Jahrgang 2002 Nummer 30

Johann Andreas Schmeller starb vor 150 Jahren

Der »Schmeller« – Quelle und Fundgrube Bayerns Sprachgeschichte

Johann Andreas Schmeller, 1849, gemalt von G. Bernhardt

Johann Andreas Schmeller, 1849, gemalt von G. Bernhardt
Der inzwischen legendäre »Schmeller«, das zweibändige »Bayerische Wörterbuch« von Bayerns »größtem Germanisten« Johann Andreas Schmeller (1785- 1852) erschien vor 175 Jahren. Dieses Werk ist eine wahre Fundgrube für die sprachliche Eigenart der bayerischen Mundarten und zusätzlich ein Stück bayerischer Kultur- und Sozialgeschichte. »Seine Erklärungen zu den Stichwörtern 'Bier' und 'Wein' sind in sich geschlossene kleine Kulturbilder, voller Witz und Beobachtungsgabe, mit durchaus persönlichem Hintergrund«, charakterisiert der Germanist und frühere Chef der Bayerischen Staatsbibliothek, Prof. Eberhard Dünninger, dieses Standardwerk bayerischer Sprachwissenschaft.

Schmeller wurde 1785 im oberpfälzischen Tirschenreuth geboren, wuchs aber im Hopfenanbaugebiet »Hallertau« bei Pfaffenhofen auf. Ein Manuskript des 18-Jährigen mit dem Titel »Über Schrift und Schriftunterricht. Ein ABC-Büchlein in die Hände der Lehrer von Habemut« weist auf die spätere Karriere Schmellers hin, der heute als »bayerischer Grimm« bezeichnet wird. Mit 30 Jahren begann Schmeller seine Sprachstudien. Er durchwanderte ganz Bayern und hörte den Leuten genau zu, wie sie was sagten. Die Ergebnisse erschienen 1821 unter dem Titel »Die Mundarten Bayerns, grammatisch dargestellt«. Dieses Werk war eine erste umfassende Grammatik und Lautlehre des Bayerischen mit Mundartproben und Volksliteratur-Texten.

Die Arbeiten Schmellers verdichteten sich dann zum »Bayerischen Wörterbuch«, dessen erster Band vor 175 Jahren, im Jahr 1827 erschien. Ein Jahr später wurde Schmeller ohne Uni-Ausbildung zum Universitätsprofessor ernannt. Bis heute ist dieses Wörterbuch, der »Schmeller«, eine unerschöpfliche Quelle der bayerischen Kulturgeschichte. Alle Bereiche des sozialen Lebens werden mit ihren speziellen Begrifflichkeiten erfasst und erläutert. Dazu gehören Kleidungsstücke ebenso wie kulinarische Besonderheiten, die verschiedenen Frömmigkeitsbräuche, Tanz und Volksliteratur, Lieder und die Rechtssprechung.

Bei all seinen Erläuterungen dokumentiert Schmeller seinen engen Heimatbezug zu Bayern. Kenntnisreich zimmert er ein umfassendes Bild der bayerischen Eigenarten, indem er dem Volk genau auf den Mund schaut und seine Erklärungen wissenschaftlich belegt. Unter dem Stichwort »Tatzen« erfährt man im 1837 vollendeten 2. Band, es handele sich um einen »Schlag mit einem Stock oder Brettchen (dem Tatzenbrettl) auf die flache Hand«, dies sei »eine ehemalige Strafe der Kinder in den Schulen«. Da irrte sich der von dem Schweizer Pädagogen Pestalozzi beeinflusste Schmeller jedoch. Die »Tatzen« wurden viel länger angeendet, die Strafform wurde noch bis in die 1960er Jahre an Bayerns Schulen praktiziert.

Im Jahr 1829 ernannte König Ludwig I. Schmeller zum Leiter der Handschriftensammlung der Bayerischen Staatsbibliothek in München. Er erforschte neben den bayerischen Dialekten auch das Alt- und Mittelhochdeutsche und erwarb sich mit über 140 Publikationen den Ruf eines Gelehrten. Mit 67 Jahren stürzte Schmeller als begeisterter Bergwanderer in den Tiroler Bergen ab und verletzte sich schwer. Am 27. Juli 1852 starb er an der Cholera. Seine Heimatstadt Tirschenreuth setzte ihm ein Denkmal, seine Büste steht auch in der bayerischen Ruhmeshalle, der Walhalla. Der Münchner Oldenbourg Verlag hat zum 175. Geburtstag des »Schmellers« die beiden Bände des Bayerischen Wörterbuchs in einer Jubiläumsausgabe (79,80 Euro) neu aufgelegt.

ND



30/2002