Jahrgang 2006 Nummer 21

Kaiser Karl IV. und die »Goldene Bulle« vor 650 Jahren

Eine Urkunde mit angehängten goldenen Majestätssiegel

Die »Goldene Bulle«. (Aus: Weltgeschichte, Herausgegeben von Dr. J. von Pflugk-Harttung, Berlin 1905 Brockhaus).

Die »Goldene Bulle«. (Aus: Weltgeschichte, Herausgegeben von Dr. J. von Pflugk-Harttung, Berlin 1905 Brockhaus).
Prag, Karlsbrücke mit Hradschin (Brockhaus)

Prag, Karlsbrücke mit Hradschin (Brockhaus)
In den Chiemgau-Blätter, vom Samstag den 28. Januar 2006 Seite 5, wurde in der Reihe Sondermarken-Serie, aus Anlass »650 Jahre Goldene Bulle« eine Briefmarke, Wert 1,45 Euro, vorgestellt. Diese »Goldene Bulle« ist dort ausführlich beschrieben. Sie ist eine Urkunde mit angehängten goldenen Majestätssiegel, wie sie seit den Ottonen (Otto I., II., III. 936-1002), bei Kaisern vorkamen. Sie waren die ersten deutschen Reichsgrundgesetze, besonders Jene in lateinischer Sprache abgefasste von Kaiser Karl IV., das 1356 veröffentlicht wurde. Er, zuletzt Gegenspieler Kaiser Ludwig des Bayern, gelang es dort die bayerischen Wittelsbacher von der Mitbestimmung der Kurstimme auszuschließen.

Kaiser Karl IV. entstammte dem Geschlecht der Luxemburger. Er wurde am 14. Mai 1316 in Prag geboren und starb dort am 26. November 1378. Der Sohn des Königs Johann von Böhmen hieß ursprünglich Wenzel und erhielt erst bei seiner Firmung den Namen Karl. In seiner Jugend am französischen Hofe erzogen, erwarb er sich dort eine Fülle von Kenntnissen. Er sprach und schrieb mehrere Sprachen und war hochgebildet. Karl übernahm 1331 an seines Vaters statt, das vom Kaiser Ludwig dem Bayern übertragene Reichsvicariat von Italien, sodann das Markgrafentum Mähren.

Nach dem Tode seines Vaters König Johann von Böhmen (1310-1346), folgte er ihm nach und wurde am 11. Juli 1346 in Rhense, zum Gegenkönig Ludwig des Bayern gewählt. Am 26. November 1346 in Bonn gekrönt, ließ er dies am 25. Juli 1349 in Aachen wiederholen. 1354 unternahm er einen Zug nach Italien, ließ sich in Mailand (6. Januar 1355) zum König von Italien und in Rom (5. April) zum Kaiser krönen. Er kehrte dann unverzüglich nach Deutschland zurück und schuf die bekannte »Goldene Bulle«, die 1356 erlassen wurde. Ein Reichsgrundgesetz, das die tatsächlichen Verfassungsverhältnisse bestätigte. Besonders in Böhmen förderte er den Handel, Wirtschaft und Verkehr. Machte die Moldau schiffbar, baute in Prag die bekannte Karlsbrücke über die Moldau, sowie auch andere Bauten. Karl IV. gründete 1348 in Prag die erste deutsche Universität. Stets auf seine Hausmacht bedacht erwarb er neue Landesteile. 1353 die nördliche Oberpfalz, das sogenannte Neuböhmen mit Sulzbach als Hauptstadt. In Lauf an der Pegnitz, vor den Toren Nürnberg, wurde die Burg zum Wenzelschloss. Dort ließ er einen prächtigen Wappensaal, mit Wappenreliefs von hundert böhmischen Adeligen einrichten. 1355 vereinigte er Schlesien und die Oberlausitz untrennbar mit der böhmischen Krone. 1364 Niederlausitz und 1373 die Mark Brandenburg. 1376 ließ er seinen ältesten Sohn Wenzel zum Nachfolger wählen, der nach seinem Tod, 1378, die Nachfolge antrat. Dieser besaß aber nicht die Eigenschaften und Fähigkeiten seines Vaters.

Kaiser Karl IV. stammte aus dem Geschlecht der Luxemburger, benannt nach der heutigen Stadt Luxemburg, die im Mittelalter Lucilinburch oder Lützelburg hieß. Diese soll Karl Martell, Großvater Karl des Großen, 738 an die Abtei Trier geschenkt haben. 963 erwarb der Graf Siegfried vom Moselgau durch Tausch diese Burg, aber erst sein Urenkel nannte sich nach ihr. Die Tochter dieses Grafen Siegfried ist die Heilige Kunigunde, Gemahlin des Kaisers Heinrich II. der Heilige. Sie sind das einzige Kaiserpaar das heilig gesprochen wurde. Kunigundis Bruder und Schwager Heinrich II. war der Bayernherzog Heinrich V. (1004-1009 und 1018-1026), sowie ihr Neffe Heinrich VII. (1042-1047) als Herzog von Bayern. Aus dem Geschlecht der Luxemburger war auch Graf Hermann von Salm, Gegenkönig (1081-1088) des Kaisers Heinrich IV.

Nach dem Tod Graf Konrad II. (1136), fiel die Grafschaft Lützelburg an seinen Großneffen Heinrich I. von Namur, 1196 an dessen Tochter Ermesinde und ihren zweiten Gemahl Walram, Herzog von Limburg (im heutigen Belgien). Ihr ältester Sohn Heinrich II., war Stifter der zweiten luxemburgischen Linie. Sein Enkel Heinrich IV. als deutscher Kaiser Heinrich VII. (1308-1313), übertrug 1310 Luxemburg an seinen Sohn Johann. Dieser vermählte sich mit der Tocher des Königs Wenzl II. von Böhmen und wurde dessen Nachfolger (1310-1346). Ihm folgte sein ältester Sohn Karl, ab 1347 deutscher Kaiser, bis 1378, danach Sohn Wenzel, Kaiser (1378-1400), als König von Böhmen bis 1419. Mit dessen Bruder Sigismund, Kaiser (1410-1437), erloschen die Luxemburger ein zweitesmal.

Siegfried Moll



21/2006