Jahrgang 2005 Nummer 27

Ludwig Ganghofer – ein bayerischer Erfolgsautor

Ausstellung in Kaufbeuren zu seinem 150. Geburtstag

Ludwig Ganghofer vor seinem Jagdhaus »Hubertus« im Tiroler Gaistal.

Ludwig Ganghofer vor seinem Jagdhaus »Hubertus« im Tiroler Gaistal.
Der Schriftsteller mit seinem Hund und einem Rehkitz.

Der Schriftsteller mit seinem Hund und einem Rehkitz.
Vor 150 Jahren ist in Kaufbeuren der Schriftsteller Ludwig Ganghofer geboren. Aus diesem Anlass wird im Kunsthaus Kaufbeuren bis 6. November eine Ausstellung mit dem Titel »Ludwig Ganghofer – Kehrseite eines Klischees« gezeigt, die sich liebevoll, aber auch kritisch mit Leben und Werk des Dichters befasst.

Schon zu Lebzeiten gingen die Urteile über Ganghofer weit auseinander. Er war der auflagenstärkste Schriftsteller seiner Zeit, dessen Bücher auch außerhalb Bayerns begeisterte Leser fanden. Kaiser Wilhelm, mit dem er mehrmals persönlich zusammentraf, bezeichnete ihn als seinen Lieblingsdichter. Andrerseits wurde Ganghofer bei seinen Kollegen zur Zielscheibe der Kritik – von Josef Ruederer und Ludwig Thoma bis zu Lion Feuchtwanger.

»Ganghofer steht für Bayernkitsch, für Herz und Schmerz, seine Liebes- und Gebirgsromantik ist eine Karikatur des realen Lebens in Bayern«, heißt es in einer zeitgenössischen Kritik. Interessant ist, dass sein Stück »Der Herrgottschnitzer von Ammergau« in München bald wieder vom Programm abgesetzt werden musste, aber in Berlin einen Riesenerfolg erzielte.

Ludwig Ganghofer stammte aus einer sehr angesehenen Försterfamilie. Sein Vater war Organisator und Leiter des bayerischen Staatsforstwesens und wurde in den persönlichen Adelsstand erhoben. Ludwig studierte zunächst Maschinenbau, wechselte zum Germanistikstudium über, anfangs in München, dann in Berlin. Ausgerechnet in Berlin knüpfte er Kontakte zur Volksschauspielgruppe des Münchner Gärnerplatztheaters und schrieb für sie sein erstes Bühnenstück. Von 1881 lebte Ganghofer in Wien als Dramaturg und Theaterdichter beim Ringtheater, später als Kulturredakteur beim »Wiener Tagblatt«. In Wien heiratete er auch die Schauspielerin und Sängerin Katinka Engel, die ihm vier Kinder schenkte. Im Jahre 1894 zog die Familie nach München. Hier hatte er Kontakt mit vielen Persönlichkeiten des damaligen künstlerischen und literarischen Lebens. Gerhart Hauptmann, Max Halbe, Ricarda Huch, Frank Wedekind und Rainer Maria Rilke gehörten zu seinen Gästen, die er auch in seinem legendären Jagdhaus »Hubertus« im Tiroler Gaistal bewirtete, wo der leidenschaftliche Jäger eine große Jagd gepachtet hatte. Ganghofer hielt sich meist den ganzen Sommer auf Hubertus auf und schrieb dort zahlreiche Romane. Viele Ganghofer-Romane erschienen zuerst in der »Gartenlaube«, der seinerzeit äußerst populären und weit verbreiteten Familienzeitschrift. »Schloss Hubertus«, »Das Schweigen im Walde«, »Der Klosterjäger« und »Die Martinsklause« erreichten Auflagen in Millionenhöhe. Volks- und Arbeiterbibliotheken trugen wesentlich zur Verbreitung von Ganghofers Büchern bei. Später kamen die Verfilmungen dazu, die meisten mit dem Produzenten Peter Ostermayr, dem Gründer der Filmstudios in Geiselgasteig. Die Außenaufnahmen entstanden meist in der Umgebung von Berchtesgaden. Ganghofer ist mit fünfzig Verfilmungen bis heute der meistverfilmte deutsche Autor. Die Gesamtauflage seiner Bücher schätzt man auf mindestens 30 Millionen.

Um seine Leser nicht zu enttäuschen und wenigstens alle zwei Jahre mit einem neuen Buch an die Öffentlichkeit zu treten, hielt sich Ganghofer an eine strenge Schreibdisziplin. Nicht ohne Grund hatte er deshalb den Wahlspruch »Ohne Fleiß kein Preis« in die beiden Türen seines Schreibtisches schnitzen lassen.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs im August 1914 wurde auch Ganghofer wie viele andere Künstler und Intellektuelle von der Kriegsbegeisterung angesteckt. Da er als »untauglich zum Dienst im Heere« eingestuft worden war, meldete er sich als Kriegsberichterstatter und weilte von 1915 bis 1917 an verschiedenen Frontabschnitten. Aber die grausige Realität der Fronterlebnisse führten zu einer Ernüchterung. In einem Brief an Ludwig Thoma bekannte er: »Dir kann ich ja sagen, was ich vor den Meinen noch immer verschweige: Die Erregungen der letzten Zeit haben mir einen so schweren Herzklapps verursacht, dass mir Einsamkeit und Ruhe das Allernötigste sind.«

Einen wichtigen Platz in Ganghofers Leben nahm der Sport ein. Schon früh übte er sich im Schwimmen und Rudern, später kamen dazu Reiten, Bergsteigen und Skifahren. Im neuen Fahrradsport war er ein richtiger Pionier, wurde Mitglied von zwei Radsportvereinen und schrieb die humorvolle »Plauderei aus der Schule des Radfahrens«. Seit er 1919 nach Tegernsee in seine »Villa Maria« gezogen war, wurde er ein begeisterter Segler. Hier in Tegernsee ist er im Alter von 65 Jahren am 24. Juli 1920 in seinem Haus gestorben.

Nach seinem Tod übergab die Familie seine Hinterlassenschaften dem Stadtmuseum in Kaufbeuren. Dieser Bestand aus etwa vierhundert Stücken bildet den Fundus für die Gedenkausstellung, die viele interessante Exponate enthält, in den Begleittexten aber auch kritische Töne anschlägt, wenn es beispielsweise heißt: »Ludwig Ganghofer wurde schon zu Lebzeiten zum Markenartikel, die heile Bergwelt seiner Romane zum Sehnsuchtsort für die nach Gesundung suchenden Menchen des Industriezeitalters. So ist das Ganghofer-Klischee zum Werbeträger eines ungetrübten Bayernsbildes geworden und in der Tourismusindustrie bis heute geblieben.«

JB



27/2005