Jahrgang 2005 Nummer 5

Kinderstube des bayerischen Wirtschaftswaldes

Rund eine Million Jungpflanzen gibt die Samenklenge Laufen-Lebenau jährlich ab

Dieser während des Ersten Weltkriegs gemauerte Jugendstilbau beherbergt die Samenklenge.

Dieser während des Ersten Weltkriegs gemauerte Jugendstilbau beherbergt die Samenklenge.
In den Gebäuden der Samenklenge in Laufen-Lebenau stehen 1700 Quadratmeter Lagerfläche für Zapfen bereit. Im Bild, Förster Andre

In den Gebäuden der Samenklenge in Laufen-Lebenau stehen 1700 Quadratmeter Lagerfläche für Zapfen bereit. Im Bild, Förster Andreas Ludwig zeigt eine Hand voller Erlenzapfen. Erlen zählen zur Zeit zu den am meist gefragten Laubbäumen bei den Jungpflanzen.
Der Betriebsleiter, Förster Andreas Ludwig, zeigt die Roste in der Samenklenge, auf denen die geernteten Zapfen mit Hilfe von wa

Der Betriebsleiter, Förster Andreas Ludwig, zeigt die Roste in der Samenklenge, auf denen die geernteten Zapfen mit Hilfe von warmer Luft getrocknet werden.
Auf den ersten Blick erscheint das Gelände wie ein weitläufiger Pflanzgarten. Kleine Bäumchen, soweit das Auge reicht. Aber dahinter steckt mehr. Die Samenklenge neben der Jugendstrafanstalt Laufen-Lebenau ist die Kinderstube des Wirtschaftswaldes in ganz Südbayern – von den Alpen bis zur Donau. Außerdem werden hier in der Natur fast verschwundene Baumarten und Sträucher konserviert und vermehrt.

Rund 800 000 bis zu einer Million Jungpflanzen gibt die Samenklenge in Laufen jedes Jahr an Waldbesitzer ab. Kunde ist zum größten Teil die Bayerische Staatsforstverwaltung. Zu einem geringeren Teil werden auch Privatwaldbesitzer beliefert, sofern sie die Adresse kennen. »Denn mit Werbung ist die Klenge bisher nicht auf den Markt getreten, um privaten Baumschulen keine Konkurrenz zu machen«, sagt der Betriebsleiter, Förster Andreas Ludwig.

Ihren Namen hat die Samenklenge von dem knisternden Geräusch getrockneter Fichten- oder Kiefernzapfen, wenn sie aufspringen und die Samen freigeben.

Die Gründungsgeschichte reicht weit in das vorvergangene Jahrhundert zurück. Auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die bayerische Landwirtschaft im Umbruch. Den Bauern und Privatwaldbesitzern sollten damals neue Möglichkeiten in der Forstwirtschaft eröffnet werden. Dazu brauchte man standortgerechte Jungpflanzen.

Am 18. Januar 1900 wurden dann das Königliche Forstamt Teisendorf und die damalige Gefangenenanstalt Laufen mit der Planung eines Forstpflanzgartens beauftragt.

Von 1906 bis 1913 dauerten die Arbeiten. Dann war der erste Garten angelegt. Inzwischen erstreckt sich die Anlage auf eine Fläche von 11 Hektar. Bereits 1912 hatte die Anlage den Auftrag erhalten, alle Pflanzen alpiner Herkunft für die bayerischen Gebirgsforstämter anzuziehen.

Während des Ersten Weltkriegs erfolgte mit Hilfe französischer und russischer Kriegsgefangener der Bau der Klenge, einer Anlage zur Trocknung und Nachreifung von geerntetem Saatgut. Rund 1700 Quadratmeter Lagerflächen für geerntetes Saatgut stehen in den hölzernen Speicherböden zur Verfügung. »Das Gebäude mit seinen Trocknungsanlagen ist heute noch wie damals in Betrieb«, sagt Förster Andreas Ludwig. Lediglich die Befeuerung musste von gedörrten Zapfen als Brennstoff auf Heizöl umgestellt werden. Ursprünglich erledigten Strafgefangene der Justizvollzugsanstalt Laufen die Arbeit in den Pflanzgärten. Das war zu einer Zeit, als die meisten Strafgefangenen noch aus der Landwirtschaft stammten und einen Bezug zur Arbeit in der Natur hatten. »Heute wird die Arbeit von Zivilangestellten erledigt und das mit hoher Motivation«, sagt der Förster Andreas Ludwig: Der Betrieb der Klenge sei nicht nur gewinnorientiert, sondern erfordere im Erhalt höchst gefährdeter Wildgehölze auch eine Liebe zum Beruf, die über den kommerziellen Aspekt hinausreicht. Insgesamt werden 13 Mitarbeiter Stammpersonal beschäftigt, zur Pflanzenverkaufszeit im Herbst und im Frühjahr werden auch Teilzeitkräfte beschäftigt. Das Hauptaugenmerk in der Nachzucht von Forstpflanzen gilt der Standortgerechtigkeit. Beispiel: Nicht jeder Baum ein und derselben Art in Bayern ist gleich. Jeder Standort, ob Donautal oder Hochgebirgslage, hat die genetische Information der Pflanzen über die Generationen beeinflusst. Dieses Prinzip gilt im Grunde für alle Gehölze.

Die Klenge in Laufen hat deshalb über ganz Südbayern verteilt ausgewählte Areale, in denen Baum- und Strauchfrüchte geerntet und Samen gewonnen werden. Gleichzeitig wird sichergestellt, dass durch Ernte von mindestens 20 Bäumen je Ernteeinheit in den unterschiedlichen Standortarealen eine optimale genetische Vielfalt gegeben ist.

Nur so könne gewährleistet werden, dass die Jungpflanzen die notwendige Vielfalt an Erbinformation besitzen, um zu einem anpassungsfähigen und robusten Wald heran zu wachsen, sagt Förster Andreas Ludwig. Wie sich die unterschiedlichen Erbinformationen im Zusammenhang mit Standort und Natur auswirken, das erklärt Andreas Ludwig am Beispiel der Fichten.

Hochgebirgsfichten wachsen langsam und haben nur kleine Kronen, um dem Wind in den Hochlagen, aber auch dem Schnee wenig Angriffsfläche zu bieten. Sie müssen sich kaum gegen die Konkurrenz anderer Bäume durchsetzen.

Fichten im Flachland hingegen, sie sind als Jungpflanzen einer starken Konkurrenz zu anderen Bäumen ausgesetzt. Sie wachsen schnell mit dichten Kronen, um möglichst viel Lichtraum zu erobern und um andere Bäume zu verdrängen.

Vom Bayerischen Amt für forstliche Saat- und Pflanzenzucht in Teisendorf, dem die Anlage in Laufen zugeordnet ist, wird jede Samencharge von der Ernte an genetisch analysiert und über die Aufbereitung bis zur Lagerung, Aussaat, Anzucht, Verschulung und schließlich Abgabe an die Kunden exakt dokumentiert. Nur so kann laut Andreas Ludwig die eindeutige Zuordnung zu idealen Standorten sichergestellt werden.

Welche Konsequenz ein Fehler oder Betrug in dieser Phase haben kann, das zeigt ein Blick auf die lange Zeitphase in der Forstwirtschaft: Ein Kilo Fichtensamen zertifizierter Qualität kostet derzeit bis zu 400 Euro. Daraus können rund 50 000 Sämlinge gezogen werden, die auf einer Fläche von rund 12 Hektar nach einer Wachszeit von 100 Jahren bei richtiger Kultur rund 11 000 Kubikmeter Rundholz ergeben – bei einem Marktwert von rund 400 000 Euro.

In der Rangfolge der kultivierten Jungpflanzen stehen derzeit Buche, Tanne, Eiche und Erle an erster Stelle. Die Fichte nennt Förster Ludwig zwar immer noch den Brotbaum der bayerischen Forstwirtschaft. Aber dank einer stärkeren Bejagung des Wildes können sich laut seiner Auskunft die Fichtenbestände in den Wäldern viel stärker als früher aus eigener Kraft verjüngen.

In der Aussaat und Anzucht der jungen Bäumchen setzt die Samenklenge stark auf Nachhaltigkeit. Die Aussaat im Einklang mit den Mondphasen und der Anbau von Zwischenfrüchten zur natürlichen Düngung in den Pflanzgarten erlaube nicht nur die Bewirtschaftung der gleichen Flächen über einen Zeitraum von 100 Jahren hinweg, sondern auch einen weitestgehenden Verzicht auf synthetische Dünger und auf Spritzmittel.

Nachhaltigkeit spielt auch in der Anzucht von Jungpflanzen zur Regeneration von Schutzwäldern im Hochgebirge eine Rolle. Diese Jungpflanzen haben wegen der exponierten Lagen nur dann eine Überlebenschance, wenn sie mit Ballen ausgepflanzt werden. Hier haben Jutetöpfe die früher üblichen Kunststofftöpfchen abgelöst.

Weniger aus wirtschaftlicher Sicht, sondern mit Blick auf den Naturschutz und den Erhalt der Artenvielfalt betreibt die Samenklenge auch die Nachzucht selten gewordener Baumarten und Gehölze, die in der Forstwirtschaft keine wirtschaftliche Rolle spielen. Hier kommt die Motivation des Teams ins Spiel. Nur dank des großen Engagements sei diese Arbeit zu erledigen, sagt der Förster, der kein Hehl daraus macht, dass ihm die Kultur dieser Pflanzen selbst am Herzen liegt. Insgesamt nimmt sich die Samenklenge der Ernte und Vermehrung von rund 100 bayerischen Gehölzarten an.

Zu den seltensten Kulturen, die Andreas Ludwig in seinem Arbeitsbereich hegt, zählen die Donaumehlbeere oder die deutsche Tamariske, die nur auf ganz wenigen Standorten in Bayern vorkommen. Die Donaumehlbeere findet sich noch in geschützten Lagen im Jura und im Altmühltal, die deutsche Tamariske auf Kiesbänken in der Gegend um den Sylvensteinspeicher.

Auch selten gewordene Wildrosen wie die Samtrose oder die intensiv duftende Rosa gallica werden gehegt. In den vergangenen Jahrhunderten hatte man diesen Sträuchern wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Sie versprachen keinen wirtschaftlichen Nutzen. Ihre Vorkommen wurden oft bei Flurbereinigungen oder beim Straßenbau gerodet.

Das seltenste Gehölz, das man in Laufen vermehrt hat, ist laut Andreas Ludwig der Sumpfporst. Ein Strauch, der Hochmoore liebt und in Bayern mangels Standort fast verschwunden ist. In der Volksheilkunde, aber auch als Zutat zu den berüchtigten Hexensalben des Mittelalters spielte er einst eine bedeutende Rolle.

Außer der Samenklenge in Laufen-Lebenau auf dem Salzach-Hochufer gibt es in Bayern noch eine weitere vergleichbare Anlage dieser Art, in Bindlach bei Bayreuth. Von dort aus werden die Wälder Nordbayerns betreut. Auch in Österreich gibt es vergleichbare Anlagen. Die nächste steht im nahen Schneegattern am Hausruckwald, mit der Laufen einen regen fachlichen Austausch pflegt, wie Andreas Ludwig bestätigt.

TD



5/2005