Jahrgang 2004 Nummer 23

In Dieperting wird nächste Woche wieder Kalk gebrannt

700 Zentner Kalksteiner sind eingerichtet - Ab Mittwoch brennt der Ofen hundert Stunden lang

Kalkbrenner früher

Kalkbrenner früher
Gupf mit Steinen

Gupf mit Steinen
Alte überlieferte Handwerks-Techniken erleben heutzutage landauf landab eine gewisse Renaissance. Ganz am Anfang dieser Entwicklung stand das Kalkbrennen in der alten Gemeinde Otting: Schon vor 25 Jahren wurde diese Tradition, die in früheren Zeiten für manchen Landwirt einen guten Nebenverdienst lieferte, wieder aufgenommen und wird seitdem am Diepertinger Kalkofen alle fünf Jahre zu neuem Leben erweckt.

Das Brennen des Kalks, das einst vor allem zur Mörtelherstellung diente, auch heute noch gerne zum Malen alter Fassaden verwendet wird, hat in der gesamten Region, besonders aber in der Gegend um Otting herum, eine lange Geschichte, lässt sich angeblich bis zu den Römern zurück verfolgen. Tatsache ist in jedem Fall, dass es in der Umgebung von Dieperting, wo sich der letzte verbliebene Kalkofen befindet, früher ein halbes Dutzend solcher Öfen gab.

Das Kalkbrennen ist eine aufwändige Tätigkeit. Die Mannen vom »Ottinger Kalkbrenner-Verein« müssen schon kräftig hinlangen, ehe alles Notwendige dafür getan ist. Die Arbeit beginnt - und das ist für das heurige Jahr Ende April bereits geschehen - mit dem Einrichten der Kalksteine in den Ofen. Ein rundes Dutzend fleißiger Helfer hatte sich dazu beim Kalkofen in Dieperting eingefunden, um die Kalksteine fachgerecht einzurichten - eine wahre Kunst! Was für ein Glück, dass es mit Josef Helmberger, dem »Großreiter Sepp«, noch einen Kalkbrenner vom alten Schlag gibt, der in seiner Jugend das alte Handwerk selber noch erlernt hat und dieses sein Wissen jetzt an seine traditionsbewussten und interessierten Nachfahren weitergeben kann.

Der alte Kalkofen, wie er in Dieperting steht bzw. sich im Boden befindet, ist eine Art Silo mit einem Durchmesser von drei und einer Höhe von etwa vier Metern. Er ist innen mit Steinen gemauert und außen mit Erde hinterfüllt, damit das Material dem Druck der Kalksteine standhält. Viel Wissen und Umsicht erfordert das Einrichten der Kalksteine in dieses »Silo«. Die Steine, die sich vorwiegend in der Gegend um Dieperting finden lassen, werden nach altem Vorbild zu einem Gewölbe aufeinander geschichtet. Diese Konstruktion hat dann in etwa die Form eines Iglus, das so stabil ist, dass sich die insgesamt rund 700 Zentner Kalkstein darauf aufschichten lassen. Unter den Steinen bleibt durch dieses Gewölbe noch genug Platz, um hier das Feuer anzuzünden.

Ist dieses tragende Gewölbe fertig, kann mit dem Auffüllen des Ofens bis ganz nach oben begonnen werden. Die großen, schweren Steine werden sorgfältig mit dem so genannten Galgen, einem langen Holzbalken, der die Hebelwirkung ausnutzt, in den Ofen gelassen und weiterhin mit viel Gefühl aufgerichtet, um die Belastung gut zu verteilen. Ist der Ofen voll, wird oben der so genannte »Gupf« aufgesetzt. Dieser besteht aus kleineren Steinen, die ebenfalls sorgfältig angeordnet werden müssen. Vor dem Anzünden des Kalkofens wird dieser »Gupf« mit Stroh abgedeckt und mit Kalkmörtel gut abgedichtet, damit die Hitze nicht ausströmen kann.

Unten im Ofen führt das so genannte Schürloch zu dem Gewölbe, in dem dann schließlich das Feuer entzündet wird. Dies geschieht in diesem Jahr am Mittwoch, 9. Juni, etwa um 9 Uhr morgens. Von da an wird dieser Ofen 100 Stunden lang ohne Pause beheizt dafür sind rund 100 Ster Fichtenholz notwendig. Der Ofen erreicht während des Brennens eine Temperatur von 1100 bis 1200 Grad. Danach wird er - heuer am Sonntag, 13. Juni - zugemauert, damit er möglichst lange noch warm bleibt. Am Samstag darauf, also am 19. Juni, wird der fertige Kalk ausgetragen und, wie anno dazumal, mit Pferdefuhrwerken abtransportiert. Es bleiben nach dem Brennen rund 350 Zentner hochwertiger Kalk zum Verkauf übrig.

Neben dem Vorgang des Kalkbrennens mit all den notwendigen Vor- und Nacharbeiten, das an sich schon sehenswert ist, herrscht in Dieperting als Begleiterscheinung auch reger Bierzeltbetrieb. An den sechs Tagen von Mittwoch, 9. Juni, bis Sonntag, 13. Juni, und dann nochmals am Samstag, 19. Juni, wird ein reichhaltiges Programm mit Bierzeltbetrieb und viel Musik geboten.

Die alte Tradition des Kalkbrennens, die in Dieperting zumindest bis Ende der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts fester Bestandteil des »Wirtschaftslebens« war, hat man also 1979 wieder aufgegriffen und seitdem in fünfjährigem Turnus ausgeführt. So ist der »Ottinger Kalkbrenner-Verein« jetzt schon zum sechstenmal dabei, Kalk zu brennen. Die Kalksteine werden übrigens in der Gegend um Dieperting, aber auch in der weiteren Umgebung im Boden gefunden und über die fünf Jahre Zwischenzeit zwischen dem Kalkbrennen am Ofen angesammelt, wo sich schließlich Berge dieses Gesteins auftürmen.

Kalkstein ist ein Sedimentgestein, das vorwiegend aus Calcit (Calciumcarbonat, CaCO3) besteht. Er entsteht meist im Meerwasser, in geringem Umfang aber auch auf dem Festland, z.B. in Seen, Flüssen oder an Quellen. Der Kalk bildet sich entweder direkt durch chemische Ausfällung oder aber aus den kalkigen Schalen und Skeletten von Muscheln, Schnecken, Korallen, Schwämmen, Foraminiferen, Armfüßern oder Algen. In unsere Gegend kam der Kalkstein als Folge der Eiszeit aus den Chiemgauer und Berchtesgadener Alpen.

HE



23/2004