Jahrgang 2008 Nummer 20

Josef Thoraks letzter Auftrag – eine Madonna

Der im Dritten Reich hochgeschätzte Bildhauer lebte und starb im Chiemgau

Josef Thorak, Porträt von Fritz Erler

Josef Thorak, Porträt von Fritz Erler
Josef Thorak bei der Arbeit an einer Großplastik in Baldham.

Josef Thorak bei der Arbeit an einer Großplastik in Baldham.
Missionsbischof Ammann aus St. Ottilien

Missionsbischof Ammann aus St. Ottilien
Der Bildhauer Josef Thorak, der seit dem Jahre 1936 in Hartmannsberg im Chiemgau lebte, gehörte zu den von Adolf Hitler hochgeschätzten Künstlern und wurde im Dritten Reich mit Aufträgen überhäuft. Weil er auf der Sonderliste der wichtigsten bildenden Künstler, der sogenannten »Gottbegnadetenliste« stand, war er vom Kriegsdienst befreit. Thorak war nach den Worten von Goebbels »unsere stärkste plastische Begabung« und schuf zahlreiche Großplastiken, u.a. für den Pariser Weltausstellungspavillon, für die Berliner Reichskanzlei und für das Märzfeld auf dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände.

Während seiner Arbeit in Berlin wohnte Thorak in der Künstlerkolonie Saarow-Pieskow als Nachbar von Max Schmeling. Unvollendet blieb das gigantische »Denkmal der Arbeit«, das an der Autobahn zwischen Bayern und Salzburg am Walserberg stehen sollte. Hitler selbst berief Thorak im Jahre 1937 zum Leiter einer Meisterklasse an der Münchner Kunstakademie und gab Albert Speer den Auftrag, für den Künstler in Baldham bei München ein riesiges Atelier zu bauen, in dem bis zu 17 Meter hohe Plastiken in einem Stück hergestellt werden konnten. Der Volksmund nannte Thorak den »Professor Thorax«. Eine Anekdote berichtet von einem Besucher des Ateliers, der vergeblich nach dem Meister Ausschau hielt, bis ihn ein Werkstattgehilfe aufklärte: »Der Herr Professor befindet sich gerade im linken Ohr des Pferdes.«

Wer heute über Thoraks muskelstrozende Kolossalstatuen die Nase rümpft, sollte nicht vergessen, dass Hitler selbst es war, der von Thorak ausdrücklich Figuren von so gigantischen Ausmaßen verlangte. Hinter den Großplastiken steckte eine ganz bestimmte Ideologie, wie ein nationalsozialistischer Kunstkritiker schrieb: »Die Großplastik ist das Symbol einer schöpferischen Staatspolitik, die im Zusammenklang mit den erhabenen Architekturdenkmälern des nationalsozialistischen Großdeutschland das Geschehen unserer Zeit für die Nachwelt verkörpert. Diese Großplastiken sind aus einem neuen Zeitgefühl geformt, das aus den männlichen Charakterwerten des Nationalsozialismus, aus den Kräften des Mutes und der heroischen Selbstbehauptung Sinnbilder von klassischer Zeitlosigkeit schafft. Sie suchen ihr Ebenbild im Heroischen wie in der männlichen Haltung, der soldatischen Bereitschaft und im klaren Ebenmaß einer Formenwelt, die dem Schönheitsideal der verwandten Antike nachstrebt.«

Josef Thorak kam im Jahre 1889 in Wien zur Welt und erlernte wie sein Vater das Töpferhandwerk, wandte sich aber bald der Bildhauerei zu und studierte an den Kunstakademien in Wien und Berlin. In den Zwanziger Jahren machte er sich durch Plastiken in Wachs einen Namen, 1928 erhielt er den Staatspreis der Preußischen Akademie der Künste. Seine Vorliebe für Monumentalskulpturen brachte ihm eine Reihe von ausländischen Staatsaufträgen ein, vor allem aus der Türkei, wo er das türkische Befreiungsdenkmal in Eskischehir schuf.

Das zur Gemeinde Eggstätt im Landkreis Rosenheim gehörende Schlöss-chen Hartmannsberg hatte Thorak zu einem feudalen Herrschaftssitz ausbauen lassen, von wo er bequem in sein Baldhamer Atelier gelangen konnte.

Heute erinnert hier nichts mehr an den gefeierten Bildhauer. Mit einer Ausnahme: Im Friedhof des kleinen Weilers Stephanskirchen entdeckt man hinter dem Gotteshaus das Grab eines Sohnes von Thorak, der im nahegelegenen Schlosssee ertrunken ist und für den der Vater ein schlichtes Grabdenkmal geschaffen hat.

Nach dem Ende des Dritten Reichs war die Karriere Thoraks schlagartig vorbei, obwohl er von einer Spruchkammer als »nicht betroffen« eingestuft worden war. Lediglich in Salzburg wurde im Jahre 1950 eine Thorak-Ausstellung gezeigt. In der Mozartstadt stehen heute noch Thoraks Skulpturen »Paracelsus« und »Kopernikus«.

Vereinzelt erhielt Thorak nach 1945 Aufträge von kirchlichen Einrichtungen, so für eine Ursula-Statue für ein Nonnenkloster in Linz. Diese Statue bildete den Anlass zu Thoraks letztem großem Werk, einer Madonna mit Kind aus weißem Carrara-Marmor für die Abtei- und Bischofs-Kirche von Ndanda im afrikanischen Staat Tansania. Auftraggeber war der aus der Benediktinerabtei St. Ottilien stammende Missionsbischof Joachim Ammann. Er hatte zufällig die Ursulastatue in Linz gesehen und war von ihr so beeindruckt, dass er den Wunsch hatte, vom gleichen Künstler eine Marienstatue für seine Kathedrale in Afrika zu erhalten.

Der Name Josef Thorak war dem Bischof unbekannt, deshalb wusste er auch nichts von seinen Verwicklungen in die Kunstpolitik des Dritten Reichs. Bei einem Treffen in Hallein, wo Thorak inzwischen wohnte, erläuterte ihm der Bischof seinen Plan. Thorak reagierte erstaunt und fragte: »Ja Herr Bischof, wissen Sie denn überhaupt etwas über mich und mein Leben?« Darauf der Bischof: »Nein – aber mir genügt es zu wissen, dass Sie ein großer Künstler sind!« Und dann beschrieb er Thorak seine Vorstellung von der Marienstatue, die den Titel »Trösterin der Betrübten« tragen sollte.

Es dauerte nicht lange, da wurde der Auftrag des Bischofs an den verfemten ehemaligen Staatsbildhauer bekannt, in einigen Zeitungen erschienen Berichte wie »Nazi-Künstler arbeitet an Madonnen-Statue« oder »Bischöflicher Auftrag für Hitlers Lieblingskünstler«. Dem Bischof wurde von mehreren Seiten nahe gelegt, seinen Auftrag zurückzuziehen. Dieser Gedanke mag ihm zunächst ebenfalls durch den Kopf gegangen sein. Aber dann entschloss er sich, zu seinem Vorhaben zu stehen.

Auch Thorak hatte die öffentlichen Angriffe gegen seine Person verfolgt und war darüber sehr betroffen. Als er wieder mit dem Bischof zusammenkam, sagte er: »Ich kann verstehen, dass Sie Ihren Auftrag jetzt zurücknehmen, nachdem Sie wissen, wer ich bin... » Bischof Ammann winkte ab: »Nein, ich denke nicht im Traum daran. Sie werden mir für Afrika die Madonna schaffen, aber ich möchte ihren Titel erweitern. Er soll jetzt so lauten: »Trösterin der Betrübten und Zuflucht der Sünder«. Thorak ergriff die Hände des Bischofs und sagte ergriffen: »Herr Bischof, das werde ich Ihnen nie vergessen. Ihre Madonna soll mein letztes Werk sein, ich schenke sie Ihnen. Bitte, helfen Sie mir nur, den Marmor aus Carrara zu beschaffen«.

Ungeachtet seines schweren Herzleidens begab sich Thorak mit Bischof Ammann auf den Weg nach Italien, um in Carrara den passenden Marmorblock für die Plastik auszusuchen. Nach der Rückkehr machte er sich in Hartmannsberg unverzüglich an die Arbeit. Doch sein Gesundheitszustand verschlimmerte sich, sodass er einige Wochen in einem Sanatorium in Vorarlberg verbringen musste. Dort besuchte ihn der Bischof mehrmals. Aus dem Verständnis des Bischof für den verfemten Bildhauer entwickelte sich so etwas wie eine respektvolle Freundschaft. In der Stille des Sanatoriums hatte Thorak viel Zeit, auf sein Leben zurückzublicken und Bilanz zu ziehen. Schließlich bat er den Bischof um eine Lebensbeichte und um den späten Segen für seine Ehe, nachdem er sich im Dritten Reich von seiner ersten Frau einer Jüdin, getrennt hatte. Die ganze Familie nahm Anteil am Sinneswandel des Vaters, und auch die schon erwachsenen Kinder ließen sich nach und nach taufen.

Wie Bischof Ammann später in einem Zeitungsaufsatz in den »Salzburger Nachrichten« schrieb, erzählte ihm Thorak auch von einem entscheidenden Erlebnis in seiner Kindheit. Demnach sei er nach dem frühen Tod seiner Eltern in einem Waisenhaus in Österreich aufgewachsen und hatte dort viel zu leiden. Bei jedem dummen Jungenstreich und bei jedem Streit schob man die Schuld auf ihn. Für alles musste er als Sündenbock herhalten. Er war gerade dreizehn Jahre alt, als im Heim ein Brand ausbrach. Er wurde wach und hörte die anderen Kinder rufen: »Das war der Thorak, natürlich der Thorak!« In panischer Angst sprang der Dreizehnjährige aus dem Bett, rannte aus dem Heim und floh voller Angst quer durch Österreich und durch den Balkan, bis er schließlich nach Bulgarien kam.

In Sofia fand Thorak in einer großen Töpferei eine Lehrstelle. Der Meister erkannte schnell die Fähigkeit des Jungen und förderte ihn nach besten Kräften. Einmal kamen hohe Herren zur Besichtigung in die Werkstatt und einer sah Thorak lange beim Modellieren über die Schultern zu. Es war der bulgarische König. Kaum hatte Thorak die Lehre abgeschlossen, bekam er einen Ruf an den bulgarischen Königshof. Durch die Werke, die er dort schuf, wurde der türkische Staatspräsident Kemal Atatürk auf ihn aufmerksam und lud Thorak ein, ihn als Künstler beim Ausbau von Neu-Istanbul zu beraten. Als Hitler dann an die Macht kam, holte er Thorak nach Deutschland.

Bischof Ammann konnte Thorak dazu verhelfen, in Italien den passenden Marmor zu bekommen. Thorak drängte auf rasche Entlassung aus der Klinik, um die Marienstatue zu vollenden. Schließlich ging er auf eigene Verantwortung nach Hause, obwohl ihm das Herz weiter zu schaffen machte. Sein maßloser Lebenswandel, Alkohol- und Nikotinmissbrauch hatten seine Kräfte untergraben. In den nächsten Tagen arbeitete er wie besessen am Marmorblock, aus dem sich allmählich die Figur abhob: Eine Madonna, die auf der von einer Schlange umringelten Weltkugel steht und den Jesusknaben an der Hand hält, der sich mit ausgestreckten Armen dem Betrachter zuwendet. Zwischen der Erdkugel und dem Jesuskind sind drei Engel, die ihre Arme zum Kind erheben.

Offensichtlich spürte Thorak, dass es mit seinen Kräften zu Ende ging. Dennoch vernahm seine Sekretärin aus dem angrenzenden Atelier von früh bis spät die Meißelschläge des Künstlers. Dann, in den Vormittagsstunden des 26. Februar 1952, trat plötzlich Stille ein. Besorgt öffnete sie die Tür zum Atelier, trat ein und fand Thorak zu Füßen der vollendeten Marienstatue. Er war einem Herzschlag erlegen. Seine letzte Ruhestätte fand der Bildhauer in Salzburg auf dem St. Petersfriedhof in einem Grab unter den Arkaden, das er schon in den Vierziger Jahren unter Mitwirkung des Salzburger Gauleiters Dr. Gustav Adolf Scheel erworben hatte.

Nach Thoraks Tod wurde die Madonnenstatue per Schiff nach Tansania gebracht und von dort in die Bischofsstadt Ndanda transportiert. Die Bevölkerung hat die Statue vom ersten Tag an sehr positiv aufgenommen, berichtete Bischof Joachim Ammann befriedigt in einem Brief. Noch heute sind die Missionspatres aus St. Ottilien immer wieder davon beeindruckt, mit welcher Hingabe und Liebe afrikanische Mütter mit ihren Kindern, aber auch Männer und alte Menschen vor Thoraks Statue knien, um davor zu beten und ihre Nöte und Sorgen zur Mutter Jesu zu bringen.

Julius Bittmann



20/2008