Jahrgang 2002 Nummer 42

Kein Kirchweihfest ohne Gans

Brauchtum lebt auf dem Land wieder auf

»Kirchweihgänse bitte vorbestellen« steht seit Tagen mit Kreide fein säuberlich auf die Tafeln vieler bayerischer Metzger geschrieben. Denn noch immer gilt: Kein Kirchweihfest ohne eine knusprig gebratene Gans. An diesem Sonntag ist es wieder so weit. Mit festlich gestalteten Gottesdiensten, einem nicht minder festlichen Essen und dem traditionellen »Kirta«-Tanz begehen die Menschen auf dem Land das kirchliche Fest. In den großen Städten wird der dritte Oktobersonntag heute kaum noch gefeiert, doch in den Dörfern und Kleinstädten leben die alten »Kirta«-Bräuche wieder auf.

In den Anfängen der katholischen Kirche gab es den so genannten »Allerweltskirta« nicht. Jede Pfarrei feierte das Fest der Kirchenweihe an dem Tag, an dem ihr Namenspatron im Heiligenkalender steht. Erst später verständigte man sich auf den dritten Sonntag im Oktober als einheitlichem Kirchweihtag.

Der Kirchweihsonntag beginnt heute noch wie eh und je mit dem Besuch des Gottesdienstes, der vielerorts mit festlichen Orchestermessen musikalisch umrahmt wird. Vom Glockenturm grüßt die rot-weiße Kirchweihfahne, im Volksmund auch »Zachäus« genannt. »Der Kirchweihsonntag ist eben kein Sonntag wie jeder andere auch«, weiß Adelheid Utters-Adam vom Erzbischöflichen Ordinariat in München. Zahlreiche Pfarreien veranstalten zu Kirchweih ein Herbstfest mit Tanz und geselligem Beisammensein »oder einen zünftigen Frühschoppen nach dem Kirchenbesuch«.

Etliche Pfarrer organisieren eigens Kindergottesdienste an Kirchweih, weil sich das Lukas-Evangelium dieses Tages besonders für sie eignet. Es handelt vom kleinwüchsigen Zöllner Zachäus, der unbedingt Jesus sehen will und dazu auf einen Baum klettert. Als Christus ihn bemerkt, sagt er: »Zachäus, komm schnell herunter. Denn ich will heute dein Gast sein.« Die Umstehenden sind empört, weil Jesus ausgerechnet bei dem Menschen einkehrt, der sie zu hohen Abgaben zwingt. Doch Zachäus wird durch die Anwesenheit Jesu bekehrt und gibt die Hälfte seines Vermögens den Armen.

Nach dem Gottesdienst trifft sich die ganze Familie zum Essen. Eine auf Tradition bedachte Bäuerin serviert eine knusprig gebratene Gans mit Knödeln und Blaukraut. Ersatzweise gibt es Schweinebraten mit Semmelknödeln und Kartoffelsalat. Zum Nachmittagskaffee warten dann schon die saftigen in Schmalz herausgebackenen »Kirtanudeln«. Derweil gehen die Männer ins Wirtshaus.

Die Zahl der Landwirte, die den Brauch des »Kirtahutschens« wiederbeleben, wächst von Jahr zu Jahr. An langen Ketten ist in Scheunen oder davor ein Brett aufgehängt, auf dem die Kinder längs schaukeln. Abends ist in vielen Dörfern »Kirtatanz«, den vor allem die jungen Leute nicht auslassen.

Der Kirchweih-Montag, bei den Bauern auch »blauer Montag« genannt, ist der eigentliche Wirtshaustag. So mancher Vollrausch wird an diesem Tag noch heute torkelnd nach Hause geschleppt. Auf dem Land sind am Montagnachmittag die Rathäuser und Behördengebäude traditionell geschlossen. Auch kleinere Läden machen zu. Allerdings halten sich immer weniger Supermärkte und Bankfilialen an den alten Brauch.

PW



42/2002