Jahrgang 2008 Nummer 1

Kommt mit und gehn wir Kripperlschaun!

Von der Rhön bis zu den Alpen: In Bayern führen viele Wege zum Weihnachtsgeheimnis

»Heute ist Euch der Heiland geboren«. So verkünden Engel auf einem Schriftband über der Darstellung der Geburt des Herrn im ruinenhaften Stall zu Bethlehem auf dem spätbarocken Gemälde »Anbetung der Hirten« von Sebastian Rechenauer d. Ä. Das figurenreiche, schwarz gerahmte Ölbild zeigt in der Mitte die Gottesmutter, die stehend – Joseph weilt indes bei Ochs und Esel – mit ausgestreckten Armen und offenen Händen auf das Zentrum des Geschehens weist, das Kind in der Futterkrippe. Es liegt, reichlich mit Laken bedeckt, auf einem Bündel Stroh, das Köpfchen etwas angehoben und von Strahlen umgeben. Alle Figuren sind mit Haltung und Blick auf das Kind gerichtet, anbetend, erstaunt, zweifelnd oder sichtlich hocherfreut. Im Pfarrmuseum zu Flintsbach am Inn hängt diese prächtige Tafel, wo einst der Maler zu Hause war.

Zur Zeit eines Sebastian Rechenauer wirkten schon, von Sizilien über Neapel und Tirol bis ins Süddeutsche hinein, Krippenschnitzer und -modellierer. Sie ließen das Wunder der Heiligen Nacht plastisch werden. Führten den Menschen en miniature die Szenen vor Augen, die ihrem Glauben das Fundament gaben: Geburt des Herrn, Anbetung der Hirten, Jubel der Engel, Sternreise der drei Weisen aus dem Morgenland. Der Fantasie der Künstler war ebenso wenig eine Grenze gesetzt wie der Erweiterung des biblischen Berichts nach vorne und hinten: Verkündigung, Besuch Marias bei Elisabeth, Herbergssuche, Flucht nach Ägypten und bethlehemitischer Kindermord. In reicher Fülle sind diese »Geschichten« rund um die Weihnachtskrippe auf breiten Bühnen mit Kulissen und naturalistischen Details bis in landschaftliche, bauliche und modische Besonderheiten der gekleideten Holz-, Wachs- oder Tonfiguren, in Kästen, unter Glasstürzen oder als »Krippenberge« seit der Schenkung des Münchner Kommerzienrats Max Schmederer vor gut 100 Jahren im Bayerischen Nationalmuseum zu bestaunen. »Kommt mit, heut gehn wir Kripperlschaun!«, hieß es in München früher in den Tagen zwischen den Jahren, und alt und jung ergötzte sich an der Tölzer Krippe, der neapolitanischen Palastkrippe, an den Karton-Figuren des Mähren Wenzel Trebitsch oder am segnenden Jesuskind aus Spanien um 1600, von dem man wusste, aber nie zu sehen bekam, dass er die Arme bewegen konnte. Von der Rhön bis in die Alpen ziehen sich heute regelrechte Krippenwege, locken Heimat-, Fantasie- und orientalische Krippen in Museen und Kirchen, auch in Privathäusern, bis weit über Dreikönig hinaus, manchmal bis Lichtmess. Temporäre Ausstellungen mobilisieren ganze Familien und Gruppen. »Krippenschätze aus Wien« heißt die Sonderschau des Egerland Museums zu Marktredwitz mit gut 70 in den letzten Jahren im Wiener Raum gesammelten und gebauten Krippen. Nie zuvor gesehen: eine Glasblockkrippe oder ein geklöppeltes Prager Jesulein, während die Marktredwitzer Landschaftskrippe von Albin Altmann ihre Entsprechungen in Raitenhaslach, Iphofen, Aichach, Mindelheim, Andechs und zahlreichen anderen Klöstern oder im Malerwinkelhaus von Marktbreit hat. Hier sind, neben Relief-, Falt- und Aufstellkrippen auch Faulenzer-Krippen zu sehen, Miniaturausgaben der Kastenkrippe. Schirmherren der Schau »Seht, die gute Zeit ist nah…« sind übrigens die Ortsgeistlichen beider christlicher Konfessionen.

Was im schönen niederbayerischen Landshut schon zum 9. Mal auf eindrucksvolle Weise erlebbar ist, hat in der Rhön heuer Premiere: ein Krippenweg. Elf Veranstaltungsorte der Landkreise Bad Kissingen und Rhön-Grabfeld sind Stationen des »Rhöner Krippenwegs« von Hammelburg bis zum Kreuzberg. In der Rhön arbeiten noch zahlreiche Krippenbauer wie Dieter Frank, Günter Metz, Alois Wehner, Uli Klemm, Herbert Holzheimer oder der auch theoretisch bewanderte Lothar Bühner, der sich in Tilman Riemenschneiders gotischer Tradition sieht. In Bamberg können Krippen einer Privatsammlung angeschaut, aber auch das Krippenbauen und Figurenschnitzen mit Krippenbaumeister Karl-Heinz Exner und Holzbildhauer Dieter Frank probiert werden. 380 Jahre alt ist die Krippentradition im schwäbischen Mindelheim. In der Jesuitenkirche präsentiert sich die Klosterwald-Krippe mit meterhohen Figuren im Chor, eine feine »Trösterlein«-Schau des Heimatmuseums konkurriert kaum mit der mechanischen ganzjährigen Heilig-Geist-Spital-Krippe, Lebende Krippen und Krippenspiele bestehen neben den Attraktionen des Schwäbischen Krippenmuseums im ehemaligen Jesuitenkolleg, wo der Jesuskindverehrung und der Entwicklung der altehrwürdigen Krippenkunst vom 15. bis 20. Jahrhundert nachgegangen werden kann.

Münchner Kripperlfreunde und -spezialisten pilgern, wenn nicht (wieder mal) ins National-, so ins Jagd- und Fischereimuseum zur Sonderausstellung »Krippen aus Sizilien und dem Alpenland«. Angela Tripi aus Palermo modelliert die, bis ins 18. Jahrhundert zurückgehenden, Terrakottafiguren, bemalt, schmückt und bekleidet sie reich. Ähnlich arbeitet Rosi Bauer aus dem oberbayerischen Siegsdorf, die als Expertin, Restauratorin und Sammlerin alter Jesulein und Krippen einen Namen hat. Gewiss wird sie vom 23. bis 27. Januar am 18. Internationalen Weltkrippen-Kongress in Augsburg teilnehmen, einer Krippenstadt von besonderem Reiz, vielfältiger Krippenschau-Möglichkeiten und hohem Anspruch. Der Kongress richtet sich auf Erhalt und Förderung der Krippentraditionen der verschiedenen Völker und Kulturen. Weit über Bayern hinaus weisen kleine Kastenkrippen aus Missionsländern wie Chile und Peru. Unverblümt und oft derb in der Bemalung bringen sie – fern künstlerischer Ambition – die Freude über die Heilstat des Vaters im Himmel zum Ausdruck, der seinen Sohn sandte, um die Menschen zu erlösen.

Hans Gärtner



1/2008