Jahrgang 2008 Nummer 31

Landesausstellung »Adel in Bayern«

Aschau in den Wechselbeziehungen zwischen Bayern und Tirol

Bayerisch-tirolerisches Tanzvergnügen

Bayerisch-tirolerisches Tanzvergnügen
Almtreffen bei der Sennerin

Almtreffen bei der Sennerin
Friedliches Landleben

Friedliches Landleben
Wenn Aschau sich im Jahre 2008 mit der Landesausstellung unter dem Thema »Adel in Bayern« Besuchern aus aller Welt als Gastgeber präsentiert, dann beleuchtet es dabei nicht nur die bayerische, sondern auch seine eigene wechselvolle Geschichte, in der sich über Jahrhunderte die spannungsreichen, aber auch gegenseitig befruchtenden Beziehungen zwischen den Ländern Bayern und Tirol widerspiegeln. Viele Jubiläen bedeutender Persönlichkeiten sowie wiederkehrende Jährungen einschneidender Ereignisse fallen auf dieses Jahr 2008, unter deren Einfluss sich nicht nur das Äußere von Schloss Hohenaschau, sondern auch der Zeitgeist der Menschen in ihm und in den Weilern rund um die Grafschaft über Generationen hinweg verändert haben.

Mit Pankraz von Freyberg, der von 1508 bis 1565 lebte, zog von Hallstatt und den Silberminen um Schwaz her reformatorisches Gedankengut auf dem Burgberg ein. Schon die Mutter des Grafen, in Tirol reich begütert, war des Bundes mit den Wiedertäufern angeklagt gewesen, und als auch mit Pankraz aufrührerische Ideen im Grenzland immer lauter zu werden drohten, sah sich Herzog Wilhelm IV. von Bayern gezwungen, Mann und Ross und Geschütze vor Hohenaschau zu schicken, um den Reformierten, zu denen sich um die Mitte des 16. Jahrhunderts bereits mehr als fünfzig bayerische Adelsfamilien bekannten, ein unmissverständliches Zeichen zu setzen.

Hundert Jahre nach Pankraz von Freyberg heiratete Christoph von Preysing die letzte Tochter der Familie von Freyberg und somit folgten die Freiherren und späteren Reichsgrafen von Preysing, die allesamt einflussreiche Diplomaten bei Hof und Reichsräte der Krone waren, den Freybergern nach und regierten Hohenaschau mehr als 200 Jahre lang von 1610 bis 1853. Unter ihrer Herrschaft erfuhr die mittelalterliche Höhenburg einschneidende bauliche Veränderungen. Anfänglich nur als Jagdsitz genutzt, wurde sie zu einem repräsentativen Herrschaftssitz ausgebaut, wie es der Stellung der Preysingschen Grafen entsprach. Unter Max II. wurde sie im 17. Jahrhundert mit opulenten Barocksälen ausgestattet, in denen der Landesadministrator Max Emanuels glänzende Feste feierte und Hohenaschau zu einer baulichen Hochblüte führte. Seiner Lage am Rande der bayerischen Stammlande war es wohl in erster Linie zu verdanken, dass es von den brandschatzenden Übergriffen der Soldateska im Spanischen Erbfolgekrieg weitestgehend verschont blieb und der Chiemgau kein Schauplatz für längere Feldzüge oder gewaltsame Aufstände wurde, weil der Menschenschlag hier gerne am Althergebrachten festhielt und im Schutz der heimischen Berge keinen Hang zu einem revolutionären Weltverbesserungsbedürfnis hegte, sondern vielmehr größtes Augenmerk auf eine sich gleichmäßig entwickelnde und fortschreitende Kulturlandschaft legte. Diese Ausprägung vollzog sich nicht nur unter dem Einfluss zwischen der Diözese Freising und der Erzdiözese Salzburg auf politischer und kirchlicher Ebene, sondern auch recht profan in den familiären und wirtschaftlichen Verbindungen der Grenzbevölkerung zwischen Bayern auf der einen und Tirol auf der anderen Seite. Über Generationen hinweg hatten sich Bauern aus Sachrang und Aschau ihre Frauen aus Tirol geholt und gab es Blutsverwandtschaften diesseits und jenseits der Grenze. Auch wirtschaftlich bestanden enge Beziehungen zwischen der Landbevölkerung aus Tirol und Bayern, wie uns das Mautregister der Herrschaft Hohenaschau heute noch unter Beweis stellt. Regelmäßig wurden Hafer, Gerste und Weizen wie auch Schlachtvieh und Bier nach Tirol ausgeführt, da die Eigenproduktion für die dortige Bevölkerung kaum ausreichte und dort nicht selten höhere Preise erzielt werden konnten. Umgekehrt wurden aus Tirol über die Strecke Wildbichl und Aschau vor allem Rupfen, Kühe, Kälber, Branntwein, Hanf, Käse und Früchte auf den Aschauer Markt gebracht. Wenn auch die Handelsstraße durch das Priental nach Tirol nicht zu den großen Verkehrswegen zählte, so herrschte auf ihr doch über viele Generationen hinweg ein reger Güteraustausch zwischen Tirol und Bayern.

Doch mit dem österreichischen Erbfolgekrieg und der 1805 begründeten engen Waffenbrüderschaft zwischen Frankreich und Bayern wurde mit dem Frieden von Pressburg ein neues Kapitel der bayerisch-tirolerischen Nachbarschaft aufgeschlagen. In diesem Jahr kam die »Gefürstete Grafschaft Tirol« mitsamt den früheren geistlichen Fürstentümern Brixen und Trient an Bayern. Während in Bayern und Österreich Napoleon und Erzherzog Karl entlang der Donau mit ihren Armeen von Regensburg bis Wien um eine militärische Entscheidung rangen, erhoben sich die Tiroler zwischen Innsbruck und Kufstein in einem erbitterten Volkskrieg, um das strenge Joch der bayerischen Regierung abzuschütteln. Besessen von der Idee eines zentralistisch gelenkten Einheitsstaates, hatte diese das Land in willkürlich festgelegte Verwaltungssprengel zerteilt und die über Generationen gewachsene landständische Verfassung aufgelöst, die den Tiroler Bauern gemäß alter Privilegien ein Mitspracherecht gestattete. Die in rücksichtsloser Weise und instinktlos durchgeführten Reformmaßnahmen der Regierung Montgelas und die Auswirkungen der napoleonischen Zoll- und Handelspolitik schädigten nicht nur die Wirtschaft in den tirolerischen Territorien, sondern brachten weite Teile der Landbevölkerung Tirols gegen die bayerischen Besatzungstruppen auf. Als man mit der Einführung der allgemeinen Wehrpflicht daran ging, die Tiroler zum Wehrdienst heranzuziehen, kam es schließlich zum gewaltsamen offenen Widerstand.

Weil große bayerische Truppenkontingente im Kampf gegen Erzherzog Karl entlang der entscheidenden Kampflinien an der Donau gebunden waren, stand in Tirol nur eine schwache Besatzungstruppe. So war es für die Aufständischen nicht schwer, im Frühjahr und Frühsommer 1809 die verstreuten Garnisonen der Bayern zu überwältigen. In kurzer Zeit brachten sie weite Teile Tirols wieder unter ihre Kontrolle und unternahmen nun ihrerseits Vorstöße gegen bayerische Grafschaften. Den ganzen Sommer über kam es wiederholt zu kurzen Kämpfen und Übergriffen auf beiden Seiten. Diese teils blutigen Ausschreitungen betrafen die Menschen auf beiden Seiten umso mehr, als es auf Grund der engen verwandtschaftlichen Beziehungen meist gar keine persönlichen Feindschaften zwischen den benachbarten Tirolern und Bayern gab. Nicht selten genossen die freiheitsliebenden Tiroler bei den Bauern der Grenzbevölkerung manche Sympathien. Die Sachranger Bevölkerung wurde während der Erhebung der Tiroler sogar beschuldigt in ihrem Ort einen Getreidemarkt abgehalten zu haben, auf dem die Aufständischen ihre Vorräte auffüllen konnten. Je länger jedoch das Jahr dauerte, desto mehr begannen sie bei ihren Einfällen in die Gegend um Aschau und ins Priental systematisch die Dörfer zu plündern, was ihnen über kurz oder lang die Sympathien der meisten Grenzlandbewohner auf bayerischer Seite kostete. Selbst die Herrschaft von Hohenaschau zog die Abgelegenheit des Sitzes Wildenwart oder die Sicherheit auf dem Stammsitz in Neubeuern in Anbetracht der immer rücksichtsloser vorgetragenen Übergriffe einem Aufenthalt im Aschauer Schloss vor.

Immer wieder drangen kleinere Kontingente der Aufständischen in die Weiler rund um Aschau vor. Mehrere Wochen schon waren die Bewohner den Plünderungen der Tiroler und deren Nachstellungen auf ihre Frauen ausgesetzt, soweit sich diese nicht schon vorsorglich auf Almen und Hütten in Sicherheit gebracht hatten. Etliche alte und kriegserfahrene Männer verhandelten mit den Anführern unter der Zusicherung, dass die Bewohner in ihren Häusern bleiben und sie alle Kräfte aufbieten würden, um die feindlichen Truppen, so gut es ginge, zu versorgen. Doch nicht alles war nach dem Geschmack der Tiroler und so forderten sie mit Nachdruck vor allem Wein und Branntwein. Als man ihren Wünschen nicht schnell genug nachkam, durchsuchten sie die Keller der Schenken, traten Türen ein und rissen die Fußböden auf, um auch die geheimsten Winkel zu durchwühlen.

Nachdem die Tiroler den Sommer über die Troadkästen und Ställe geplündert und die Prientaler Bauern bis zum Äußersten ausgepresst hatten, wandten sie sich schließlich in der Hoffnung auf reiche Beute gegen den Herrschaftssitz in Hohenaschau. Angesichts der Übermacht der aufständischen Tiroler und der entlang der Grenze weit versprengt agierenden bayerischen Truppen gab der Pfleger von Hohenaschau, um Kämpfe und Blutvergießen zu vermeiden, das Schloss zur Plünderung frei. So stark wurde dabei der barocke Prachtbau in Mitleidenschaft gezogen, dass er von seinen Besitzern selbst nach der endgültigen Niederschlagung des Aufstandes mehr und mehr vernachlässigt wurde, ehe er gut sechzig Jahre später von dem Großindustriellen Cramer-Klett erworben und als herrschaftliche Familienresidenz und Mustergut zu neuer Geltung gebracht wurde.

Aus den Chiemgauer Kalendergeschichten 2009, S. Maaßen, H. Weigand, Plenk-Verlag, Berchtesgaden. Siehe dazu unter: »www.medien-ruhpolding.de«



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