Jahrgang 2005 Nummer 7

Kreisleiter Endrös – Nazi-Bauerndoktor oder Menschenfreund?

Er gehörte zu den Nationalsozialisten der »ersten Stunde«

Anton Endrös spricht auf dem Traunsteiner Stadtplatz in SA-Uniform von einem Lastauto herab.

Anton Endrös spricht auf dem Traunsteiner Stadtplatz in SA-Uniform von einem Lastauto herab.
Porträt von Dr. Anton Endrös (1936)

Porträt von Dr. Anton Endrös (1936)
Endrös (auf dem Rednerpult) hält beim Festzug am 1. Mai 1934 eine Rede auf dem Stadtplatz (damals »Hindenburgplatz«) in Traunste

Endrös (auf dem Rednerpult) hält beim Festzug am 1. Mai 1934 eine Rede auf dem Stadtplatz (damals »Hindenburgplatz«) in Traunstein.
»Diesem jungen Doktor [ist] durch das Bekannt werden mit den Ideen des Nationalsozialismus eine ganz neue Welt aufgegangen: Die Idee der Kameradschaft zwischen allen, die Idee der Hilfsbereitschaft, die Idee der Volksgemeinschaft haben ihn als Ideale ergriffen und begeistert.«(1) Dieses zeitgenössische Zitat des Augenarztes Ernst Jenger über den beruflichen Weggefährten Dr. Anton Endrös, veranschaulicht wahrscheinlich am besten warum sich der gebildete Arzt so in den Dienst von Partei und Führer stellte.

Endrös, der bereits als Student im Alter von 22 Jahren im Frühjahr 1922 der noch jungen Hitlerbewegung über den NS-Studentenbund beitritt und nur wenig später, im Oktober 1922, Sturmmann in der 9. Hundertschaft der Sturmabteilung (SA) wird, entspricht alles andere als dem Klischee eines pöbelnden SA-Haudegen.

Anton Endrös wurde am 15. Juni 1900 in Traunstein als erster von fünf Söhnen des streng katholisch gläubigen Studienprofessors Dr. Anton Endrös geboren. Er besuchte die Volksschule in Traunstein und wechselte 1910 über an ein Gymnasium in Freising, das er 1917 ohne Abschluss verlässt, um in Frankreich Kriegsdienst zu leisten. Nach dem Krieg holt er sein Abitur nach und studiert Medizin.

Während seines Studiums beteiligt Endrös sich bereits 1923 als SA-Mann an der »nationalen Erhebung«, wie die Nationalsozialisten den Hitler-Putsch vom 9. November bezeichneten. Hitler versuchte hierbei mit seinen Anhängern in Anlehnung an Mussolinis »Marsch auf Rom« die demokratische Regierung durch einen »Marsch auf Berlin« zu stürzen. Der Putsch wurde aber bereits in München niedergeschlagen, nachdem die konservativ-autoritäre bayerische Landesregierung unter Generalkommissar von Kahr sich nicht beteiligen wollte. Endrös werden für seine Teilnahme einige Jahre später der »Blutorden« und das »Ehrenzeichen vom 9. November«, beides Orden, die nur treueste Hitler-Gefolgsleute erhalten haben, verliehen.

Nach der erfolgreichen Beendigung seines Studiums wird der junge Arzt von den Inzeller Gemeindevertretern abgeworben, da die Inzeller händeringend einen Doktor suchten. Schließlich gründet Endrös, der inzwischen mit der zwei Jahre jüngeren Helene verheiratet ist, in Inzell die erste Arztpraxis.

Dabei war er für seine Patienten nicht nur Arzt, sondern gleichzeitig auch immer Freund und Helfer. Nicht selten kam es vor, dass er armen Bauern oder Hilfsarbeitern Medikamente schenkte oder sie unentgeltlich behandelte, weil diese sich die Arzneien bzw. die ärztliche Behandlung selber nicht leisten konnten. Für ihn standen somit Solidarität mit anderen Menschen und Kameradschaft an oberster Stelle.

In dieser Zeit wird der junge Arzt auch schriftstellerisch aktiv: Er verfasst von 1926 bis 1933 einen Heimatroman mit dem Titel »Brandfackeln im Bergdorf«. Hierin geht er auf das entbehrungsreiche Leben in einem Gebirgsdorf Ende der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts ein, wobei er sich auf Inzell bezieht. Neben den Verhältnissen in seinem Heimatdorf beschreibt er auch das Verhalten der Bauern und schildert in äußerst pathetischer und idealistischer Weise, wie die Nazis sich politisch und gesellschaftlich in einem Gebirgsdorf etablieren:

»Die Musik spielte schneidige Märsche und als der Gauleiter das Podium betrat, grüßte ihn brausender Jubel. In zweistündiger Rede wusste er die Massen restlos in seinen Bann zu ziehen. [...] Jedem Einzelnen hämmerte es ins Gehirn und Herz, dass nur der Nationalsozialismus unter Führung von Adolf Hitler Volk und Vaterland für alle Zeit von Not und Knechtschaft erlösen könne. Ergriffen sangen viele Menschen das Kampflied der NSDAP ...«(2)

Die eigentliche politische Karriere des Dr. Endrös begann erst im Dezember 1930, als er eine NSDAP-Ortsgruppe in Inzell gründete und deren Leiter wurde. Hierbei von besonderem Interesse ist, dass sich Endrös erst relativ spät wieder zum Nationalsozialismus bekannte. Vermutlich war er nach dem Verbot der NSDAP nach dem Hitlerputsch verunsichert, und erst als die Partei eine gewisse Massenbasis nach der Sensationswahl im September 1930 erlangte, wagte er es, auf den Erfolg der Partei aufzuspringen. Zudem wird die massive Verschlechterung der wirtschaftlichen und finanziellen Verhältnisse der heimischen Bevölkerung aufgrund der Weltwirtschaftkrise ihr übriges getan haben, um Endrös wieder für die NS-Ideen neu zu begeistern. Endrös wurde anschließend durch seine »glänzenden«(3) und kämpferischen Reden sehr schnell weit über die Grenzen Inzells hinaus bekannt und erhielt infolgedessen noch 1931 das Amt des Kreispropagandaleiters. 1932 wurde er aufgrund seines rhetorischen Vermögens sogar zum Gauredner ernannt. Diese Parteiämter waren die Grundlage für seine mehrmals pro Monat im »Chiemgau-Boten« erscheinenden polemischen Artikel. Endrös hielt in der restlichen »Kampfzeit« politische Vorträge im gesamten Bezirk Traunstein, wobei seinen Reden immer »guter Besuch«(4) beiwohnt und er stets große Zustimmung für seine »trefflichen Ausführungen«(5) erhält. Er schien bei den Parteigenossen durch sein »frisches Temperament und seine hilfsbereite Lebensauffassung«(6) sehr beliebt zu sein. Dafür spricht auch, dass ihn die NSDAP zur Reichstagswahl im Juli 1932 ins Rennen schickte. Jedoch wurde er, obwohl die NSDAP die Wahl hoch gewann, nicht in den Reichstag gewählt.(7)

Nach der Machtergreifung am 30 Januar 1933 betrieb er noch einen großen Wahlkampf für die letzte (halb-) freie Reichstagswahl am 5. März 1933, wobei er vor allem gegen die Bayerische Volkspartei (BVP) zu Felde zog. Hierbei hielt er unter anderem auf dem Traunsteiner Stadtplatz von einem Lastauto herab vor Traunsteiner Bürgern und begeisterten SA-Leuten eine »kurze, aber zündende Ansprache«(8).

Im April des Jahres 1933 wollte sich der junge Arzt überraschenderweise von der Politik zurückziehen und entschied sich, alle seine Parteiämter niederzulegen, weil er von der Machtergreifung prinzipiell enttäuscht war. Er vermisste daran völlig den sozialen Aspekt und protestierte dagegen, dass Stellen in der öffentlichen Verwaltung mit »menschlich unzulänglichen Personen«(9) besetzt wurden. Vielleicht auch um seinen Rückzug aus der Politik nochmals zu überdenken, unternahm er im Mai desselben Jahres mit seiner Frau eine Reise nach Italien, um sich zu erholen. Ende Mai jedoch trat Endrös bereits wieder bei politischen Veranstaltungen auf, wobei seine Reden wieder »stürmischen Beifall«(10) ernteten. Am 24. Juli wurde er von Gauleiter Adolf Wagner zum Gaukommissar berufen, ein Amt, welches ihm »sämtliche dem Gauleiter zustehenden Rechte und Vollmachten«(11) im Kreis verlieh; er war also bereits kommissarischer Kreisleiter. Zudem trat er freiwillig dem NS-Ärztebund bei.

Als die NS-Verwaltungsstrukturen im Jahr 1933 aufgebaut wurden, wurde auch in Traunstein die Kreisleitung neu organisiert, jedoch fehlte dem Gauleiter bis September immer noch ein geeigneter Kreisleiter. Endrös, der eigentlich laut Wagner für diese Stellung prädestiniert wäre, wollte sie anfangs nicht annehmen, da er immer noch enttäuscht und verunsichert war. Wagner drohte ihm jedoch, einen Parteigenossen aus München in Traunstein als Kreisleiter einzusetzen, und »auf Drängen seiner Freunde«(12) übernahm Endrös letztlich doch die Kreisleitung im September 1933 ehrenamtlich.

Ein einschneidendes Erlebnis erfuhr Endrös im Rahmen des »Röhm-Putsches«: Bei der großen Säuberungsaktion, die vom 30. Juni bis 2. Juli 1934 von der SS durchgeführt wurde, sollten auch einige SA-Führer, die in Traunstein weilten, hingerichtet werden. Als die SS-Führer bei Endrös, selbst SA-Sturmführer, im Büro vorsprachen, um ihn über ihren Auftrag in Kenntnis zu setzen, widersprach der gebildete Arzt den Männern, indem er antwortete, dass »er es unter keinen Umständen dulde, dass Leute ohne jede Veranlassung festgenommen und dann vielleicht ohne Verfahren hingerichtet werden«(13) würden. Endrös wurde im Beisein seiner Bürokräfte auf der Stelle verhaftet und ins Gefängnis nach Stadelheim abtransportiert. Erst drei Tage später, nachdem der stellvertretende Gauleiter Nippold intervenierte und somit die Freilassung nach längerer Diskussion erreicht hatte, kam Endrös wieder auf freien Fuß.

Aufgrund seiner Gesellschaftertätigkeit beim Traunsteiner Zeitungsverlag wurde er 1935 Mitglied in der Reichspressekammer. Der Traunsteiner Zeitungsverlag entstand durch eine von Endrös geleitete und geplante Gleichschaltungsaktion, denn vor der Machtergreifung war das Spektrum der lokalen Presse im Raum Traunstein sehr breit. Es war das erklärte Ziel von Kreisleiter Endrös, dass man »ökonomischen Einfluss auf die örtlichen Heimatblätter erlangen«(14) und die Presse gleichschalten sollte.

Somit begann er bereits kurz nach der Machtergreifung gegen das damalige »Traunsteiner Tagblatt« (das mit dem heutigen Traunsteiner Tagblatt nichts zu tun hatte und auch in einem anderen Verlag erschien) zu agieren, wobei dieses bereits bis Januar 1934 ausgeschaltet werden konnte.

Danach verfolgte Endrös weiterhin sein Ziel, ein »Zeitungsmonopol«(15) im Raum Traunstein zu errichten. Die Agitation wendete sich nun vermehrt gegen Anton Miller und dessen Traunsteiner Wochenblatt heute »Traunsteiner Tagblatt«. Bereits 1933 war dieser Zeitung die Lizenz, »offizielles Amtsblatt« zu sein, entzogen und dem »Chiemgau-Boten« zugeschanzt worden. Um Miller einzuschüchtern und um ihre Macht zu demonstrieren, verhängten die lokalen Nazi-Führer Anfang 1935 eine viertägige Schutzhaft über den Verleger.

Im Sommer 1935 bot sich dann Endrös eine günstige Gelegenheit zur Übernahme des Blattes: Der Kreisleiter beurteilte bei der Reichspressekammer Anton Miller negativ, was zur Folge hatte, dass diesem die Eignung zum Verlegerberuf aberkannt wurde. Somit hatte er seine Zeitung an einen anderen Verleger abzugeben. Dadurch konnte Ende Februar 1936 die Fusion zwischen der »Nationalsozialistischen Tageszeitung« (bestehend aus dem Chiemgau-Boten und dem Tagblatt) und dem »Traunsteiner Wochenblatt« vollzogen und die »Traunsteiner-Zeitungsverlag KG« gegründet werden. Endrös wurde Gesellschafter des Verlages, Miller wurde dagegen zum Drucker degradiert.

Kurz nach Kriegsbeginn, im Herbst 1939, »wollte Endrös seine durch die Partei erhaltene Stellung [die so genannte »UK-Stellung«] nicht Kriegsdienst leisten zu müssen aufgehoben haben«(16). Diesem Wunsch wurde im Februar 1940 von der Parteikanzlei entsprochen. Kurz darauf, im März, zog er sich von seinem ehrenamtlichen Engagement als Kreisleiter zurück und übertrug die Geschäfte vorübergehend an Josef Wallner, seinem Stellvertreter. Trotzdem blieb er aber offiziell auf seinem Posten. Im April wurde Dr. Endrös von der Wehrmacht eingezogen und zum Sturmbannführer befördert. Er diente bis Juli 1940 als Assistenzarzt in Frankreich und wurde dann zum Oberarzt der Wehrmacht berufen. Von diesem Lebensabschnitt ist bekannt, dass Endrös bei den Soldaten »als Arzt und persönlich sehr beliebt war«(17). So schickte er »alte und nicht einsatzfreudige Soldaten«(18) nach Hause und versorgte französische, belgische und holländische Zivilflüchtlinge mit ärztlicher Hilfe. Aufgrund seiner vorbildlichen Arbeit als Arzt im Kriegsdienst wurde ihm noch im Jahr 1940 das Kriegsverdienstkreuz II. Klasse verliehen.

Jedoch währte dieser Lebensabschnitt nicht allzu lange, da das Auswärtige Amt in Berlin händeringend nach geeigneten Parteigenossen für den Diplomatendienst in der Slowakei suchte. Hierbei kamen für das Ministerium nur Persönlichkeiten in Betracht, die »mit dem schwerfälligen, bäuerlichen Element der slowakischen Bevölkerung umzugehen wissen«(19). Ein Sachbearbeiter des Ministeriums, ein alter Bekannter von Endrös, schlug denselben bei seinem Vorgesetzten vor mit der Begründung, dass Dr. Endrös aufgrund seines Umgangs mit den alteingesessenen Inzeller Bauern für diese Aufgabe prädestiniert zu sein scheint. Kurz darauf wurde ihm ein Angebot unterbreitet, in den Diplomatendienst ins Auswärtige Amt überzuwechseln. Endrös quittierte seinen Militärdienst und wurde unverzüglich »Berater der slowakischen Regierung für Propagandafragen«.

Daraufhin zog er nach Pressburg und wenig später unterstellte man ihm in der deutschen Vertretung die gesamte Innere Gesandtschaftsverwaltung und beförderte ihn zum »Gesandtschaftsrat I. Klasse«. Hervorzuheben ist, dass Endrös in seiner Funktion als Gesandtschaftsrat meist als Repräsentant des Deutschen Reiches in der nominell unabhängigen Slowakei fungierte und somit nicht an ethnischen Säuberungsaktionen beteiligt war oder solche durchführen ließ. Er war also Zeit seines Lebens nie direkt am Holocaust beteiligt. Sein Vorgesetzter, SA-Obergruppenführer Ludin, der Deutsche Gesandte in Preßburg, schrieb am 14. April 1943 an den neuen Gauleiter von München/Südostbayern, Paul Giesler, dass seiner Meinung nach Dr. Endrös »mehr politisch als diplomatisch« begabt sei und deshalb »in einer entsprechend führenden Stellung im Reich nützlicher sein kann als hier [in Preßburg]«(20). Er schlug deshalb vor, ihn zum stellvertretenden Gauleiter zu befördern, wobei er seine »wertvolle Mitarbeit«(21) und sein kameradschaftliches Wesen lobte. Der Gauleiter antwortete darauf in einem Schreiben, dass es »völlig ausgeschlossen«(22) sei, Endrös zu seinem Stellvertreter zu berufen, weil »nach den Grundsätzen der Parteikanzlei zu stellvertretenden Gauleitern nur solche ernannt werden, die die Gewähr bieten, dass die politische Führung sie jederzeit als Gauleiter verwenden kann«(23). Jedoch stellte auch Giesler die Verdienste von Endrös positiv heraus und versicherte, eine seinen »Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit«(24) ausfindig zu machen.

Dieser Briefwechsel stellte eine ganz klare Zäsur in der Vita von Anton Endrös dar. Man kann sogar sagen, dass es sich hierbei um den entscheidenden »Knick« in seiner nationalsozialistischen Parteikarriere handelte. Niemand, weder Ludin noch Giesler, zweifelten an seinem geistig-intellektuellen Vermögen, aber weil sich der Arzt zunehmend von den Gewaltmethoden distanzierte und nicht mehr – wie in der Kampfzeit – voll hinter der Partei und ihrer Führung stand, haben seine Vorgesetzten zunehmend weniger Vertrauen in Endrös, in dem noch immer die humanistische Bildung des Freisinger Gymnasiums verankert zu sein scheint. Zudem drangen zu den Parteioberen immer wieder Gerüchte aus dem Kreis Traunstein, dass der dortige Kreisleiter »zu gut«(25) (s. Kap. 4.2) sei. Dies alles führte dazu, dass der Arzt den höheren Parteifunktionären nicht die »volle Gewähr« bot und somit nicht mehr befördert werden konnte.

Am 25. Juni 1943 bat Endrös Gauleiter Giesler schriftlich, ihn von seinen Aufgaben als Kreisleiter zu entbinden, obwohl ein »großer Teil seiner Lebensarbeit«(26) daran hing. Als Begründung für diesen Rückzug gab er an, dass ihn seine »Eindrücke auf dem letzten Kreistag«(27) dazu bewegt hätten.

Gegen Ende des Krieges, im Februar 1945, wurde Endrös beauftragt, die gesamte slowakische Intelligentia vor der Roten Armee in Sicherheit zu bringen. Als geeigneter und sicherer Ort wurde hierzu von den Militär-Strategen das Kloster Kremsmünster in Oberösterreich ausgesucht. Für diese Evakuierungsaktion wurden Endrös 100 000 Reichsmark auf sein Konto bei der Bezirkssparkasse Traunstein überwiesen. Anschließend begleitete Endrös im März die slowakische Regierung mit Präsident Tiso und deren Berater nach Kremsmünster und verweilte dort mit ihnen bis Anfang Mai. Daraufhin verließ er Österreich und kehrte zwei Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner nach Inzell heim.

Als die US-Soldaten am 4. Mai 1945 um die Mittagszeit Inzell erreichten, standen viele Einwohner des Dorfes am Straßenrand und winkten den siegreichen GIs mit weißen Fahnen zu.

Gegen 19 Uhr desselben Tages fuhren amerikanische Soldaten vor dem Doktorhaus in Inzell vor und verhafteten Dr. Anton Endrös und seine gesamte Familie vor den Augen der Inzeller Einwohner.

Endrös wurde anfangs im »Third Army Internment Camp No 74« in Ludwigsburg arrestiert, nachdem er eine kurze Zeit in einem Lager in Bad Aibling festgehalten worden war. In Ludwigsburg wurden von ihm die üblichen Angaben verlangt, das heißt, er musste Entnazifizierungsbögen ausfüllen, damit von den Besatzern und den Spruchkammern geklärt werden konnte, welche politische Funktion er im Dritten Reich hatte. Zudem war er in diesem Internierungslager ein Jahr lang als Barackenarzt tätig. Über dieses ärztliche Engagement schrieb der »Camp-Commander« Major Arvid P. Dahl, dass »er [Endrös] in seiner Stellung neben gründlicher ärztlicher Kenntnis und Erfahrung Organisationsgabe und volles Verantwortungsbewusstsein bewies, die wesentlich zur [...] Hebung des Gesundheitszustandes [...] der Lagerinsassen beitrugen.«(28) Hierbei erkennt man, dass Dr. Endrös einerseits ein sehr kompetenter Arzt war und andererseits während seiner Lagerzeit sich den neuen Umständen anzupassen versuchte und diesen Lebensabschnitt als einen kompletten Neuanfang verstand. Eine ähnlich gute Beurteilung durch die Camp-Kommandantur erhielt Endrös im Lager Moosburg, in welches er, nach einem kurzen Übergangsaufenthalt im Arbeitslager Regensburg, im Juni 1947 verlegt wurde. Auch dort war Endrös schon bald ärztlich tätig: Er fungierte als Abteilungsarzt im Lagerhospital. Der hierbei zuständige Lageramtsarzt Dr. Reidl schrieb in seinem Bericht, dass »Dr. Endrös durch sein unermüdliches Handeln [...] seine vorbehaltlose Bereitschaft zur Mitarbeit am Aufbau des neuen demokratischen Staates gezeigt hat«. Außerdem stellte er die »sympathische Persönlichkeit« von Endrös heraus und verwies auf seine »hohe Wertschätzung und Beliebtheit«.(29)

Zum 1. April 1948 wurde Endrös in das Internierungslager an der Ungererstraße in München verlegt, um bei seinem in Kürze anstehenden Spruchkammerprozess vor Ort zu sein. Die Verhandlung fand aber nicht in München, sondern vor der Spruchkammer des Dachauer Internierungslagers statt.

Am 23. August 1948, also rund dreieinviertel Jahre nach seiner Verhaftung, wurde der Fall Endrös vor der Lagerspruchkammer Dachau verhandelt. Der öffentliche Kläger, Georg Simon, führte in seiner Klageschrift aus, Endrös als Hauptschuldigen in die Gruppe I einzuordnen, weil er »durch seine Tätigkeiten dazu beigetragen hat, das System aufrecht zu erhalten«.(30) Dagegen plädierte der Verteidiger von Dr. Endrös, der Münchner Rechtsanwalt Dr. Christ, den Angeklagten in Stufe III, die Gruppe der Minderbelasteten einzuordnen, weil Endrös kein Fanatiker gewesen sei und ihm »die gewaltsamen Methoden im politischen Kampf widerstrebten«(31). Hierbei wurde bewusst verleugnet, dass Endrös am Hitlerputsch beteiligt war und bereits 1922 der NSDAP beigetreten ist. Die Verteidigung von Endrös übernahm im Juni 1948 der Traunsteiner Rechtsanwalt Karl Merkenschlager, ein Nazigegner, der kurzfristig auch von den Amerikanern als Traunsteiner Bürgermeister eingesetzt wurde, weil Dr. Christ angeblich für die mündlichen Verhandlungen keine Zeit hätte.

Im Urteil des Gerichtes wurde Endrös als Minderbelasteter eingestuft. Sein Strafmaß betrug zwei Jahre Bewährung und die Zahlung von 500 Mark in den Wiedergutmachungsfond. Außerdem sollte er die Kosten des Verfahrens tragen.

Endrös wurde am darauf folgenden Tag aus der Internierungshaft entlassen und zog in die Zwei-Zimmerwohnung zu seiner Familie nach Inzell. Er begann wieder seinen Beruf als Arzt in Inzell auszuüben.

Jedoch legte Staatsanwalt Simon gegen das Urteil Berufung ein, weil Endrös seiner Meinung nach »als Kreisleiter außerordentlich zur Stärkung [...] der NS-Gewaltherrschaft beigetragen hat«.(32) Er forderte nunmehr, ihn in Gruppe II als Belasteten einzustufen. Das Verfahren wurde im Folgenden völlig neu aufgerollt, dabei kamen neue Aspekte zum Nachteil von Endrös ans Licht, beispielsweise sein erbittertes Vorgehen gegen den Traunsteiner Verleger Anton Miller, um die Lokalpresse gleichzuschalten.

Beim Berufungsprozess vor der Hauptkammer München, forderte der Staatsanwalt zudem, 50 Prozent des Vermögens von Dr. Endrös einzuziehen und ihn mit einer Freiheitsstrafe von drei Jahren zu belegen. Das Urteil dieses Prozesses lautete jedoch, dass Endrös in Gruppe II als Belasteter eingeordnet und zudem mit zwei Jahren Arbeitslager bestraft wird, was aber durch seine dreijährige Gefangenschaft bereits abgegolten war. Der Richter begründete sein Urteil damit, dass Endrös lange Zeit »ein politischer Redner im Sinne der NS-Ideologie«(33) gewesen und schon relativ früh in die NSDAP eingetreten sei. Gegen diesen Spruch legte nun Endrös Verteidiger Merkenschlager Berufung ein und forderte, dass Endrös als Minderbelasteter eingeordnet werden soll. In dem neuerlichen Berufungsprozess vom 2. August 1950 wurde jedoch klargestellt, dass das Urteil der Hauptkammer München rechtens sei. So endete nach über fünf Jahren für Dr. Endrös die »Entnazifizierung« und er lebte in Inzell in seiner Tätigkeit als Arzt weiter.

Als Dr. Endrös am 20. Februar 1962 von einem ärztlichen Hausbesuch in Hammer nach Hause fuhr, erlitt er während des Autofahrens eine Herz-attacke und fuhr mit seinem VW-Käfer an den Pfeiler der Traun-Brücke. Er verstarb noch an der Unfallstelle.

Anschließend lässt sich sagen, dass die Persönlichkeit von Dr. Anton Endrös sehr komplex, um nicht zu sagen gespalten war. Einerseits »hat er außerordentlich zur Stärkung und Erhaltung der NS-Gewaltherrschaft beigetragen«,(34) andererseits half er immer wieder Menschen, die sich in Not befanden und versuchte deren Leid zu lindern – ob in Inzell bei den armen Bauern oder während des Frankreichfeldzuges bei Flüchtlingen. Endrös war sicherlich durch seine frühe SA- und Parteimitgliedschaft ein Nationalsozialist der »ersten Stunde«. Durch seine Tätigkeiten in den verschiedenen Funktionen, sei es als Kreisleiter oder als Gesellschafter des »Traunsteiner-Zeitungsverlag«, hat er das NS-Regime nicht nur unterstützt, sondern war selbst sogar Teil dieses politischen Systems.

MD

Quellennachweis:
1: Bay.STAM: Spruchlammern Karton 361 (Eidesstattliche Erklärung von Dr. Ernst Jenger, Augenarzt)
2: StATS: S 37 (Endrös: Brandfackeln im Bergdorf, S. 209)
3: StATS: S 229/2 (Tagebuch des PG Neumayer)
4: StATS: S 229/2 (Tagebuch des PG Neumayer)
5: StATS: S 229/2 (Tagebuch des PG Neumayer)
6: StAM: Spruchkammern Karton 361 (Eidesstattliche Erklärung (E.E.) von Dr. Ernst Jenger, Augenarzt)
7: StATS: S 229/2 (Tagebuch des PG Neumayer)
8: StATS: Chiemgau-Bote am 27.2.1933
9: StAM: Spruchkammern Karton 361
10: StATS: S 229/2 (Tagebuch des PG Neumayer)
11: StATS: Chiemgau-Bote vom 25.6.1933
12: StAM: Spruchkammern Karton 361 (E.E. von Josef Wallner, stellvertretender Kreisleiter)
13: StAM: Spruchkammern Karton 361
14: Frei: Eroberung der Provinzpresse, S. 225
15: Frei: Eroberung der Provinzpresse, S. 228
16: StAM: Spruchkammern Karton 361 (E.E. von Josef Wallner, stellvertretender Kreisleiter)
17: StAM: Spruchkammern Karton 361 (E.E. von Wolfgang Lang, Kraftfahrer)
18: StAM: Spruchkammern Karton 361 (E.E. von Wolfgang Lang, Kraftfahrer)
19: StAM: Spruchkammern Karton 361
20: beide Zitate aus: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
21: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
22: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
23: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
24: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
25: StAM: Spruchkammerakte Endrös (E.E von Josef Wallner, stellvertretender Kreisleiter)
26: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
27: BDC: Personalakten Dr. Anton Endrös
28: StAM: Spruchkammern Karton 361
29: alle Zitate aus: StAM: Spruchkammern Karton 361.
30: StAM: Spruchkammern Karton 361 31StAM: Spruchkammern Karton 361
32: StAM: Spruchkammern Karton 361
33: StAM: Spruchkammern Karton 361
34: StAM: Spruchkammern Karton 361 (Georg Simon, öffentlicher Kläger)



7/2005