Jahrgang 2004 Nummer 25

Kaiser Karl soll selig gesprochen werden

Der letzte Habsburger Herrscher starb im Exil

Kaiser Karl im Ornat des Ordens vom Goldenen Vlies.

Kaiser Karl im Ornat des Ordens vom Goldenen Vlies.
Kaiserin Zita und Erzherzog Otto in Budapest.

Kaiserin Zita und Erzherzog Otto in Budapest.
Der Kaiser auf dem Totenbett

Der Kaiser auf dem Totenbett
Der letzte österreichische Kaiser Karl I. (1887-1922), als Karl IV. gleichzeitig letzter König von Ungarn, soll selig gesprochen werden. Wie der Vatikan bekannt gab, sind die für eine Seligsprechung erforderlichen Vorarbeiten abgeschlossen. Eine von einer Ärztekommission bestätigte wunderbare Krankenheilung auf Karls Fürsprache bedeutet nach Ansicht des Kurienkardinals Jose Saraiva Martins so etwas »wie die Unterschrift des Himmels« unter den Antrag der Seligsprechung – ein Zeichen, dass der Kaiser in außergewöhnlicher Weise um die Verwirklichung eines christlichen Lebens bemüht war. Er habe seinem Volk mit Gerechtigkeit und Liebe gedient, den Frieden gesucht, mit Entschiedenheit ein geistliches Leben geführt und ist im Exil heiligmäßig gestorben, sagte der Kardinal.

Erzherzog Karl war ein Großneffe von Kaiser Franz Joseph, dessen einziger Sohn Rudolf in Mayerling ums Leben kam. Der nächste Thronanwärter, Rudolfs Neffe Franz Ferdinand d’Este, fiel mit seiner Gattin einem Attentat in Sarajewo zum Opfer. Nun rückte Karl völlig unerwartet zum neuen Thronfolger auf. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis er nach dem Tod von Kaiser Franz Joseph im Jahre 1916 dessen Erbe antreten musste.

Karl zählte damals erst 26 Jahre. Er war mit der Prinzessin Zita von Bourbon-Parma verheiratet, die acht Kinder zur Welt brachte. Der älteste Sohn Otto, geboren 1912, lebt heute in Söcking am Starnberger See und war bis vor wenigen Jahren Abgeordneter im Europa-Parlament in Straßburg.

Durch den Kriegsausbruch 1914 stand der designierte Kaiser zwischen seinen militärischen Verpflichtungen als oberster Befehlshaber und der Notwendigkeit, sich auf die Nachfolge von Franz Joseph vorzubereiten. Er besuchte alle Fronten, an denen Soldaten von Österreich-Ungarn kämpften und lernte die Schrecken des Krieges aus erster Hand kennen. So blieb ihm nur wenig Zeit für eine intensive Einarbeitung in die Regierungsgeschäfte. Das war umso bedauerlicher, als er sich bis zu seiner unerwarteten Berufung zum Thronfolger um die Politik nicht sonderlich gekümmert hatte.

»Karl war ein warm fühlender Mensch, weich, sensibel, friedfertig«, urteilt ein zeitgenössischer Historiker. »Für kriegerische Posen und militärisches Heldentum hatte er nichts übrig. Er verabscheute den Krieg aus tiefs-tem Herzen. Karl wäre vielleicht ein guter Friedensfürst geworden. Für den Krieg war er nicht geboren. Auch den Tücken und Heimtücken der Politik stand er vielfach hilflos gegenüber. Er hatte kein Verhältnis zur Macht.«

Mitten im Krieg, am 21. November 1916, starb der alte Kaiser und Karl musste ein schweres Erbe antreten. In seinem Manifest »An Meine Völker« versprach er: »Ich will alles tun, um die Schrecknisse und Opfer des Krieges in ehester Frist zu bannen und die Segnungen des Friedens zurückzugewinnen ... Meinen Völkern will ich ein gerechter und liebevoller Fürst sein, ihre verfassungsmäßigen Freiheiten hochhalten und die Rechtsgleichheit für alle sorgsam hüten.«

Auf Anordnung des neuen Kaisers wurde in Wien das erste Ministerium für soziale Fürsorge eingerichtet, er erließ eine Verordnung zum Schutz der Mieter, um die Familien der Soldaten vor steigenden Wohnkosten zu schützen und verkündete eine allgemeine Amnestie für politische Verbrechen. Unter die Amnestie fielen auch radikale Tschechen, die offen die Zerschlagung der Monarchie und einen eigenen tschechischen Staat forderten. Ihre Begnadigung hatte auch im Reichsrat ein Nachspiel. Ein deutschnationaler Abgeordneter nannte die Begandigung politisch verhängnisvoll. In Erinnerung an den milden Landgrafen von Thüringen, den ein Schmied zu mehr Strenge geraten hatte, rief er dem Kaiser zu: »Du junger Landgraf von Tirol, König von Ungarn, Kaiser von Österreich, Karl I., werden hart!«

Karl fehlte nicht nur die für einen Politiker nötige Härte, sondern auch das diplomatische Fingerspitzengefühl. So geriet er im Jahre 1917 ins Zwielicht mit seinem an sich begrüßenswerten Versuch, mit England und Frankreich zu einem Sonderfrieden zu kommen, um weiteres Blutvergießen zu vermeiden. Weil er dabei Bereitschaft signalisierte, Elsass-Lothringen an Frankreich abzutreten, verprellte er den deutschen Kaiser. Als Unterhändler hatte er Karl Sixtus von Bourbon-Parma, einen Bruder seiner Frau ausgewählt. Ein streng geheimer Brief sollte die Franzosen von Karls ernsthaftem Friedenswillen überzeugen. Als die Nachricht durchsickerte, der österreichische Kaiser sei bereit, Elsass-Lothringen preiszugeben, war der Skandal perfekt. Karl stritt alles ab, der französische Ministerpräsident ließ den Sixtus-Brief veröffentlichen, Kaiser Wilhelm fühlte sich hintergangen und Karl war dem Vorwurf des Verrats und der Lüge ausgesetzt. Er entließ den Außenminister als Hauptschuldigen, das Verhältnis zu Deutschland war nur dadurch wiederherzustellen, dass sich Österreich militärisch noch enger an Deutschland anschloß und sich mit dessen Schicksal auf Gedeih und Verderb verband.

Inzwischen wurde die Situation auf den Kriegsschauplätzen von Woche zu Woche kritischer. Die Versorgung der Truppen mit Waffen und Lebensmitteln drohte zusammenzubrechen. Bei den Soldaten griff Unzufriedenheit um sich, in der Heimat erfassten Hunger und Not immer breitere Bevölkerungsschichten. Doch der schwerste Schlag gegen den Fortbestand des Kaiserreiches war die Anerkennung der politischen Emigranten als Vertreter der einzelnen Volksgruppen durch Großbritannien und Frankreich. Den Tschechen, die eine eigene »Legion« zum Kampf gegen die k.u.k. Monarchie aufgestellt hatten, wurde ein selbständiger Nationalstaat versprochen; Kroaten und Slowenen planten zusammen mit Serbien einen gemeinsamen Bundesstaat. Selbst im eigenen Lande schwand der Glaube an den Fortbestand der Monarchie, das künftige Deutsch-Österreich wollte sich einem deutschen Bundesstaat eingliedern.

Im Oktober 1918 erließ Kaiser Karl sein Völkermanifest, das Kaiserreich sollte künftig eine Konföderation gleichberechtigter Teilstaaten werden. Den verschiedenen Volksgruppen wurde eine eigene Volksvertretung zugestanden. Aber selbst diese längst fällige Maßnahme konnte das aus insgesamt 12 Nationalitäten bestehende Staatsgebilde nicht mehr retten. Im Gegenteil: Die neu konstituierten Nationalräte beschlossen, ihre Länder aus der jahrhundertealten Monarchie auszugliedern, die jetzt als »Völkerkerker« diffamiert wurde.

In dieser politischen Neukonstellation gab es für einen Kaiser keinen Platz mehr. Trotzdem versuchte Karl bis zuletzt, den Lauf der Ereignisse in seiner Hand zu behalten. Doch das Ruder gehorchte dem Steuermann nicht mehr, das kunstvoll konstruierte Gefüge der kaiserlichen Regierungsgewalt brach zusammen. Trotzdem fühlte sich der Kaiser nach wie vor für seine Völker verantwortlich. Er residierte weiter im Schloss Schönbrunn. Am 11. November unterschrieb er schließlich den Verzicht auf jeden Anteil an den Regierungsgeschäften, nachdem Österreich mit den Alliierten am 3. November einen Waffenstillstand geschlossen hatte.

Eine Abdankung, wie sie der deutsche Kaiser Wilhelm II. vor seiner Abreise in das niederländische Exil abgegeben hatte, kam für Karl nicht in Frage. Darin wurde er von seiner temperamentvollen Gattin nachdrücklich bestärkt. Karls Sekretär erinnert sich an eine erregte Szene zwischen dem Kaiserpaar, in deren Verlauf die Kaiserin sagte: »Ein Herrscher kann niemals abdanken. Er kann abgesetzt werden, kann seiner Herrschaftsrechte verlustig erklärt werden. Gut, das ist Gewalt. Sie verpflichtet ihn nicht zur Anerkennung. Aber abdanken – nie, nie, nie. Lieber falle ich mit dir hier, dann wird (unser ältester Sohn) Otto kommen. Und wenn wir alle fallen sollten – noch gibt es andere Habsburger.«

Am 12. November wurde Österreich unter dem Namen Deutsch-Österreich Republik. Der Kaiser begab sich mit seiner Familie und einem kleinen Hofstaat ins Jagdschloss Eckartsau unweit von Wien, begleitet von einem britischen Offizier im Auftrag des englischen Königs. Am 23. März 1919 verließ er Österreich und ging in die Schweiz ins Exil. In Feldkirch musste er seine Uniform gegen Zivilkleidung wechseln.

Der Schriftsteller Stefan Zweig, der die Ausreise des Kaisers mit erlebte, schreibt in seinem Buch »Die Welt von gestern« über den Grenzübertritt Karls: »Es war ein historischer Augenblick, den ich erlebte – und doppelt erschütternd für einen, der in der Tradition des Kaiserreiches aufgewachsen war, der als erstes Lied in der Schule das Kaiserlied gesungen, der später im militärischen Dienst diesem Manne, der da in Zivilkleidern ernst und sinnend blickte, Gehorsam zu Land, zu Wasser und in der Luft geschworen ... Und nun sah ich den letzten Kaiser von Österreich als Vertriebenen das Land verlassen. Die ruhmreiche Reihe der Habsburger, die von Jahrhundert zu Jahrhundert sich Reichsapfel und Krone von Hand zu Hand gereicht, sie war zu Ende in dieser Minute. Alle um uns spürten Geschichte, Weltgeschichte in dem tragischen Anblick. Die Gendarmen, die Soldaten schienen verlegen und sahen leicht beschämt zur Seite, weil sie nicht wussten, ob sie die alte Ehrenbezeigung noch leisten dürften, die Frauen wagten nicht recht aufzublicken, niemand sprach. In diesem Augenblick war die fast tausendjährige Monarchie erst wirklich zu Ende. Ich wusste, es war ein anderes Österreich, eine andere Welt, in die ich zurückkehrte.«

Nach zwei erfolglosen Versuchen, die ungarische Krone zurückzugewinnen, wurde Kaiser Karl auf die portugiesische Insel Madeira verbannt. Ein britisches Schiff brachte ihn mit einigen Bediensteten und dem nötigsten Hausrat in die Hafenstadt Funchal. Geldnot zwang ihn, die Kaiserin und die damals noch sieben Kinder (die Tochter Elisabeth kam erst nach dem Tod des Kaisers zur Welt) das ursprünglich bezogene Hotel zu verlassen und eine von einem Bankier zur Verfügung gestellte alte Villa am Berg hoch über Funchal zu beziehen. Sie war nicht heizbar, die Zimmer waren feucht. Kein Wunder, dass die ganze Familie an Grippe erkrankte. Bei Karl kam eine schwere Lungenentzündung hinzu, der er am 1. April 1922 im Alter von nicht ganz 35 Jahren erlag, nachdem er im Beisein von Kaiserin Zita und dem ältesten Sohn Otto die Sterbesakramente empfangen hatte. Seine letzten Worte waren an die Kaiserin gerichtet: »Warum lassen sie uns nicht nach Hause? Ich möchte mit dir nach Hause gehen. Ich bin so müde.« Der Tote wurde in der Kirche do Monte beigesetzt. Auf seinem Sarg stehen die Worte »Fiat voluntas tua – Dein Wille geschehe.«

Die Kaiserwitwe überlebte ihren Mann um nahezu siebzig Jahre und starb am 14. März 1989. Am 67. Todestag ihres Gemahls wurde sie nach einem monarchisch-zeremoniellen Leichenbegängnis in der Kapuzinergruft in Wien am Neuen Markt, der letzten Ruhestätte zahlreicher Habsburger Herrscher, beigesetzt.

Der österreichische Publizist Ernst Karl Winter schrieb lange nach dem Tode des letzten Kaisers: »Als Herrscher und Vater, letzteres im bewussten Vorrang vor ersterem, ist Karl würdig, als ein Vorbild für das christliche Volk in einem Zeitalter anerkannt zu werden, in dem die Idee des christlichen Vaters ganz ausgelöscht wird, nicht zuletzt deshalb, weil man die Idee des christlichen Königs zu Grabe getragen hat.«

JB



25/2004