Jahrgang 2009 Nummer 48

Märchen und ihre Faszination

Ein Beitrag anlässlich der »Traunsteiner Märchenwelt«

»Märchen haben heute ihre Gültigkeit verloren, denn es gibt in unseren Regionen keinen dunklen, dichten Wald mehr«, sagte mir einmal ein Teilnehmer bei einer Märchen-Tagung.

»Hatten Sie noch nie das Gefühl, ›im Wald zu stehen‹, oder nie das Empfinden, sie befänden sich in einer Art Turm, isoliert und abgeschnitten von den anderen?« gab ich ihm zur Antwort und er nickte.

Märchen wirken nicht rational, sondern sprechen mit ihrer urtümlichen Bildersprache unsere verborgenen Seelenbilder an, ähnlich wie wir sie aus unseren Träumen kennen. Häufig versteht das Herz etwas, was der Verstand noch nicht einordnen kann und erfüllt uns mit einem inneren Erleben, das uns ganzheitlich erfasst und uns in die phantastischen Räume der Erzählwelten mitnimmt. Anders als beim Fernsehen erleben wir unsere eigene Bilderwelt, betreten unsere geheimen Seelenkammern und verknüpfen das Gehörte mit unseren ureigensten Vorstellungen.

Das Märchen selbst verliert sich nicht in vagen Gefilden, es bleibt in einer vertrauten Umgebung, holt uns ab, in einem Haus, in einer Hütte, bei bekannten Menschen, wie Vater, Mutter, Schwester, Bruder. Die Verbindung zu der Wirklichkeit wird nie aufgegeben. So schleppen Esel Säcke, das Vieh wird auf die Weide getrieben, die Stube gekehrt. Der landschaftliche Hintergrund wird nur kurz ausgeleuchtet, – es heißt in einem Schloss, in einer Hütte, – was uns die Freiheit gibt die »fehlenden« Stellen selbst auszumalen. Das ist ein schöpferischer Akt und fördert unsere Kreativität.

Märchen begleiten uns ein Leben lang, wir vergessen sie nie ganz. Dornröschen, Schneewittchen, Rotkäppchen, sie alle bleiben in unserer Erinnerung lebendig und manchmal, meist über unsere Kinder, holen wir sie zurück. Dann bauen wir neben unserer Alltagswelt eine Märchenwelt auf, die uns über das Sichtbare hinaus trägt. So sehr unsere Welt von einem rationalen Geist geprägt ist, so stoßen wir Menschen immer wieder an die Grenzen des Beweisbaren. Vor allem Kinder sehnen sich nach dem Wunderbaren, dem Übernatürlichen, als wüssten sie davon. Sie fragen weiter, nach der Welt hinter den Dingen. Das ist es, wozu uns Märchen anregen, weiterdenken, weiterfragen, weiterträumen.

Früher, als Radio, Fernsehen und Internet noch keine Rolle spielten, saßen die Menschen an kalten Wintertagen alle in dem einzig geheizten Raum zusammen. Es ergab sich von selbst, dass sich die Leute, vor allem die Erwachsenen, über viele Jahrhunderte hinweg Geschichten erzählten und das überall auf der Welt, denn Märchen gibt es in allen Völkern der Erde. Das älteste Dokument ist das Gilgamesch Epos, das 2000 Jahre vor Chrostis im Zweistromland, in Keilschrift festgehalten ist, aber wohl tausend Jahre länger zurück reicht und als Vorläufer der Märchen gilt.

Was sind die Merkmale der Märchen? Das eine ist der Anfang, in dem es heißt: Es war einmal… da hat es sich zugetragen – ja wo war es denn nur? Damit ist das Märchen, im Gegensatz zu einer Sage, an keinen bestimmten Ort, an keine bestimmte Epoche gebunden. Es führt uns hinein in unsere eigene Finsternis und erzählt, was schon der Mensch in der Urzeit durch seine Naturverbundenheit wahrnahm, dass es in schwierigen Situationen Wesenheiten oder Seelenkräfte gibt, die uns heraushelfen aus der Not.

Rudolf Steiner schrieb in »Märchendichtungen im Lichte der Geistesforschung« vor fast hundert Jahren: Wie unvollkommen du jetzt auch noch dastehen musst – eine Wesenheit in dir ist klüger, sie waltet in dir, sie kann dich empor tragen, sie kann dir Flügel verleihen, indem du von dir eine Perspektive ausgebreitet siehst in eine unendliche Zukunft hinein. Du wirst können, was du jetzt noch nicht kannst. Denn es gibt etwas in dir, was unendlich mehr ist, als dein »Wissendes«. Das ist dir ein treuer Helfer.

Das ist also das andere, diese Hoffnung und Zuversicht: Auch wenn du verspottet wirst, im dunklen Wald stehst oder dich hoffnungslos in einem Turm eingesperrt wähnst, sei zuversichtlich, habe Vertrauen, denn deine Stunde, deine Erlösung, kommt bestimmt!

Immer wieder höre ich von Erwachsenen: »Märchen sind zu grausam!« Das Grausame muss sein, damit wir schon als Kind erleben dürfen, wie das Grausame zu Ende geht, wie wir davon befreit werden. Ein Rumpelstilzchen, muss sterben, dann fühlen wir uns erleichtert. Kinder erleben das Zerreißen des Männchens nicht so, wie wir Erwachsenen dies im Film darstellen würden, dass dabei das Blut spritzt. Kinder sehen dort kein Blut. Das Rumpelstilzchen spaltet sich wie ein Stück Holz und ist aus der Welt geschafft, die Bedrohung ist weg. Diese Botschaft, dass das Bedrohliche verschwindet, das ersehnen nicht nur die Kinder, sondern, im tiefsten Inneren, auch wir Erwachsenen, heute genau so, wie die Menschen früher. Wenn wir Kindern Märchen erzählen und ihnen dabei die Möglichkeit der menschlichen Nähe geben, werden sie an Märchen wachsen und reifen, weil die Bilder in den Märchen nichts anderes symbolisieren, als die Seelenkräfte, die in uns verborgen sind und immer waren – wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute!


Irmelind Klüglein
Märchenerzählerin – Märchenring Chiemgau



48/2009