Jahrgang 2021 Nummer 3

Kurt Meiche: Ein Traunsteiner Fotograf

Er dokumentiert die Eröffnung der Skisprungschanze am Kälberstein

Doppelsprung der Gebrüder Neuner, 1925. (Foto: Kurt Meiche)
Kurt Meiche, um 1946. (Stadtarchiv Traunstein: Sammlung Passbilder)
Scan des Glasnegativs zum fotografischen Abzug. (Stadtarchiv Traunstein: MOS 210)
Bayerische Skimeisterschaften 1928 in Traunstein: Start zum Langlauf beim Gasthof Hochberg. (Stadtarchiv Traunstein: MOS 212)
Zieleinlauf an der Siegsdorfer Straße kurz vor der Haferlbrücke. (Stadtarchiv Traunstein: PK 1369)
Diese Aufnahme Kurt Meiches zeigt die Traunsteiner Bürgerwaldschanze kurz nach ihrer Erbauung 1925 (links) bzw. ihrem Neubau 1949(Stadtarchiv Traunstein: MOS 212)
1972 wurde dieses ehemalige Wahrzeichen des Traunsteiner Skisports abgerissen. (Stadtarchiv Traunstein: MOS 217)

Einen ungewöhnlichen Weg nahm die in diesem Beitrag thematisierte Fotografie, um Eingang im Stadtarchiv zu finden. Als eine von zwei gerahmten Aufnahmen mit Motiven aus der Frühzeit des Skispringens wurde sie im Herbst des vergangenen Jahres im städtischen Wertstoffhof an der Scheibenstraße abgegeben. Karl Riedl, das ›Gesicht des Wertstoffhofes‹, ist – wenig verwunderlich, war er doch in seiner Jugend ein herausragender Ringer – seit jeher (aktiv wie passiv) sportinteressiert. Und er hat auch stets ein waches Auge, wenn alte Bücher, Fotografien, Bilder etc. bei ihm auftauchen, die im Zusammenhang mit der Geschichte der Stadt Traunstein und ihrer Umgebung stehen. Folgerichtig zeigte er die Bilder dem Berichterstatter, der signalisierte das Interesse des Stadtarchivs und schon war die städtische Fotosammlung wieder um zwei außergewöhnliche Objekte reicher.

Die Zuordnung des Bildes im Format 45 mal 35,2 cm, das laut der rechts unten zu lesenden Beschriftung einen »Doppelsprung [der] Gebrüder Neuner, Partenkirchen, [in] Berchtesgaden 1925« zeigt,(1) fiel dem Bearbeiter leicht. Die künstlerische Ausführung und auch die Handschrift verweisen eindeutig auf den Traunsteiner Fotografen Kurt Meiche. Der gebürtige Sachse, der am 20. April 1885 in Annaberg als Sohn des Fotografen Albin Franz Meiche und seiner Frau Lydia das Licht der Welt erblickt hatte, kam 1919 nach Traunstein(2) und eröffnete 1920 zunächst in der Au, Hausnummer 40 (heute Salinenstraße 6), ein Atelier(3). Wenig später verlegte er es in die Obere Hammerstraße 18 a.

Nach seinem Tod am 25. Februar 1951 übernahm sein Bruder Horst (geboren 26. Februar 1893 in Annaberg; gestorben 13. Mai 1983 in Traunstein) das Geschäft. Ihm folgte 1973 schließlich seine (und seines Bruders) Nichte Ursula Greuner, die zuvor schon bei ihrem Onkel als Fotografin gearbeitet hatte und nun »Foto Meiche« 24 Jahre bis zum Eintritt in den wohlverdienten Ruhestand 1997 weiterführte. Einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin hatte sie nicht – die digitale Fotografie stand vor der Tür, der Berufsstand sah schweren Zeiten entgegen; eine Geschäftsaufgabe war somit unvermeidlich. Es war ein glücklicher Umstand, dass Ursula Greuner und das Stadtarchiv einander nicht fremd waren. Des Öfteren hatte sie in ihren letzten Berufsjahren Fotoaufträge für diese städtische Kultureinrichtung erledigt. Auch an der Ausstellung zur Geschichte der Fotografie in Traunstein, 1989 in der Städtischen Galerie im Rahmen des 150. Geburtstages dieses – heute allgegenwärtigen – Mediums veranstaltet, hatte sie sich engagiert beteiligt. Dabei reifte in ihr die Gewissheit, dass für ihren fotografischen Nachlass das Traunsteiner Archiv der richtige Ort wäre. Gedacht – getan: Anfang 1998 übergab sie der Stadt das gesamte Material, mehrere Zehntausend Papierabzüge, Filmnegative in verschiedensten Formaten und Glasplatten-Negative, alles von ihr akribisch vorsortiert!

Ein Highlight, eines von vielen, dieses unschätzbar wertvollen Bestands sind Kurt Meiches zahlreiche Bilder aus den Anfangsjahren des Skisports im Chiemgau, dem Berchtesgadener Land und im benachbarten Österreich. Eines davon haben wir vor uns, und das Gute daran ist, dass man es nicht nur dem Fotografen Kurt Meiche zuschreiben, sondern den Nachweis seiner Urheberschaft sogar zweifelsfrei führen kann. Im bis Ende 2000 auf Grundlage der Vorarbeiten von Ursula Greuner im Stadtarchiv systematisch geordneten und verzeichneten »Nachlass Meiche« findet sich unter der Signatur MOS 210, Betreff »Skispringer, nicht datiert«, das diesem Papierabzug zugrunde liegende Glasnegativ. Zum Vergleich hat der Verfasser dieses sozusagen ›digital entwickelt‹, sprich mit den dafür notwendigen Einstellungen gescannt.(4)

Verbleiben noch zwei Fragen: Um wen handelt es sich bei den beiden ›Schanzenadlern‹ genau, und auf welcher Veranstaltung zeigten sie diesen Doppelsprung? Ohne den handschriftlichen Vermerk des Urhebers wäre man hier natürlich völlig verloren. So aber können beide Fragen mehr als nur hinreichend beantwortet werden. Das Foto ist damit nicht nur ein Kunstwerk, das die zeitgenössische Ästhetik dieser neuen Sportart, verfolgt von gebannt blickenden Zuschauern, eindrucksvoll zeigt, es wird zu einem wertvollen historischen Dokument, das eine Geschichte erzählt.

Beginnen wir mit den beiden Protagonisten, bei denen uns eine Recherche in den unermesslichen Weiten des World Wide Web rasch zum Ziel führt; ›googeln‹, so lautet das neudeutsche Zauberwort, das längst schon im Duden seinen Platz gefunden hat und an dem inzwischen auch der Historiker nicht mehr vorbeikommt. Bei den Brüdern handelt es sich um Karl und Martin Neuner, in den 1920er Jahren für den Skiclub Partenkirchen aktiv und erfolgreich als Skispringer, Langläufer und in der Nordischen Kombination, damals die Königsdisziplin des Wintersports(5). Karl Neuner (geboren 16. Januar 1902 in Partenkirchen; gestorben 20. März 1949 ebenda) wurde dort 1924 deutscher Meister sowie 1926 und 1927 Vizemeister; die bayerische Meisterschaft gewann er in den Jahren 1923, 1924, 1926 und 1927. Bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 1928 in St. Moritz führte er die deutsche Delegation als Fahnenträger ins Stadion.(6) Martin Neuner (geboren 14. Dezember 1900 in Partenkirchen; gestorben 2. August 1944 ebenda), wie auch sein Bruder von Beruf Jäger, wurde 1924 Deutscher Meister im Skispringen, 1926 gewann er den Titel in der Nordischen Kombination. Bei den Olympischen Winterspielen 1928 belegte er von der Normalschanze den neunten Platz.(7) Zwischen 1924 und 1928 avancierte er mit fünf Siegen in Folge zum Rekordsieger des traditionellen Neujahrsspringens in Garmisch-Partenkirchen(8). Heute erinnert dort der »Karl - und -Martin - Neuner-Platz« unmittelbar neben der Großen Olympiaschanze an diese Pioniere des nordischen Skisports.

Auch bei der Frage nach dem Charakter der Veranstaltung weist uns zunächst das Internet den rechten Weg: »1924 wurde nach Befürwortung des Standortes durch den Münchner Schanzenspezialisten C. J. Luther(9) die Schanze am Kälberstein errichtet. Im Februar 1925 fand das Eröffnungsspringen statt, die Siegerweite betrug damals 49 m durch die Gebrüder Neuner aus Partenkirchen. […] 1980 wurde dann die große Kälbersteinschanze als Mattensprunganlage eingeweiht. Sie war zu dieser Zeit die modernste Schanze Westeuropas, da sie schon über eine automatische Sprühanlage zur Mattenbewässerung, Geschwindigkeitsmessung am Schanzentisch und seit 1981 über eine elektronische Weitenmessanlage verfügte. Die Anlage ist heute Bestandteil des Bundesleistungszentrum Berchtesgaden und seit 2000 macht regelmäßig der Sommer Grand Prix der Nordischen Kombination Station an der Kälbersteinschanze.«(10)

Bei der Eröffnung der Schanze am Kälberstein in Berchtesgaden könnte also auch unser Foto entstanden sein. Dass dem tatsächlich so ist, bestätigt die folgende Zusammenschau der ›guten alten (und für jeden ernsthaften Forscher nach wie vor unverzichtbaren), analogen Quellen‹.

»Anschließend an die Verbandsläufe des Bayer[ischen] Skiverbandes findet am Montag, den 2. März, ein Eröffnungsspringen auf der Kälbersteinschanze statt. Der Beginn des Sprunglaufes ist auf 11 Uhr vormittags festgesetzt. Nach dem Springen treffen sich die Teilnehmer zum gemeinsamen Mittagstisch um 1 Uhr im Grand Hotel; hier wird auch um 3 Uhr die Preisverteilung vorgenommen. Für die dreibesten Leistungen in jeder Klasse stehen Plaketten zur Verfügung; außerdem wertvolle Ehrenpreise für den schönsten und besten Sprung. Die Kälbersteinschanze ist in den letzten Tagen verbessert worden, sie dürfte in ihrem jetzigen Zustand allen Anforderungen genügen. Auf der neuen Schanze wurden beim Training ganz vorzügliche Weiten erzielt. Den Schanzenrekord hält Aschauer Josef mit einem gestandenen 39-Meter-Sprung.«(11)

So lautet die Ankündigung, die einleitend auf die unmittelbar zuvor ausgetragene bayerische Meisterschaft Bezug nimmt. Diese war aufgrund des, so kann man es den damaligen Zeitungen an mehreren Stellen entnehmen,(12) milden und schneearmen Winters bereits mehrfach verschoben und neu angesetzt worden. Letztendlich wurde der Skiklub Bad Reichenhall als Veranstalter auserkoren und der 14./15. Februar als Termin festgesetzt.(13) »Der langersehnte, ausgiebige Schneefall«(14) aber setzte erst Ende des Monats ein, sodass der Wettkampf tatsächlich erst zwei Wochen später stattfinden konnte.(15) Austragungsort des Langlaufs war am 28. Februar 1925, einem Samstag, Bayerisch Gmain. »Die Schneelage war ausreichend, die Beschaffenheit des Schnees allerdings nicht die beste.« Über 17,5 Kilometer ging es »von dem 800 Meter hoch gelegenen Gasthof Loipl bei Winkl auf Punkt 940 Meter über Graben-Mühle, Ochsenbühel, Rothenlehen. Von Punkt 915 Meter Höhe Abfahrt auf 760 Meter und nun in großenteils flachen, nur durch kleine Steigungen unterbrochenem Laufe über Buchlehen, dann über die Bahn, Hallthurm, Fuchsstein zum Ziel beim Hotel Forst (560 Meter).«(16) Die schnellste Zeit auf dieser anspruchsvollen und, so darf man annehmen, im Vergleich zu heute kaum präparierten Strecke, lief mit 1 Stunde 22 Minuten und 58 Sekunden der aus Bayrischzell stammende Gustav Müller(17), der den Berchtesgadener Josef Aschauer (1:26:19) auf den zweiten und seinen Mannschaftskameraden Hans Bauer (1:26:28) auf den dritten Platz verwies.

Warum dieser ausführliche Exkurs, weg vom eigentlichen Thema? Ganz einfach, weil bei dieser Meisterschaft noch ein ganz anderer Name in den Ergebnislisten aufscheint, nämlich der von Kurt Meiche, der als knapp Vierzigjähriger in der Altersklasse II in einer Zeit von 1:56:14 Rang drei belegte. Das gleiche Kunststück war ihm kurz zuvor schon bei den Chiemgaumeisterschaften gelungen.(18) Offensichtlich hielt ›unser Fotograf‹ nicht nur die regionalen Anfänge des nordischen Skisports im Bild fest, sondern war als Langläufer auch selbst aktiv. Forscht man hier etwas genauer nach, dann stellt man fest, dass sich Meiche schon bald nach seinem Zuzug dem Ski-Club Traunstein (dieser war von 1920 bis 1949 kein selbstständiger Verein, sondern eine Abteilung innerhalb der Alpenvereinssektion) anschloss, und das nicht nur als einfaches und womöglich auch noch passives Mitglied. Ganz im Gegenteil – »die Skiabteilung konnte nun einen hervorragenden Skiläufer gewinnen, Herrn Kurt Meiche. Er war Skilehrer, Organisator der Wettläufe, aber ganz besonders nahm er sich um den Tourenlauf an.«(19)

Die Prüfung als Skilehrer legte Meiche zusammen mit Max Binder am 22. Januar 1923 in Bayerisch Gmain ab, wobei von 19 Teilnehmern (18 Herren und eine Dame) lediglich neun den Anforderungen genügten.(20) Zwei Tage zuvor war er bei den Bayerischen Meisterschaften in Berchtesgaden am Start. »Die Strecke war annähernd 18 km lang und schön, aber sehr anstrengend und manche Läufer waren ihr nicht gewachsen.«(21) Kurt Meiche bewältigte sie in 2 Stunden 4 Minuten und 48 Sekunden. Immer wieder stellte er in den folgenden Jahren seine Ausdauer unter Beweis, so auch bei den am 19. Januar 1924 in Kitzbühel ausgetragenen Tiroler Meisterschaften, wo er ebenfalls Rang 3 in seiner Klasse belegen konnte.(22) Als aber am 11. und 12. Februar 1928 Traunstein erstmals Austragungsort der Bayerischen Meisterschaft war(23) – wobei allerdings »die Besten sich zur Olympiade in St. Moritz befanden«(24) –, sucht man Meiche vergeblich.(25) Zu stark war er beruflich als Fotograf und wohl auch ehrenamtlich für seinen Verein gefordert, als dass er die ihm sicher wohlvertraute Strecke über 18 Kilometer um den Hochberg mit dem Ziel bei der Haferlbrücke bei sehr schwierigen Verhältnissen ernsthaft hätte in Angriff nehmen können. Im Jahr darauf aber, erneut war Berchtesgaden Ausrichter der Meisterschaft, schnallte Kurt Meiche die Bretter noch einmal an.(26) Ob er sich als ›junger Hüpfer‹ vielleicht auch auf die ein oder andere Schanze gewagt und sich im Sprunglauf, der »Krone des Skisports«, versucht hatte, ist nicht bekannt.

Doch zurück zu Gustav Müller. Der sicherte sich zwar am 1. März 1925 auch den Titel des bayerischen Meisters in der Nordischen Kombination, musste sich aber beim Springen in Bayerisch Gmain auf der heute nicht mehr existierenden Birkelschanze Karl und Martin Neuner geschlagen geben.(27) Tags darauf kam es beim Eröffnungsspringen auf der Kälbersteinschanze zum erneuten Aufeinandertreffen der drei Kontrahenten. Mit ihnen hatte sich »der größte Teil der Teilnehmer des großen Sprunglaufes der bayer[ischen] Skimeisterschaft eingefunden«; insgesamt 34 Springer stellten sich dem Kampfgericht. Und auch dieses Mal wurde der Vorzeigesportler aus Bayrischzell von dem nicht minder verwegenen Brüderpaar aus Partenkirchen dominiert, und zwar deutlich. »In Konkurrenz erreichte die größte Weite Neuner Karl mit 45 Meter. Außer Konkurrenz sprang Neuner Martin in großartiger Haltung 49 Meter. Ein Doppelsprung der Brüder Neuner mit der Weite 41 bezw. 43 Meter beendigte das Springen. Die Veranstaltung, von herrlichem Wetter begünstigt, hinterließ bei den Zuschauern den nachhaltigsten Eindruck. Die Resultate sind zur Zeit noch nicht errechnet.«(28) Sie wurden zwei Tage später nachgereicht. Karl Neuner gewann mit Sprüngen von 32, 45 und 43 Metern und einer daraus errechneten Gesamtnote von 18,278 knapp vor seinem Bruder Martin (33,5 / 44 / 41 / 18,014) und – mit schon deutlichem Abstand – Gustav Müller (30 / 41 / 39 / 16,833).(29) Sozusagen als Belohnung durften beide noch einmal gemeinsam dem Publikum ihr Können unter Beweis stellen. Und diesen Doppelsprung hielt Kurt Meiche mit seiner Kamera für die Nachwelt fest.

Abschließend kann man konstatieren, dass die herkömmliche historische Überlieferung sicher um einiges mühsamer einzusehen und durchzuarbeiten ist, als das schnelle, jederzeit verfügbare und auf den ersten Blick allwissende Internet, diesem aber häufig an Genauigkeit und Verlässlichkeit nach wie vor überlegen ist. »Die Siegerweite betrug damals 49 m durch die Gebrüder Neuner« – mit dieser Aussage lässt uns die Homepage der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH in dem Glauben, Karl und Martin Neuner hätten am 2. März 1925 (und nicht im Februar, wie dort ebenfalls falsch zu lesen steht) auf der Kälbersteinschanze einen Doppelsieg mit exakt der gleichen Weite gelandet.(30) In Wahrheit erhielt den »Ehrenpreis der Marktgemeinde Berchtesgaden für den besten Sprung Neuner Karl […, den] Ehrenpreis für den schönsten Sprung Neuner Martin.«(31) Letzterer erzielte seine 49 Meter aber »außer Konkurrenz« – heute würde man wohl vom Probedurchgang sprechen –, während Ersterer für seinen Sieg im Wettkampf nicht nur einen, sondern drei Sprünge benötigte, die für die Gesamtwertung addiert und in ein Punktesystem umgerechnet wurden. Mit seinem weitesten Satz landete er bei 45 Metern und blieb vier Meter hinter seinem Bruder, der damit den im Training aufgestellten Schanzenrekord von Josef Aschauer (39 Meter) klar verbesserte und den Maßstab für die kommenden Jahre setzte. Erst vier Jahre später wurde diese Weite »von jungen, mutigen Salzburgern übertroffen, die anläßlich eines Kameradschaftsspringens 52 und 54 Meter gesprungen sind«.(32)

Das Bild, das uns in diese längst vergangenen Zeiten des Wintersport entführt hat, wird auch in der Rubrik »Archivale des Monats« auf der Homepage der Stadt Traunstein präsentiert. Seit April 2017 stellt das Stadtarchiv dort interessante, bislang meist unbekannte Bild- und Textdokumente zur Geschichte der Stadt Traunstein vor.(33) Oft sind es, wie in diesem Fall, kleinere Neuzugänge, meist Schenkungen von Bürgerinnen und Bürgern, die alte Unterlagen nicht einfach achtlos entsorgen, sondern ihren Wert für die Heimatgeschichte erkennen. Dafür an alle ein herzlicher Dank! Besuchen Sie das Stadtarchiv also gerne einmal im Monat im Internet – es lohnt sich.

 

Franz Haselbeck

 

Anmerkungen:

1) Auf der Rückseite kann man zudem einen fototechnischen Vermerk des Urhebers lesen: »Ohne Verschluß, bleibt schwarz«.

2) Stadtarchiv Traunstein: Meldebogen Kurt Meiche; als Datum des »Zugang[s]« ist der 3.7.1919 vermerkt.

3) Stadtarchiv Traunstein: Gewerbe-Anmelde-Register, 24/1920 (Anmeldung am 6.3.1920)

4) Dieses Foto wurde von Meiche auch als Postkarte verlegt. Man findet sie in der Reihe »Historische Ansichtskarten« (Band 2) des Plenk-Verlags; Resch, Anton: Historische Ansichtskarten aus Berchtesgaden, Berchtesgaden 2007, S. 116/117. »Der Doppelsprung im Januar 1925 von Karl und Martl Neuner auf der Kälbersteinschanze.« Darauf beschränkt sich der knappe und zudem falsch datierte Bildtext.

5) Lange Zeit zählte allein die Nordische Kombination für die Vergabe eines Meistertitels. Erst ab etwa 1930 entwickelten sich die Einzeldisziplinen Langlauf und Springen zu gesonderten Sportarten. Wurden damals in den Zeitungen Skimeisterschaften angekündigt, ist darunter stets der nordische Skisport zu verstehen. Etwa ab Mitte der 1920er Jahre taucht neben dem Lang- und dem Sprunglauf auch ein sogenannter »Hindernislauf« als Vorläufer späterer alpiner Wettbewerbe in den Veranstaltungsprogrammen auf, so z. B. bei der von der Skiabteilung der Alpenvereinssektion Traunstein am 6. u. 7. Januar 1923 in Ruhpolding ausgerichteten Chiemgaumeisterschaft. »Der Hindernislauf begann am Randhange des Unternbergs und führte zunächst durch Wald und dann über die Hänge oberhalb und unterhalb Weingarten durch Reut hindurch an das Ziel dicht bei Stocking. Hier konnten die zahlreichen Zuschauer sehen, was rasche Entschlußfähigkeit, Schneid, technische Fertigkeit und Kraft eines guten Läufers vermögen. Gab die Abfahrt im Walde manch harte Nuß zu knacken, so war der letzte Teil der Strecke vor dem Ziele eine fortgesetzte Kette von sich aneinanderreihenden Schwierigkeiten, deren glatte Bewältigung nur den Allerbesten gelang, und ehrenvoll war hier auch mancher Sturz.« Die Siegerzeit lag bei etwas über vier Minuten (Traunsteiner Wochenblatt Nr. 9 v. 12.1.1923, S. 2). 1934 wurde erstmals ein deutscher Meistertitel im alpinen Skisport vergeben, und zwar in der Alpinen Kombination, bestehend aus Slalom und Abfahrt.

6) Vgl. Karl Neuner, in: Wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Neuner, aufgerufen am 10.12.2020.

7) Vgl. Martin Neuner, in: Wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_ Neuner, aufgerufen am 11.12.2020.

8) Die Marktgemeinden Garmisch und Partenkirchen schlossen sich erst am 1.1.1935 wegen der im nachfolgenden Jahr stattfindenden IV. Olympischen Winterspiele unter massiven Druck der NSDAP zum Markt Garmisch-Partenkirchen zusammen. Für die Winterspiele 1936 entstand die Große Olympiaschanze, auf der seither das Neujahrsspringen ausgetragen wird.

9) Vgl. Moravetz, Bruno: Luther, Carl Joseph, in: Neue Deutsche Biographie (NDBonline); https://www.deutsche-biographie.de/sfz55244.html, aufgerufen am 11.12.2020.

10) Kälbersteinschanze. Skisprungschanze zwischen Berchtesgaden und Bischofswiesen, in: Homepage der Berchtesgadener Land Tourismus GmbH; https://www. berchtesgaden.de/kaelbersteinschanze, aufgerufen am 11.12.2020.

11) Berchtesgadener Anzeiger v. 28.2./1.3.1925. Ein herzlichen Dank geht an den Kollegen Peter Renoth, Archiv der Marktgemeinde Berchtesgaden, für die Zurverfügungstellung von Kopien der Zeitungsberichte und weitere Informationen, darunter auch der Hinweis auf die Veröffentlichung der Postkarte in der Reihe des Plenk-Verlags.

12) Siehe z. B. Traunsteiner Wochenblatt Nr. 21 v. 27.1.1925, S. 3: »Zum Entsetzen aller Wintersportler dauert der schneearme Winter weiterhin an. Die Alz führt so wenig Wasser mit sich, daß man das Alzbett an manchen Stellen, von Stein zu Stein tretend, trockenen Fußes überschreiten und, wer gut springen kann, das schmale Bett auch überspringen kann. Selten noch dürfte es so trocken gewesen sein wie im heurigen Winter und wenn der Sommer sich nach dem Winter richtet in Bezug auf Niederschläge, dann Gnade Gott.«

13) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 29 v. 5.2.1925, S. 3: »Die Bayerische Skimeisterschaft findet nunmehr am 14. und 15. Februar in Bad Reichenhall statt. […] Alle zu den früher beabsichtigten Terminen eingegangenen Meldungen bleiben in Kraft […]«

14) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 45 v. 24.2.1925, S. 2. Das Zitat leitet den Bericht über die Chiemgau-Skimeisterschaft im Langlauf (über 16 Kilometer) ein, die am 21. Februar in Bischofswiesen durchgeführt wurde.

15) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 48 v. 27.2.1925, S. 2.

16) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 51 v. 3.3.1925, S. 2.

17) Gustav »Gustl« Müller (geb. 23. Oktober 1903 in Bayrischzell; gest. 20. September 1989 ebenda) war in der Nordischen Kombination sowie den Einzeldisziplinen Langlauf und Skispringen aktiv. Zwischen 1927 und 1932 gewann er acht Deutsche Meisterschaften in der Nordischen Kombination (3), dem Langlauf über 50 km (1) und mit der bayerischen Staffel über 4 × 10 km (4), dabei einmal (1930) auch zusammen mit Martin Neuner. Er nahm an der Olympiade 1928 sowie an mehreren Weltmeisterschaften teil, wobei er 1933 in Innsbruck als 4. in der Kombination und 5. im Skisprung jeweils nur knapp eine Medaille verpasste. Vgl. Gustl Müller (Skisportler), in: Wikipedia; https:// de.wikipedia.org/wiki/Gustl_Müller_(Skisportler), aufgerufen am 14.12.2020.

18) Vgl. Anm. 14.

19) Festschrift zum 75-jährigen Jubiläum des Ski-Clubs, Traunstein 1987, Chronik der Traunsteiner Skilaufs, S. 2 (in Stadtarchiv Traunstein: FE 24).

20) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 25 v. 31.1.1923, S. 2.

21) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 19 v. 24.1.1923, S. 2.

22) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 18 v. 22.1.1924, S. 2.

23) Siehe dazu Haselbeck, Franz: Öffentlicher Anschlag. Plakate als Spiegel der Traunsteiner Stadtgeschichte, Traunstein 2017, S. 170– 173 (Nordischer Skisport).

24) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 23 v. 28.1.1929, S. 3.

25) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 36 v. 13.2.1928, S. 3.

26) Wie Anm. 24.

27) Berchtesgadener Anzeiger v. 2.3.1925. Auch für diese Veranstaltung galt: »Den Abschluß bildete ein ganz hervorragender Doppelsprung von Neuner Karl und Neuner Martin (Partenkirchen).«

28) Berchtesgadener Anzeiger v. 2.3.1925.

29) Berchtesgadener Anzeiger v. 4.3.1925.

30) Siehe Anm. 10. Falsch ist hier auch die Aussage, wonach »1929 und 1934 […] an der Kälbersteinschanze die Deutschen Meisterschaften statt[fanden]«. Tatsächlich war dies nur 1934 der Fall (vgl. Traunsteiner Wochenblatt Nr. 35 v. 12.2.1934, S. 2). 1929 wurde die Bayerische Meisterschaft dort ausgetragen (vgl. Anm. 24), die Deutsche Meisterschaft fand Anfang Februar in Aschberg, einem Ortsteil von Klingenthal in Sachsen, statt (Traunsteiner Wochenblatt Nr. 29 v. 4.2.1929, S. 2); beide Male gewann Gustav Müller.

31) Wie Anm. 28.

32) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 6 v. 8.1.1929, S. 3. Als bisherige Rekordleistung gibt der Bericht 49 Meter an, gesprungen von Walter Glaß (1905-1981) aus Klingenthal und dem Berchtesgadener Alfred Stoll. Martin Neuners Sprung aus dem Jahr 1925 wird hier nicht erwähnt. Bei der Bayerischen Meisterschaft 1929 (s. Anm. 24), die der zitierte Artikel ankündigte, gewann Martin Neuner das Springen auf der Kälbersteinschanze mit Weiten von 46 u. 50 m vor Alois Kratzer vom SC Rottach-Egern (38 / 48) und Gustav Müller (47 / 43).

33) Auf https://www.traunstein.de/ – Kultur & Brauchtum – Stadtgeschichte – Archivale des Monats, oder direkt über: https://www.traunstein.de/kulturbrauchtum/staedtische-kultureinrichtungen/stadtarchiv/archivale/

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