Jahrgang 2004 Nummer 7

Legende und Volksglauben zu Valentin in Bayern

Ein historisch-medizinischer Hintergrundbericht zum Valentinstag

Hl. Valentin (Holzplastik um 1480). Zu Füßen ein Epilepsiekranker mit  »großem« Anfall.

Hl. Valentin (Holzplastik um 1480). Zu Füßen ein Epilepsiekranker mit »großem« Anfall.
Valentinsbrot mit Stempel (Holzhausen bei Landshut, 20. Jahrhundert). Am Valentinstag beim Gottesdienst gesegnet, an die Kirchen

Valentinsbrot mit Stempel (Holzhausen bei Landshut, 20. Jahrhundert). Am Valentinstag beim Gottesdienst gesegnet, an die Kirchenbesucher ausgeteilt und gegessen (zum Schutz vor Krankheiten).
Valentinsbrot mit Stempel (Holzhausen bei Landshut, 20. Jahrhundert). Am Valentinstag beim Gottesdienst gesegnet, an die Kirchen

Valentinsbrot mit Stempel (Holzhausen bei Landshut, 20. Jahrhundert). Am Valentinstag beim Gottesdienst gesegnet, an die Kirchenbesucher ausgeteilt und gegessen (zum Schutz vor Krankheiten).
Heute ist es weit verbreitet, am 14. Februar Frauen Blumen zu schenken. Im deutschsprachigen Raum verbreitete sich dieser Brauch erst nach dem 2. Weltkrieg durch den Einfluss aus den USA, wo an diesem Tag mehr als eine Milliarde Grußkarten versandt werden. Der Valentinstag gilt als der Tag der Liebenden und des Blumenschenkens. Wurzeln dieses Brauchtums finden sich in Frankreich und England bereits im 14. Jahrhundert: Adelige schickten sich anonyme Liebesbriefe, unverheiratete junge Männer ersteigerten sich für ein Jahr ein Mädchen durch ein Los. In Deutschland entstand im Spätmittelalter aus dem »Valentinstags« der »Vielliebchentag«.

Der Legende nach soll der Bischof Valentin von Terni verbotenerweise Liebespaare nach christlichem Zeremoniell getraut haben und am 14. Februar 269 in Rom als Märtyrer gestorben sein.

Ein zweiter Heiliger mit den Namen Valentin ist der Valentin von Rätien (Patrozinium ist der 7. Januar). Er ist einer der Bistums-Patrone von Passau, wo sich im Dom von ihm Reliquien befinden.

Von beiden Heiligen erhoffte man sich Hilfe bei verschiedenen Erkrankungen. Sie galten regional unterschiedlich auch als Schutzpatron der Reisenden, der Bienenzüchter und der Haustiere.

Medizingeschichtlich ist besonders interessant, dass beide Heilige in weiten Teilen Europas als Schutzpatron gegen die »Fallsucht«, die »Hinfallende Krankheit«, verehrt wurden und z. T. noch werden. Diese Krankheit bezeichnet man heute als »Epilepsie«. Luther verwies auf die Wortspielerei »Valentin – Fall-nicht-hin«.

Abgeleitet aus dem althochdeutschen Wort »frais« war in Bayern für Epilepsie der Begriff »Fraisen« üblich. So finden sich im Volksglauben im Zusammenhang mit dem Hl. Valentin Begriffe wie »in die Froas gefallen«, »Fraisenketten« oder »Fraisenschnuller« wieder. »Fraisenhäubchen«, Mützen aus Stoff mit dem Abbild des Hl. Valentins, hat man z. B. Säuglingen mit Fieber aufgesetzt, um sie vor Anfällen zu schützen. Der Beifuß (»Valentinskraut«) wurde als pflanzliches Mittel gegen Anfälle verwendet, wobei früher ohne die modernen Untersuchungsmöglichkeiten wie dem Elektroenzephalogramm (EEG) nicht zwischen epileptischen Anfällen und anderen Anfallsursachen unterschieden werden konnte.

Auch heute ist in unserer Region durchaus noch der Begriff »Fraisen« üblich als Bezeichnung für Fieberkrämpfe bei Säuglingen und Kleinkindern. Bei entsprechender Behandlung der zugrundeliegenden Infektion handelt es sich bei diesen »Fieberkrämpfen« heute in den allermeisten Fällen um eine harmlose Erkrankung, die nur sehr selten zu einer Epilepsie führt. Die Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns infolge unterschiedlicher Ursachen und tritt in jedem Lebensalter auf. Die Epilepsie galt in der Antike als »Heilige Erkrankung« und ist schon auf Inschriften der Pyramiden in Ägypten beschrieben. Heidnischer Aberglaube soll bis nach dem Mittelalter auch in Bayern zu grotesken Empfehlungen gegen Epilepsie geführt haben, z. B. in Ebersberg das Trinken von Wein aus Totenschädeln und in Rosenheim das »Wiegen von Mäusen«. Speziell in Oberbayern kann man in den zum Teil sehr alten Wallfahrtskirchen (z.B. Zell bei Ruhpolding, Marzoll bei Reichenhall, Bergham bei Otterfing, Pettenham bei Taufkirchen, Kottgeisering, Percha, Hirtlbach, Endlhausen, Unterföhring) noch viele Valentinsdarstellungen finden, auf denen Epilepsiekranke abgebildet sind. Auch in der Pfarrkirche Aschau ist im Deckenfresko der Hl. Valentin dargestellt, wie er einem Epilepsiekranken den »bösen Geist« austreibt. Bei mehreren Stellen im Neuen Testament, z. B. bei der Heilung des mondsüchtigen Knaben im Markus-Evangelium, kann man davon ausgehen, dass die Heilung von Epilepsiekranken beschrieben ist. Diese Fähigkeit von Jesus hat man ab dem Mittelalter auch dem Hl. Valentin übertragen.

Der Autor hat über 250 Darstellungen zum Hl Valentin ausgewertet mit dem überraschenden Ergebnis, mit welcher Detailgenauigkeit die Künstler häufig die verschiedenen Anfallsformen abgebildet haben. Oft lässt sich wie auf einer Videoaufzeichnung aus den künstlerischen Darstellungen ableiten, welche Hirnregion bei dem Epilepsiekranken betroffen war. Die Künstler mussten also selber epileptische Anfälle beobachtet haben, die früher wie heute nicht selten vorkommen, nämlich weltweit bei ca 1% der Bevölkerung.

Im 21. Jahrhundert lassen sich über 80% der Epilepsiekranken völlig heilen, meistens mit Medikamenten, zum Teil auch mit Gehirnoperationen, selten auch mit einer Diät oder einem Nervenschrittmacher. Aber auch in der modernen Medizin ist durch aktuelle wissenschaftlichen Studien belegt, dass ein Glaube für das Gesundsein wichtig ist.

Der Autor (Telefon 08055/8486) würde sich für eine Ausstellung »Epilepsie und Volksglaube« im Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche am Behandlungszentrum Vogtareuth sowie über Zuschriften und Leihgaben freuen.

GK



7/2004