Jahrgang 2021 Nummer 4

Kloster zwischen See und Vorgebirge

Höglwörth war das letzte bayerische Chorherrenstift

Kirche und ehemaliges Konventgebäude des Chorherrenstiftes Höglwörth.
Verklärung Christi, Hochaltarbild des italienischen Malers Francesco Vanni aus Siena (1601).
Verherrlichung des hl. Placidus von Franz Nikolaus Streicher aus Trostberg, im Hintergrund die Kirche von Anger und der Hochstaufen mit Untersberg.

Teisenberg, eine bayerische Bilderbuchlandschaft am Rande des weißblauen Territoriums.« Mit diesen poetischen Worten beschreibt Gabriele Scherl das ehemalige Augustinerchorherrenstift Höglwörth im Landkreis Berchtesgaden. Und in der Tat ist jeder überwältigt, wenn er auf der Straße von Teisendorf kommend in Richtung Bad Reichenhall fährt und unten im Tal der Stoisser Ache vor der Kulisse von Zwiesel und Hochstaufen den Höglwörther See und das ehemalige Kloster erblickt.

Uralter Kulturboden ist dieses Gebiet, wie Funde aus der Kupferzeit um 2.000 vor Christus belegen. Später haben es die Römer besetzt. An sie erinnert ein sogen. Mithrasstein aus hellem Untersberger Marmor, in den ein gewisser Lupercus einen Segensspruch für seinen Freund einmeißeln ließ. Über den Stein, der sich heute im Bayerischen Nationalmuseum in München befindet, schreibt der Heimatforscher Ernest Geiss in seiner Chronik des ehemaligen Chorherrenstifts Höglwörth: »Bei einer Reparatur im Klostergebäude wurde der Stein im 1. Stock des hinteren Torturms eingemauert gefunden. Die Römer, welche dem Lichtgott Mithras blutige Opfer spendeten, mussten in dieser Gegend einem kräftigeren Geschlechte weichen, das durch die Predigten des hl. Rupert und seiner Nachfolger gelernt hatte, das wahre Licht der Welt anzubeten.«

Gegründet von den Grafen von Plain

Nach der Tradition befand sich im nahegelegenen Weiler Zellberg eine vom Kloster St. Peter in Salzburg gegründete Mönchsklause, aus der das Kloster Höglwörth hervorging. Als zweite Gründer werden die Grafen von Plain überliefert, deren Stammburg nahe Großgmain stand. Sie bestimmten Höglwörth zu ihrem Hauskloster und zu ihrer Familiengrablege. Täglich wurde für sie das Konventamt gefeiert. Zur Jahreskirchweih wurden die Grundholden (abgabepflichtige Untertanen) vom Grafen eingeladen und mit Brot und Käse bewirtet. Als die Grafen von Plain im Jahre 1260 in männlicher Linie ausstarben, ging Höglwörth in den Besitz des Erzbistums Salzburg über. An das Plainer Grafengeschlecht erinnert bis heute die lebensgroße Relieffigur aus Holz in der Sakristei der Klosterkirche, die den Grafen Luitpold III. darstellt, der am Heimweg von einem Kreuzzug in der Nähe von Villach seinen Verletzungen erlag.

Höglwörth hatte von den Plainer Grafen umfangreiche Besitzungen erhalten, darunter Wälder bei Ruhpolding und Lofer sowie drei Weinberge bei Krems, so dass es über eine gesicherte wirtschaftliche Grundlage verfügte. Zu seinem Seelsorgsbezirk zählten die Pfarreien Anger, Aufham, Mauthausen und Piding.

Für den Salzburger Erzbischof Konrad von Abenberg, den Reformator des Erzbistums, stellte der Erwerb von Höglwörth einen Glücksfall dar. Er war gerade dabei, das große Erzbistum neu zu organisieren und in kleinere Verwaltungsbezirke einzuteilen, an deren Spitze jeweils der Propst eines Chorherrenstifts stand. Solche Stifte existierten bisher in Au am Inn, Weyarn, St. Zeno Reichenhall, Bischofshofen, Baumburg, Gars am Inn, Suben und Herrenchiemsee, zu denen nun noch Höglwörth kam. Die Ordensleute führten nach der reformierten Regel der Augustinerchorherren ein Gemeinschaftsleben und versahen gleichzeitig die Seelsorge in der Umgebung. Der vom Erzbischof ernannte Propst war nicht nur der Vorgesetzte der Konventualen, sondern er hatte auch die Aufsicht und Disziplinargewalt über den Weltklerus der Region – eine Aufgabe, die in späterer Zeit vom Archidiakon wahrgenommen wurde.

Licht und Schatten im Konvent

Ernest Geiss hat in seiner Chronik von Höglwörth die Leistungen aller Stiftspröpste untersucht und herausgearbeitet, dass immer wieder Zeiten des wirtschaftlichen und monastischen Niedergangs mit Zeiten der Erneuerung abwechselten. Eine bedeutende Führergestalt war Propst Wolfgang Griesstätter (1522- 1541), der gleichzeitig Administratur des Chorherrenstifts Baumburg war und später Fürstpropst von Berchtesgaden wurde. Durch seine Wirtschaftsführung und die Beteiligung an den Eisenbergwerken am Teisenberg führte er das Stift Höglwörth aus einer tiefen Krise heraus. Ein selbstbewusster Bauherr war Propst Augustin Esslinger, der die mächtige Kanzel und das goldfunkelnde Oratorium in Auftrag gab und die Filialkirche in Piding in feinem Barockstil stuckieren ließ. Als ehrenvolle Auszeichnung empfand es die Klostergemeinschaft, dass die Pröpste im Jahre 1733 das Recht der Pontifikalien erhielten, das heißt bei feierlichen Anlässen die Mitra und den Krummstab benutzen durften.

Mit dem Propst Johann Wolfgang Zehentner begann im Jahre 1675 der Um- und Neubau der Kirche und die Ausmalung mit Fresken durch den aus Trostberg stammenden Franz Nikolaus Streicher. Das Hochaltarbild »Verklärung Christi auf Tabor« ist ein Werk von Francesco Vanni aus Siena, der als Mitarbeiter Arsenio Mascagnis an der Ausstattung des Salzburger Doms beteiligt war. Der lange Zeit ungesicherten Herkunft des Bildes ist es wohl zu verdanken, dass es nach der Säkularisation nicht nach München gewandert ist, um in der Pinakothek Aufstellung zu finden.

Unter der südlichen Orgelempore befindet sich der klassizistische Placidus-Altar mit Reliquien des heiligen Märtyrers, die dem Stift von einem reichen Gönner geschenkt und bei einer großen Feier eingeholt worden waren. Auf dem unteren Teil des Altarbildes von F.N. Streicher kann man die Pfarrkirche von Anger, den Untersberg und den Hochstaufen erkennen.

Das Stift war schuldenfrei

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte sich Höglwörth soweit konsolidiert, dass es praktisch ohne Schulden war, ja sogar jedes Jahr einige Rücklagen bilden konnte. Eine Vermögensaufstellung von 1802 listet folgende Positionen auf: 10.000 Tagwerk Wald, 520 Tagwerk Grund, ein Anteil an den Eisenwerken Hammerau und an der Saline Reichenhall, ein Steinbruch, eine Mühle, das Fisch- und Jagdrecht, 8.500 Gulden Zinseinnahmen jährlich, eine Taferne und ein Bräuhaus mit einem Jahresausstoß von 6.800 Eimern Bier, den Eimer zu 56,5 Liter gerechnet.

Man könnte sich vorstellen, dass Höglwörth im Zeitalter der Säkularisation dem Schicksal der Auflösung unter einem tüchtigeren und frommen Propst entgangen wäre, nachdem die staatlichen Behörden in München keine Anstalt dazu trafen und die große Zeit der Klosteraufhebungen in Bayern bereits ihrem Ende zuging. Leider hatte der seit 1804 amtierende Propst Gilbert Grab am Erhalt des Klosters kein Interesse. Er war ein typischer Vertreter der Aufklärung und plante, als Weltgeistlicher zu leben und Pfarrer von Anger zu werden. So schreckte er nicht davor zurück, im Jahre 1813 bei König Max Joseph höchstpersönlich die Aufhebung zu beantragen, zumal sich unter seiner Regierung wieder eine erhebliche Schuldenlast angesammelt hatte.

Es vergingen vier Jahre, bis das königliche Aufhebungsdekret eintraf. Bis dahin herrschten im Klosterkonvent turbulente Zustände. Die Chorherren stritten untereinander, verweigerten dem Propst den Gehorsam und spielten ihm allerhand Streiche. Der Propst selbst ließ die Zügel schleifen. »Statt die Ordenszucht zu festigen, legte er das Ordenskleid ab und ging öffentlich in einem hellen Frack, gelben Beinkleidern und Stulpenstiefeln – und mitunter auch auf Wegen, die Geistlichen sonst nicht erlaubt sind« (Willibald Lechner). Zu seiner Enttäuschung erhielt der Ex-Propst nach der Aufhebung des Stiftes nicht die Pfarrerstelle in Anger, sondern wurde unter Polizeischutz nach Burghausen gebracht, wo er bis zu seinem Tode im Jahre 1832 als Privatier lebte.

 

Julius Bittmann

 

4/2021

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