Jahrgang 2002 Nummer 32

Ist bairisch reden nicht mehr modern?

Die eigene Muttersprache sollte man nicht verlernen

Vor gut einer Woche kam mein jüngstes Mädel mit meinen beiden jüngeren Enkeln, der Bub 10 Jahre alt und das Mädel gerade 12 Jahre geworden, zu uns auf unseren kleinen Einödhof zu einem kleinen Besuch. Ich freue mich immer sehr, wenn sie kommen, und sie erzählen mir dann immer alles über die Schule und die Lehrer.

So war es auch an diesem Nachmittag und so kam das Gespräch auch auf den Elternabend, den die Lehrkräfte meiner Enkelin in dem dortigen Gymnasium abhielten. Meine Tochter meinte dann zu mir, dass sie dort so beinahe die einzige war, die im bairischen Dialekt redete, nur eine Frau so um die 40 Jahre alt sei noch dagewesen, die noch ein echtes, ungefälschtes Bairisch redete. So kam es, dass sie von einigen etwas neugierig gemustert wurde und so glaube ich, meinte mein Mädel dann dazu, dass sich diese auch nicht so recht wohlgefühlt hat und auch die Erste war, die sich verabschiedet hat. Ob sie sich wohl geschämt hat?

Lange dachte ich an diesem Abend noch über die Worte meines Mädels nach, soweit sind wir nun schon, dass wir uns schon beinahe unserer bairischen Sprache schämen müssen, die nicht mehr modern, nicht mehr »in« sondern »out« ist. Doch wirklich schuld an dem langsamen Aussterben unserer Muttersprach sind, so glaube ich, nicht die Jungen, von mir aus gesehen schon meine Enkel von 10 Jahren bis 20 Jahre, sondern die Väter und Mütter dieser Kinder und Jugendlichen. Viele meinen zu den »gebildeteren« Menschen zu gehören, wenn sie ihre bairische Mundart oft sogar zu verleugnen versuchen und dann bei dem noch dazu oft schlechten Hochdeutsch immer wieder ungewollt ein bairischer Brocken aus deren Munde rutscht. Heraus kommt dabei dann eine Sprache, die sich nirgends einordnen lässt und die nirgends hingehört. Ich habe auch schon jungen Müttern die Frage gestellt, warum sie, wo sie doch geborene Baiern sind, mit ihren Kindern hochdeutsch reden und bekam dann etwas unsicher zur Antwort, das müsse sein, da ihre Kinder sonst mit schlechten Deutschnoten nach Hause kämen. Da gab ich dann zur Antwort, dass meine Enkelkinder und auch deren Freunde und Freun-dinnen, ein noch verhältnismäßig echtes Bairisch reden und dennoch in Deutsch, ebenso in Englisch und auch Latein, gute bis sehr gute Noten haben. Woher das wohl käme, meinte ich dann und bekam nur ein Achselzucken als Antwort.

Da denke ich nun auch an den Radio, und da besonders an Bayern 1, das Programm, das größtenteils von der mittleren bis älteren Generation gehört wird. Führt dann vielleicht einmal ein bairischsprechender Moderator durch eine Sendung, oder es ist ein Gast eingeladen, dann wird das geführte Gespräch zum größten Teil ein zusammengewürfeltes Gemisch zu einer nichtssagenden Sprache. Ein schwacher Trost ist es, dass es zum Beispiel in Bayern 1 noch einige wenige Ansager gibt, die sich nicht scheuen, in ihrer angelernten bairischen Sprache durch ihre Sendung zu führen.

Sogar die Norddeutschen sind es, die sich zwar spät, aber nicht ganz zu spät, wieder auf ihren Dialekt, dem Plattdeutsch besinnen und das mit Erfolg. Da muss ich unwillkürlich an die 70iger Jahre zurückdenken, als zwei schon etwas ältere Hamburger unter den Gästen waren, die damals auf unserem Bauernhof ihren Urlaub verbrachten. Diese beiden konnten noch gut ihren Dialekt und wir verstanden uns zwei Wochen lang sehr gut auf Bairisch und Platt und verbrachten manchen, gemütlichen Abend zusammen. Viele Hamburger und Bremer waren es, die damals bei uns Ferien machten, so war auch eines Sommernachmittags einmal eine große Familie bei uns angekommen und sie stellten sich als Bremer vor. Meine Schwiegermutter, die damals um die 70 Jahre alt war, verstand dieses anders und meinte darauf zu ihnen: »Ja, ja, die Brema hand heid bäs«. Zuerst schauten diese, so angesprochen, etwas verduzt drein, doch als ich den Irrtum schnell aufklärte, lachten wir alle herzlich, der Bann war gebrochen und in den drei Wochen des fröhlichen Beisammenseins ratschten unsere Bremer Urlauber immer wieder gerne mit meinen Schwiegereltern, die sich erst gar nicht bemühten, Hochdeutsch zu reden und es auch niemand von ihnen erwartete. Beim Abschied trennten sie sich von jedem von unserer Familie nicht etwa mit einem Tschüss, sondern mit einem zwar etwas sonderbar klingenden, aber um so herzlicheren »Pfuadi«.

Oft habe ich in letzter Zeit bei mir selbst gedacht, dass man schon aufpassen muss, um nicht in den Sog der immer mehr überhandnehmenden Norddeutschen – und noch schlimmer auch amerikanischen Ausdrücke und Redensarten hineingezogen zu werden. So bekommt man auch von älteren Leuten des öfteren, ohne dass diese es wahrnehmen zum Beispiel zu hören: »Heid ware beim Dokta«, unsere Großeltern und Eltern hätten noch gesagt: »Heid bin i’ beim Dokta gwen’«. Wer kennt heute, außer einigen Älteren noch den Ausspruch: »Der hod mas s’ Kraut ausgschid«. Oder weiß noch jemand von den Jüngeren was »a’ rupfads Hemad« ist. Kommen mir dann noch hin und wieder solche fast in Vergessenheit geratenen Wörter in den Sinn und meine Enkel hören diese, so schauen sie mich fragend an und ich freue mich, wenn sie mich drängen, ihnen die Bedeutung zum Beispiel eines »Hoigrongs« (Höllkragen hinter dem Kachelofen) zu erklären. Auch können sie kaum glauben, dass ich als kleines Mädchen noch auf einem »Strousog« (Strohsack) geschlafen habe.

Was mich aber am meisten wütend macht und dem man kaum mehr Einhalt gebieten kann, das ist die Tatsache, dass die meisten heutigen Lehrkräfte schon in den Grundschulen die Kinder beinahe dazu zwingen, nicht mehr in ihrem Dialekt zu reden. So muss ich da oft an meine zwölfjährige Enkelin denken und deren Lehrerin, die sie vor ein paar Jahren unterrichtete, die gezielt darauf hinarbeitete, nur Schülern, die Hochdeutsch redeten den Aufstieg in eine weiterbildende Schule zu ermöglichen. Ein gut – oder sogar sehr gut begabtes Kind aus einem kleinen Dorf, das noch dazu bairisch redete, hatte da kaum eine Aufstiegsmöglichkeit, zum Beispiel ein oder zwei schlecht benotete Aufsätze und das Kind verliert sein ganzes Selbstvertrauen. Dabei haben doch bestimmt gerade die Lehrkräfte einmal gelernt, welch wertvolles Gut es ist eine Muttersprache zu haben. Da denke ich wiederum an einen Lehrer meiner Enkelin, der sie ein Jahr darauf unterrichtete und von dem nicht nur sie, sondern viele ihrer Mitschüler noch oft erzählen. Dieser Lehrer war es, der mit seiner natürlichen, einfachen Art vielen Kindern wieder ihr Selbstvertrauen zurückgab und das nicht zuletzt wegen seiner bairischen Sprache, derer er sich nicht schämt, sondern im Gegenteil sie seinen Schülern weitergibt. Er wird sich davor hüten, einem gut begabten, bairischredenden Kind, einen Stein in den Weg zu legen, sagte dieser so beliebte Lehrer wörtlich und nicht nur seine Schüler, sondern auch ich und viele Mütter haben großen Respekt vor einem solchen Menschen und ich wünsche mir sehr, dass es viel mehr seinesgleichen gäbe. Doch Gott sei Dank begegnet man auch heute noch Leuten, ob älter oder auch jünger, die stolz auf unsere alte Kultur sind und die sich dafür einsetzen, dass unsere Muttersprache, die besonders in den letzten Jahrzehnten so sehr an Wert verloren hat, wieder ihren ursprünglichen, für ein Volk so wichtigen Platz einnimmt.

EM



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