende auch noch ausdrücklich an das »göttliche Kind Jesus…, ruhend auf deinem jungfräulichen und mütterlichen Arm in dieser Gnadenbildnuß«.

Der Mühlberg bei Waging am See

Keine der reisend berichtenden Damen, nicht die erfahrene Lillian Schacherl, nicht die 2003 sich schon ein zweites Mal auf »Krummen Touren« befindliche Renate Just, auch nicht die sach- und fachkundigen Herren Albert Bichler (»Wallfahrten in Bayern«) oder Karl Kolb »Marienwallfahrten«) schenkten in ihren Veröffentlichungen dem einzigartigen Mariengnadenbild im Mühlberger Kirchlein nahe Waging am See ihre Aufmerksamkeit. Werner A. Widmann übernahm von August Sieghart die kargen Daten der Errichtung der Wallfahrtskirche in den Jahren 1708/09 und deren Erweiterung 1753. In diese Zeitspanne fällt wohl auch die Entstehung des Gnadenbildes. Mit seiner Platzierung in einen von Früchten nur so strotzenden Birnbaum, den zwei nackte Engel mit einer Rosengirlande schmücken wollen, aber auch mit seinem vierfachen, kräftigen Strahlen-Rahmen, bekrönt von Gottvater und der Heiliggeisttaube, prunkt das Wallfahrtsbild wie kaum ein anderes. Maria sitzt bequem, aber ein wenig starr und lässt sich von ihrem Kind, das wohl auf ihrem abgebogenen linken Oberschenkel steht, am Kinn berühren.

Der stark eingerissene Einblattdruck trägt an den Ecken deutlich die Spuren der Einnagelung in einen »Kasten« und weist die handschriftliche Eintragung per Bleistift »Maria Pürnbaum« in der Mitte ganz unten auf. Das seltene Andenkenbild, das seiner Größe wegen zu Schmuck-, nicht aber zu Gebetbucheinlage-Zwecken diente (es misst rund 15 x 20 Zentimeter), weist keinen Gebetstext auf, lediglich die barocke, etwas ungelenke Bildunterschrift

Warhaffte abbildung der gnaden Vollen Mutter gottes bildnus auf dem Mühlberg, (?) der so genannten Pürnbaum, nächst dem Hochfürstl. Salzburg, Marckt =Wäging.

Durch den Einriss unten links sind nur Reste des Stechernamens des schönen, kräftig randigen Kupferstichs erkennbar, die sich zu keinem Namen kombinieren lassen.

Tuntenhausen

Neben Altötting und Andechs konnte das kleine Tuntenhausen mit dem allerdings dominanten übermächtigen Gotteshaus sich als hochgeschätzte Wallfahrt in Bayern lange Zeit behaupten.

Von 1630 stammt die Figur der thronenden Gottesmutter mit dem ungeduldig wirkenden Jesusknäblein auf dem Schoß, das den Betenden einen Rosenkranz entgegenhält. Der ist beispielsweise auf dem recht dekorativen Tuntenhausener Andachtsbild von Franck (1681) gut erkennbar, während er auf dem wesentlich bescheideneren, volkstümlichen, zweiseitigen Gebetszettel des Münchner »Stechers und Verlegers Casp. Harrer« gar nicht zu sehen ist. Doch prunkt die von Strahlen umgebene, baldachingeschützte, auf Wolken und Mondsichel wie eine Himmelserscheinung sich präsentierende Gnadenmutter mit Krone, Zepter und Königsmantel über einer hübschen, bewegten Ortsansicht, auf der nicht nur die zweitürmige Wallfahrtskirche, sondern auch die Türmchen zweier weiterer Gotteshäuser zu sehen sind.

Wunderthätige Gnadenbildnus der mächtigen Jungfrau und Mutter Gottes Maria in Tuntenhausen

steht darunter und auf der Seite daneben ein »Andächtiges Gebeth« zur »allerseligsten Mutter Gottes«, die als »gewaltige Frau« angesprochen wird, deren Beistand vor allem in der »letzten Stund und größten Noth« erfleht wird: »…da führe meine Seele mit deiner so treuen als mächtigen Hand aus dieser elenden Welt in das himmlische Vaterland…!«

Maria Hilf »bey St. Peter in München«

Mit »wundertätige Himmelskönigin« wird Maria auf einem sich über drei Seiten erstreckenden »Kräftigen Gebeth«s-Text »in allen Anliegen vor einem trost= und gnadenreichen Maria Hilf=Bild« angesprochen, nämlich dem aus der Münchner Peterskirche. Die »Wahre Abbildung der Wunderthätigen Maria Hilf bey St. Peter in München« prangt als barocker Kupferstich auf dem von Harrer gefertigten und verlegten Zettel. Wann das war, steht nicht dabei. Es muss aber nach 1775 gewesen sein; denn in diesem Jahr erhielt das Gnadenbild – übrigens das bedeutendste im Alten Peter zu München – einen Silberrahmen. Den zeigt das Andachtsbildchen in all seiner Schönheit und prunkvollen Auszier, von Engeln bevölkert, von Krone und Szepter dominiert. Nach dem Vorbild des Passauer »Maria Hilf«-Bildes schuf es Karl Loth im Auftrag der Brauerswitwe Barbara Ostermeier. Die Münchner verehrten das Bild sehr, hielten 1683 eine dreißigtägige Andacht, um den Sieg Kurfürst Max Emmanuels im Türkenfeldzug zu erflehen und trugen sich scharenweise in die Erzbruderschaft ein, die sich aus der ursprünglichen »Liebs-Versammlung des gnadenreichen Bildnis Maria Hilf« gebildet hatte.

O du mächtige Helferin der Christen.
Zu dir rufe ich aus dem tiefen Abgrund meiner Nichtigkeit, zu dir schreue ich in aller Trübsaal und Noth, erbarme dich dann meiner, o du einger Trost der bnkümmenten Herzen, stehe mir bey in aller Betrübniß, in all meinem Verlangen, erfreue mich mit dem süssen Anblick deiner lieblichen… Augen…

- der schwülstig-demütige Gebetstext in kräftigem, großem Druck endet in einem dreifachen Anruf: »O Maria« – mächtige Tochter des himmlischen Vaters, gebenedeiteste Mutter des Sohnes Gottes, auserwählte Braut des Heiligen Geistes. Der kleine, sündige, elende, Trost und Nachsicht und »mildreiche und mütterliche« Hilfe suchende Mensch wird in den Gebeten immer wieder betont. Wie groß und mächtig dagegen ist doch Gottes Fürsprecherin: Maria!

HG



18/2004