Jahrgang 2002 Nummer 1

Kaspar, Melchior und Balthasar

Die Drei-Königs-Legende ist bis heute im Volksglauben verankert



Die Heiligen Drei Könige zählen zu den beliebtesten Gestalten deutschen Brauchtums. Ihnen wurde, wie das zweite Kapitel des Matthäus-Evangeliums berichtet, zuerst die frohe Botschaft von der Geburt Christi zuteil. Die Forschung setzt die Entstehung des Matthäus-Evangeliums um das Jahr 100 nach Christi ein. In dieser Zeit werden also die Heiligen Drei Könige zum ersten Mal erwähnt.

Kleinasien ist ihre Heimat. Bis ins 5. Jahrhundert suchte ein Kirchenvater nach dem anderen die Matthäuserzählung im kirchlich-dogmatischen Sinn auszuwerten und neue Erwägungen über das Geheimnis der Menschwerdung des Gottessohnes daran zu knüpfen. Origines prägte als erster die Dreizahl der Weisen aus dem Morgenlande. Die Heilige Schrift gibt nicht an, wie sie heißen. Erst Beda Venerbalis (gest. 735) zitiert ihre Namen: Kaspar, Melchior und Balthasar. Diese Namen sind symbolisch zu werten und stehen in enger Beziehung zu dem strahlenden Stern, dem sie den weiten Weg aus »fremdem Land« folgten. Kaspar heißt der Glanz, Melchior bedeutet Lichtkönig, während dem Namen Balthasar die Eigenschaft der Kühnheit innewohnt.

Früh ergriff die Volksphantasie den Stoff der Drei-Königs-Legende und schmückte ihn aus. Schon im 9. Jahrhundert treten die Weisen als Könige auf und tragen förmliche Kronen. Das Volk verlegte die Heimat der drei Weisen nach Indien: Kaspar, der als der älteste der drei angesehen wurde, war Herrscher des Landes Tharsis. Er galt als der vornehmste dieser drei Magier und betete das Gotteskind zuerst an. Die bildende Kunst stellte ihn gerne als Greis mit langem, schlohweißen Bart, knieend vor dem Jesuskind, rechts neben der Maria, dar. Sein Königliches Kleid dachte man sich von jeher kostbar geschmückt mit Edelsteinen und Perlen, um seine Würde und Abstammung schon rein äußerlich zu erhöhen. Von Melchior, dem milden Herrscher von Nubien, berichtet die Legende, dass er bei seiner Reise nach Bethlehem schon ein gereifter Mann war, während Balthasar, der Fürst des Reiches Godolia (mit dem Lande Saba, dessen edelste Frucht der Weihrauch war) als Jüngling bezeichnet wird. Es ist merkwürdig, dass noch nicht einmal das 14. Jahrhundert einen Schwarzen unter den Drei Königen kennt. Erst später wird bald Melchior, bald Balthasar als Mohr genannt, und von der bildenden Kunst als solcher dargestellt. Alle drei Heiligen starben den Märtyrertod in der Stadt Servan in Persien, und zwar im Alter von 112, 116 und 109 Jahren. Ihre Leichname kamen durch Bischof Eustorzius als Geschenk an die heilige Helena von Konstantinopel nach Mailand. Kaiser Friedrich Barbarossa schenkte die Reliquien im Jahre 1164 nach Eroberung der Stadt (1158 bis 1162 belagert) dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel (Schrein in der Drei-Königs-Kapelle des Kölner Doms). Diebe sollen die echten Edelsteine des wertvollen Schreins gestohlen haben, weshalb sie 1818 durch imitierte Steine ersetzt wurden. Die Bedeutung der Reliquien für Köln fand durch Aufnahme der drei königlichen Kronen in das Stadtwappen Ausdruck.

Die Vorstellung von diesen Weisen aus dem Morgenlande führte im Laufe der Jahrhunderte zu abweichenden Auffassungen. Während die einen an wirkliche Könige glaubten, erblickten andere in ihnen mehr sternkundige Magiere; denn niemand anderer hätte die außergewöhnliche Himmelserscheinung zu deuten vermocht. Der Bericht des Evangeliums ist bezüglich der Beschreibung des fraglichen Gestirns dürftig, fest steht, dass es sich nur um einen einzigen und außergewöhnlichen Himmelskörper handelte, der plötzlich am Himmel erschien, eine außergewöhnliche Bahn beschrieb und später wieder verschwand.

Im hellenischen Osten entstand das Fest Epiphanie, das am Anfang neben der Huldigung der Heiligen Drei Könige noch die Geburt und Taufe Christi feierte. Es nahm etwa im zweiten Drittel des 4. Jahrhunderts seinen Weg über Konstantinopel ins Abendland und entwickelte sich hier eigentlich erst zum Drei-Königs-Fest. Verschnörkeltes Legendenwerk wob sich in die Liturgie und Hymnendichtung des Tages. Sehr früh wurde das Fest mit Aufführungen und dramatischen Darstellungen in den Kirchen gefeiert. Das Drei-Königs-Spiel, entstanden in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts in Frankreich, erreichte seinen Höhepunkt im 12. und 13. Jahrhundert. Es trat bald seinen Siegeszug durch alle Länder Europas an und fand besonders in Deutschland und in Italien gute Aufnahme. Anfänglich führten dieses Mysterienspiel Kleriker in lateinisch auf, später aber erkannte man, dass das Volk für diese fremdsprachliche Darstellung nicht genügend Verständnis aufbrachte, weshalb das Spiel mit mehr Erfolg von den Bürgern und Zünften auf öffentlichen Plätzen in einer Reihe von Szenen dargestellt wurde.

Die altgermanischen Schriftsteller beachteten kaum die Drei-Königs-Legende, denn sie vertrugen sich nicht mit ihrem heldischen Königideal. Erst der Dichter des Heliand (Altsächsische Evangelienharmonie, wahrscheinlich auf Geheiß Ludwigs des Frommen zwischen 825 und 835 abgefasst), ferner Ottfried von Weißenburg (Altdeutsches Evangelienbuch) und Wernher von Tegernsee (Marienleben) befassten sich mit diesem Stoff, der in der Folgezeit wie kein anderer Anlass zu dichterischem Schaffen gab. Nur die bedeutendsten Namen seien hier angeführt: Bonaventura, Jacobus de Voragine (Legenda aurea, 13. Jahrhundert), Hermann von Fritzlar und Johannes von Hildesheim (gest. 1375), dessen berühmte Legende von den Heiligen Drei Königen sogar Goethe begeisterte. Das Germanische Museum Nürnberg birgt diese Handschrift, aus der der Atem vergangener Jahrhunderte aufsteigt, an deren Stoff ein Jahrtausend geschaffen hat vom Orient bis zum Okzident.

Ein stiller, verschlungener Weg führt also durch die Länder und Jahrhunderte, bis die Drei-Königs-Legende mit Hilfe der jungen Kunst Guttenberg gedruckt wurde. Auch im Volksleben und im Volksglauben des späteren Mittelalters nahmen die Heiligen Drei Könige eine bevorzugte Stellung ein. Noch heute zeugen überkommene Sitten und Bräuche dafür, wie tief dieser erbauliche Stoff Wurzeln geschlagen hat, und wie lebendig er sich erhielt.



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