Jahrgang 2002 Nummer 49

»Kein Artzeney, aber bekömmlich...«

Glühwein, Punsch und Grog

Wenn sich der Duft heißen Glühweins mit dem gebrannter Mandeln mischt, ist die Zeit der Christkindlmärkte gekommen. Schon alte Medizinalbücher lobten das traditionelle Adventsgetränk: Der Glühwein sei zwar »kein Artzeney, aber doch woll bekömmlich«. Wie Punsch und Grog vor allem bei winterlichen Temperaturen verkostet, kann er durchaus als »winterlicher Seelentröster« wirken.

Allerdings bedarf es - wie Liebhaber des »gepanschten« Getränkes meinen - einigen Fingerspitzengefühls, um einen guten, geschmacklich abgerundeten und vor allem bekömmlichen Glühwein herzustellen. Als Basis des Ganzen wird zunächst entweder Weiß- oder Rotwein vorsichtig erhitzt und maßvoll mit Vanille und Orangen- oder Zitronensaft gewürzt. Dann wird ein Beutelchen mit ganzen Nelken in den bereits heißen Wein gehängt. Unmittelbar bevor das Gemisch zu kochen beginnt, muss es vom Herd genommen und sofort über geriebene Zitronen- und Orangenschalen in große hitzefeste Gläser ausgeschenkt werden.

Doch während die einen nichts auf ihren Glühwein-Genuss kommen lassen, klagte bereits anno 1822 ein Mann mit dem bezeichnenden Namen »Rumohr«, ein solcher »künstlicher Wein« verderbe sowohl die Zähne als auch die Verdauung. Gegebenenfalls sei er sogar in der Lage »das Nervensystem von Grund auf zu erschüttern«. Möglicherweise schätzte der Mann, der aus schleswig-holsteinischen Landen stammte, gegen winterliche Kälte eher einen »steifen« Grog.

Zwar ließ Friedrich der Große 1785 mit Blick auf den großen Rumkonsum seiner Untertanen wissen: »Ich wünschte, dass das garstige Zeug gar nicht da wäre und getrunken würde.» Doch die Norddeutschen - stets im Kampf gegen steife Brisen von Nord- oder Ostsee - erfanden immer neue Getränke mit dem kräftigen westindischen Destillat als Grundlage. Die Palette reicht dabei von »gefährlichen Grogs« bis hin zu einer der bekanntesten norddeutschen Spezialitäten, dem so genannten »Pharisäer«. In ihm versteckt sich der Rum unter einer Haube von Schlagsahne in gesüßtem Kaffee. In die Reihe dieser »edlen Panschereien« gehören auch so fantasievolle Schöpfungen wie der ostpreußische »Seehund«, eine Mischung aus Weißwein, Zitronenschale, Zucker oder Zimt, oder der aus Rotwein mit Zitrone und Zucker, sowie Nelken oder Zimt gemixte »Admiral«.

Der Punsch - gelegentlich auch auf Christkindlmärkten ausgeschenkt - gilt vielerorts neben Champagner und Sekt als typisches Silvestergetränk. Wobei sich der Weihnachts- oder Silvesterpunsch nicht hinter anderen »Edelgetränken« zu verstecken braucht, zumal er auf eine durchaus ehrwürdige Herkunft verweisen kann: So soll sich die Bezeichnung Punsch aus dem Sanskrit herleiten. Das Wort »pantscha« hat allerdings ganz und gar nichts mit unserem Begriff »pantschen« zu tun, sondern bedeutet dort ganz schlicht »fünf«. Dementsprechend müssen in einem Punsch stets fünf gute Dinge enthalten sein: Wasser, Tee, Arrak, Zitronensaft und Zucker. Diese einfache Grundmischung soll bereits im 17. Jahrhundert von den Briten als Variante ihres Teegenusses und als »Mittel gegen das europäische Inselwetter« eingeführt worden sein. Heute wird der Arrak meistens durch Rum ersetzt.

Wer sich ausgiebig an Glühwein, Punsch oder Grog gütlich tun will, sollte auf alle Fälle bedenken, dass er davon schnell »groggy« werden kann, was im Englischen immerhin so viel bedeutet wie »bezecht«.

HM



49/2002