Jahrgang 2021 Nummer 7

Lola Montez war in Wirklichkeit irische Skandalnudel

Spanische Tänzerin hatte vor ihrer Affäre mit König Ludwig eine schillernde Vergangenheit – Teil I

Lola Montez hatte schon vor ihrer Affäre mit Ludwig I. ein bewegtes Leben. Foto um 1851. (Repros: Mittermaier)
Dem alternden Ludwig, hier auf einem Foto um 1860, brannten bei Elizabeth Gilbert sämtliche Sicherungen durch.
Gefundenes Fressen für Karikaturisten: Lola Montez auf einer Bühne in den USA, wo sie ihre letzten Jahre verbrachte.

Anständige Frauen der viktorianischen Gesellschaft bewegten sich brav zwischen Küche, Kirche und Kinderzimmer. Elizabeth Rosanna Gilbert pfiff auf Konventionen und verfolgte stattdessen drei ganz andere Ks: Karriere, Kohle und – den bayerischen König, der sein Techtelmechtel mit der rassigen Tänzerin, besser bekannt unter dem Namen Lola Montez, 1848 teuer bezahlen musste.

Für die berüchtigte Künstlerin und Lebedame, die Ludwig I. erst um seinen Verstand und dann auch noch um seinen Thron brachte, stehen heuer gleich zwei runde Jahrestage im Kalender: Vor 200 Jahren kam sie in Irland zur Welt und vor 160 Jahren starb sie in New York. Die Historikerin Marita Krauss hat aus diesem Anlass eine neue Biographie vorgelegt, in der sie mit bislang nicht veröffentlichten Quellen den Lebensweg der schillernden Persönlichkeit nachzeichnet, die wie ein Komet in die höchsten Kreise der europäischen Crème-de-la-Crème aufstieg und dann umso tiefer fiel. Was den Werdegang der Montez noch heute so interessant macht, ist nicht nur ihre unheilvolle Liaison mit Ludwig I., sondern auch ihr schon zu Lebzeiten geheimnisumwittertes Doppelleben.

Die angebliche adelige Spanierin, als die sie sich ausgab, war nämlich in Wirklichkeit die Tochter eines englischen Soldaten und einer jungen Irin, die sich mit nur 17 Jahren als Witwe mit Kleinkind in Indien wiederfand. Über das Geburtsjahr der späteren Lola gibt es unterschiedliche Angaben, einem vor einigen Jahren entdeckten Taufschein zufolge kam sie wohl 1821 in der Grafschaft Sligo in Irland zur Welt, wo ihr Vater damals stationiert ist. 1822 tritt Edward Gilbert in ein Regiment der britischen Kolonialarmee ein und macht sich samt Gattin und Kind auf den Weg nach Indien. Während der beschwerlichen Schiffsreise erkrankt er jedoch an Cholera und stirbt kurz nach seiner Ankunft auf dem Subkontinent. Seine erst 17-jährige Witwe und ihr Töchterchen stehen völlig auf sich allein gestellt und ohne das nötige Geld da, das sie wieder zurück in die Heimat hätte bringen können. Als einziger Ausweg blieb Mutter Eliza nur eine schnelle Wiederverheiratung. Die junge Frau hat Glück und tritt mit einem vor Ort stationierten, schottischen Soldaten vor den Traualtar.

Als Angehörige der Kolonialarmee lebt die neue Familie in Indien eine bequeme Existenz mit Dienern, Köchen und Kindermädchen. Töchterchen Elizabeth – die spätere Lola – ist, wie die sie später in ihren Memoiren schreibt, fasziniert von der exotischen Welt mit all den fremden Menschen, Tieren und Pflanzen. Doch das Idyll sollte nicht lange währen. Mit fünf Jahren wird das kleine Mädchen, wie für alle Kinder aus britischen Offiziersfamilien damals üblich, zur schulischen Erziehung nach England geschickt. Die ersten fünf Jahre verbringt Elizabeth bei Verwandten in Schottland, danach besucht sie ein Jahr die Internatsschule einer Stieftante und anschließend ein Pensionat in Bath.

Die Schulzeit ist für Eliza alles andere als ein Zuckerschlecken: Sie ist zwar aufgeweckt und musisch begabt, doch das Mädchen ist aus Sicht der damaligen Normen zu freiheitsliebend und störrisch. Kindern wurde damals ein starres Erziehungskonzept aufgezwungen, das vor allem darauf abzielte, ihren Willen zu brechen und sie zu Personen zu formen, die sich strikt an die von der Gesellschaft vorgegebenen Regeln anpassten. Mädchen sollten zu sanften, devoten Frauen herangezüchtet werden, die ihre Rolle als Ehefrau und Mutter klaglos hinnehmen. Allerdings erhält Elizabeth auch eine für Mädchen ungewöhnlich breite Ausbildung, angefangen von Fremdsprachen über Literatur, Klavierspielen und auch in den Gepflogenheiten der besseren Gesellschaft wird sie umfassend unterrichtet, was ihren späteren Aufstieg in höchste Kreise entsprechend erleichtert.

Als sie 16 ist, sieht sie nach neun Jahren zum ersten Mal ihre Mutter wieder. Die ist nach England gereist, um ihre Tochter zurück nach Indien zu holen, wo schon ein Bräutigam wartet. Dass Eltern die Ehepartner für ihre Kinder aussuchten, war vor allem für Mädchen damals die Regel, und dabei spielte es nur selten eine Rolle, ob die zukünftigen Gatten einander zugetan waren oder altersmäßig zueinander passten. Elizabeth erfährt mit Schrecken, dass die Eltern sie mit einem Mann verkuppeln wollen, der sage und schreibe viermal so alt ist wie sie selbst: Bei dem Auserwählten handelte es sich um den verwitweten, 64-jährigen Vorgesetzten von Elizabeths Stiefvater.

Als die 16-Jährige von den Plänen der Mutter erfährt, sucht sie fieberhaft nach einem Ausweg. Der läuft ihr dann auch prompt in Gestalt eines jungen Offiziers über den Weg, dessen Bekanntschaft ihre Mutter auf dem Schiff von Indien nach England gemacht hatte. Lieutenant Thomas James war in die Heimat gereist, um sich von einer Krankheit zu erholen. Elizabeths Mutter hatte ihn gebeten, ihr in Bath Gesellschaft zu leisten, was der junge Lieutenant prompt tat – und sich bei dieser Gelegenheit in deren Tochter verschoss. Als diese ihm von der geplanten Heirat berichtet, bietet er der jungen Frau an, sie zu entführen und dann zu heiraten. Naiv, und während ihrer Schulzeit praktisch vollkommen von der Außenwelt abgeschirmt, wirft das junge Mädchen prompt alle Konventionen über Bord und macht sich heimlich mit Thomas James von dannen.

Die beiden begeben sich nach Irland, wo sie von James Bruder, der Pfarrer ist, ohne die für Minderjährige normalerweise notwendige Einverständniserklärung der Eltern getraut werden. Damit sind Elizabeth und Thomas zwar rechtmäßig verheiratet, doch die Art und Weise, wie die Ehe zustande gekommen war, galt trotzdem als skandalös. Mutter Eliza ist deshalb zutiefst empört über die Entwicklungen und macht sich, um dem Gerede zu entgehen, schleunigst auf den Weg zurück nach Indien.

Das frischgebackene Ehepaar begab sich indes auf den irischen Landsitz der Familie James, wo Eliza schnell feststellen muss, dass das Leben mit ihrem Retter weit weniger rosig ist als erhofft. Thomas ist oft übellaunig und trinkt gern und Elizabeth langweilt sich schnell in der Abgeschiedenheit. Bald kommt es immer öfter zu heftigen Streitereien, bei denen Thomas wohl auch handgreiflich wird. Als seine Erholungszeit zu Ende ist und der Lieutenant zurück nach Indien beordert wird, macht sich das Paar auf die Reise. Der Ortswechsel bringt nur kurzfristig Entspannung in ihrer Beziehung.

James wird in den folgenden Jahren in Indien von einem Provinzort zum nächsten versetzt, wo es wieder kaum Unterhaltung für eine junge, lebenshungrige Frau wie Elizabeth gibt, die sich zu allem Übel dann auch noch Malaria einfängt, an deren Folgen sie ihr restliches Leben leiden wird. Knapp zwei Jahre hält sie durch, dann packt sie ihre Koffer und reist ins 1200 Kilometer entfernte Kalkutta zu ihrer Mutter. Doch Eliza Gilbert hat für das Vorhaben ihrer Tochter, sich von ihrem Mann trennen zu wollen, keinerlei Verständnis: Sich nach der skandalumwitterten Heirat wenig später schon wieder von ihrem Gatten zu trennen, hätte den Ruf der Familie endgültig ruiniert.

Um Eliza aus der Schusslinie zu bekommen, wird sie, offiziell aus gesundheitlichen Gründen, kurzerhand zur Erholung nach England geschickt. Kaum an Bord, sorgt die renitente, junge Frau jedoch prompt wieder für Aufsehen. Sie bandelt ungeniert mit einem mitreisenden, jungen Soldaten an, der als Neffe des einflussreichen Herzogs von Richmond in der Öffentlichkeit wohl bekannt ist. Bald klatscht das ganze Schiff über die beiden Turteltauben, die noch nicht einmal die Vorhänge schließen, wenn sie sich in ihren Kabinen vergnügen. Auch nach der Ankunft in England bemüht sich Elizabeth nicht, wenigstens ein Mindestmaß an Dekorum zu wahren und quartiert sich ungeniert mit ihrem Liebhaber in einem Londoner Hotel ein.

Ein böser Fehler, der sich schnell rächt: Mit dieser offen ausgelebten Liaison hat ihr Mann die nötigen Beweise für einen Ehebruch, der ihm die Scheidung ermöglicht – und Elizabeth finanziell in den Ruin stürzt, denn sie hat damit keinerlei Anspruch auf Unterhalt. Da auch ihre Mutter und der Stiefvater nicht bereit sind, ihr unter die Arme zu greifen, bleibt der kaum 20-Jährigen nun nichts anderes übrig, als sich eine Arbeit zu suchen. Frauen ihrer gesellschaftlichen Kreise konnten sich jedoch als Gouvernanten oder Gesellschafterin alleinstehender Damen ihr Dasein verdienen, doch mit ihrem angekratzten Ruf hätte Elizabeth kaum Chancen gehabt, eine entsprechende Anstellung zu finden. Allerdings wäre für die abenteuerlustige Irin ein derartiger Job auch gar nicht in Frage gekommen, denn sie träumte, trotz ihrer Miseren, immer noch von einem glamourösen Leben, und dafür erschien ihr nun eine Karriere auf der Bühne als der geeignete Weg.

Als Schauspielerin konnte sie nicht landen, denn sie besaß dazu nicht die nötige geschliffene Aussprache. Die angehende Künstlerin beschloss deshalb, ihr Glück als Tänzerin zu versuchen. Damals herrschte auf den britischen Inseln gerade eine Vorliebe für die südländische Kultur, weshalb sich Elizabeth auf spanische Nationaltänze verlegt. Zunächst nimmt sie in London Tanzunterricht, reist dann aber nach Spanien, um vor Ort Stunden zu nehmen und gleichzeitig auch Sprache und Sitten zu studieren. Auf der iberischen Halbinsel vollzieht die junge Frau dann eine komplette Metamorphose: Aus Elizabeth Gilbert, geschiedene James wird Maria de los Dolores Porrys y Montez und eine neue Vita legt sich die Irin auch zu: Sie gibt vor, Witwe eines spanischen Adeligen zu sein, der bei einer Rebellion erschossen worden war, während sie nach England hatte fliehen können.

Als Lola Montez, wie sie sich bald nennen wird, ihre ersten Auftritte in London hat, schlägt sie ein wie eine Bombe. Vor allem die Männerwelt ist begeistert von der rassigen Schönheit mit den rabenschwarzen Haaren und den veilchenblauen Augen. Die Qualität ihrer Tanzkünste sind dabei Nebensache, was zählt – und sie zum Objekt männlicher Begierde macht – ist ihre faszinierende Ausstrahlung und ihr ungewöhnliches Repertoire, wie zum Beispiel die »Tarantella«, einem ursprünglich aus Sizilien stammenden Volkstanz, bei dem eine von einer giftigen Spinne gebissene Person wilde Verrenkungen aufführt, um damit das Gift aus ihrem Körper zu treiben. Lola renkt und windet sich auf der Bühne, was so gar nichts mit dem braven Stil der üblichen Ballettaufführungen zu tun hat. Der Großteil der Kritiker ist begeistert von Lolas Darbietung: »der erhobene und nach hinten geworfene Kopf, die blitzenden Augen, der ungestüme und ausgestreckte Fuß, der das Insekt zermalmt, liefern für den Maler ein Motiv, das er so leicht nicht vergessen wird«, schwärmt ein zeitgenössischer Journalist. Der unerwartete Erfolg hat jedoch böse Folgen: Die englische Presse findet schnell heraus, dass es mit der vermeintlich spanischen Adeligen nicht weit her, und Lola Montez in Wirklichkeit eine waschechte und noch dazu geschiedene Irin ist. Um nicht in einen lästigen Skandal hineingezogen zu werden, ziehen sich ihre Geldgeber nach Bekanntwerden dieser Umstände zurück und auch weitere Aufführungen werden ihr verwehrt.

Lola beschließt daraufhin, ihr Glück im Ausland zu suchen. Schwierigkeiten, neue Gönner zu finden, hat sie nicht. Wo sie hinkommt, ist die Männerwelt fasziniert von der heißblütigen, jungen Frau, die nicht nur ausnehmend attraktiv, sondern durch ihr kapriziöses Gebaren immer wieder für neuen Gesprächsstoff gut ist. Dass Elizabeth trotz aller moralischen Übertretungen die Sitten und Gebräuche der feinen Gesellschaft kennt, hebt sie ab vom Tingel-Tangel-Image anderer Tänzerinnen und verschafft ihr problemlos Zutritt bis in allerhöchste Kreise.

Als sie 1846 in München gar mit dem bayerischen König anbandelt, hat sie bereits eine ganze Reihe prominenter Eroberungen auf ihrer Liste stehen: Prinz Heinrich von Reuß-Lobenstein-Ebersdorf, der Komponist Franz Liszt sowie ein Pariser Zeitungsverleger sind nur die bekanntesten ihrer Gönner, wobei nicht immer klar ist, wie weit diese Beziehungen reichten. Für keinen dieser Herren ist das Techtelmechtel mit der Tarantella-Tänzerin jedoch von so großer Tragweite wie für den bayerischen Herrscher, dessen Welt wegen seiner Leidenschaft für die Montez komplett aus den Fugen geraten sollte. Mehr dazu in der nächsten Folge unseres »Blattgeflüsters«.

 

Susanne Mittermaier

 

Quelle:

Maritta Kraus: »Ich habe dem starken Geschlecht überall den Fehdehandschuh hingeworfen.« Das Leben der Lola Montez. München, 2020.

 

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 8 vom 20. 2. 2021

 

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