Jahrgang 2002 Nummer 42

Immer dem königsblauen Teppich lang ...!

Die weltweit bedeutendste Möbelsammlung ist nun in der Münchner Residenz zu sehen

Kabinettschrank Kurfürst Max Emanuels, Johann Georg Esser und Meister Wolfbauer, Augsburg, um 1680/85.

Kabinettschrank Kurfürst Max Emanuels, Johann Georg Esser und Meister Wolfbauer, Augsburg, um 1680/85.
Kurfürst Karl Albrecht von Bayern als Kaiser Karl VII., Werkstatt Georges Desmarées.

Kurfürst Karl Albrecht von Bayern als Kaiser Karl VII., Werkstatt Georges Desmarées.
Lacksekretär Kurfürst Karl Albrechts, Bernard II Vanrisamburgh, Paris, um 1737.

Lacksekretär Kurfürst Karl Albrechts, Bernard II Vanrisamburgh, Paris, um 1737.
800 Meter königsblauer Teppich durch die fünf Kilometer langen Räume der Münchner Residenz – das ist die Strecke, die der Besucher der Ausstellung »Pracht und Zeremoniell – Die Möbel der Residenz München« zurücklegen muss. Dafür sieht er der Welt bedeutendste historische Möbelsammlung. Und diese – das ist das Spezifische dieser einzigartigen Schau – in ihrem geschichtlichen Umfeld. Aus 1400 vorhandenen Stücken wurde etwa ein Viertel sachkundig ausgewählt, in mühevoller Kleinarbeit langjährig restauriert und in den Zimmern, Gängen, Kabinetten, Sälen und Fluchten des Herrscherbaus der Kurfürsten und Könige Bayerns auf- und ausgestellt.

So wie der Regenten Amts- und Wohnsitz samt den Kaiser-Trakten immer schon in gewisser Weise öffentlich gemacht worden waren – an Nachmittagen war »das Volk« zugelassen und bekam Einblick in das höfische Leben und Ambiente –, ist es nun jedem Interessenten erlaubt, durch die Münchner Residenz zu schreiten und ihr kostbares Interieur zu bewundern. Die Ausstellung ist vier Monate geöffnet.

Durch drei Jahrhunderte höfischer Ausstattungskunst wird man, der Leitlinie folgend, rundgeführt. Von der Renaissance (Kurfürst Maximilian I., regierend von 1598 bis 1651) über Barock und Rokoko (Karl Albrecht, regierend 1726 bis 1745) bis in den Klassizismus (König Ludwig I., regierend 1825 bis 1848) ist der historische Rahmen weit gesteckt und mit herausragenden Wittelsbachern belegt. Der letzte Wittelsbacher, Seine Königliche Hoheit Herzog Franz von Bayern, hat die Schirmherrschaft der Ausstellung übernommen.

Nach dem Bestreben des für die staatlichen Schlösser, Gärten und Seen zuständigen Ministers Kurt Faltlhauser, diese Einrichtungen »erlebbar« zu gestalten, wurde bereits im Vorfeld dieser belebenden Präsentation des Residenzmobiliars der gesamte Eingangsbereich der Münchner Residenz neu geordnet. Schon im Juli öffnete man den Königsbauhof, der inzwischen als Oase des Verweilens und Ausruhens von der Bevölkerung geschätzt wird. Schatzkammer und Residenz haben seitdem um ein Drittel mehr Besucher. Vier Monate lang wird die Königsbaufassade in auffälliges Licht getaucht – eine längst ersehnte Aufwertung des Max-Joseph-Platzes. Die fünf Rundbogenfenster der ranghöchsten Räume des Königspaars Ludwig I. / Theresia werden durch goldgelbe Neonkonturen, die in den Fugenschnitt eingelassen sind, hervorgehoben.

Und nur diesen Räumen blieb glanzvergoldetes Mobiliar vorbehalten. Hinzu kamen die Empfangskabinette. Durch die Unterstützung der LFA Förderbank Bayern wurde die aufwändige Lichtinstallation ermöglicht, die sich besonders auf König Ludwig I. und seine Gemahlin bezieht, die im ersten Obergeschoss wohnten. Wie man weiß, regelmäßig von November bis in den Mai hinein. Von den insgesamt drei Schwerpunkten der großartigen Schau ist König Ludwig I. der dritte gewidmet. Möbelkunst des 19. Jahrhunderts ist in den Raumfluchten des Königsbaus zu bewundern. Leo von Klenze war Ludwigs I. beratender Architekt, der auch das Interieur bis ins Detail hinein durchplante. Hier wird deutlich: Die Möbel hatten nicht so sehr dekorative als mehr politisch-repräsentative Funktion. Sie dienten der hochherrschaftlichen Selbstdarstellung und dem Aufweis höchster gesellschaftlicher Relevanz. Bayerns Residenz brauchte und braucht auch heute keinen Vergleich mit ähnlichen Herrschaftskomplexen zu scheuen. Ein Blick in die privaten Refugien der Königin Therese nimmt ein wenig von der Betonung des Öffentlichkeitscharakters dieser Räume und ihrer Ausstattung hinweg.

Die Möbelkunst des 18. Jahrhunderts wird in den sogenannten Reichen Zimmern des Kurfürsten Karl Albrecht gezeigt. Sie fasziniert durch ihre Authentizität: So und nicht anders wurde ein fürstliches Paradeappartement genutzt. Audienzen und Konferenzen, musikalische und spielerische Darbietungen, Festessen – diesen Gepflogenheiten entsprechend ist das Mobiliar: Baldachin, Audienzsessel, Schreibtisch, Spieltisch, Paradebett, Kommode sind die zeremoniellen Möbeltypen, der französischen Ebenisterie waren keine kunsthandwerklichen Grenzen gesetzt. François de Cuvilliés war für die Gesamtkonzeption der Rokoko-Einrichtung zuständig. Der Kurfürst erwarb aber auch in Paris seinen höfischen Luxus, heute noch indizierbar durch den weltweit größten Möbelbestand aus der Werkstatt Charles Cressents oder Jean-François Oebens.

In den sogenannten Steinzimmern aber beginnt der Rundgang, der dem königsblauen Teppich folgt. Hier sind die Prunkmöbel des 17. Jahrhunderts vorherrschend, die Kurfürst Maximilian I. zur Verfügung standen, später dann natürlich auch Max Emanuel. Zwanzig außergewöhnlich prunkvolle Einzelstücke nehmen den Blick gefangen. Insbesondere richtet er sich auf die »Pietra dura«-Arbeiten. Eine Tischplatte, achteckig, mit Achat, Jaspis, Lapislazuli, Marmor aus Florenz (um 1590); ein Prunktisch mit Lapislazuli-Tafeln, dazu Bergkristall und schwarzer Marmor, ebenfalls aus Florenz (um 1630); der Prunkschrein der Kurfürstin Anna Maria Luisa von der Pfalz, von Giovanni Battista Foggini in Florenz 1705 gefertigt; ein Prunktisch mit achteckiger Scagliolaplatte von dem Münchner Kunsthandwerker Wilhelm Fistulator (um 1630); Kästchen und Kabinettschränke, Spiel- und Schreibtische, ein Münzekabinett – der Kostbarkeiten und vielfältig verwendeten Techniken nicht genug, können an ihnen Dichte und Pracht einer kunstkammerartigen Sammlung abgelesen werden.
Dem einfachen Mann mussten Bett, Stuhl, Tisch und »Kasten« (Truhe) als Wohnungseinrichtung genügen. Der Adel stattete seine Räume nicht nur mobiliar reich aus, sondern er repräsentierte sich standesgemäß und bezog sein Mobiliar in das Hofleben ein. »Möbel waren stets Teil eines Ganzen«, betonte Hans Ottomeyer, Generaldirektor des Deutschen Historischen Museums, Berlin, bei seinem Festvortrag anlässlich der Eröffnung mit (Hof)Musik und anschließendem Empfang. »Sie beginnen zu erzählen von Geschichte, Gebrauch und Präsentation, aber auch vom Wiederverschwinden. Die Münchner Residenz wird so zum wahren Haus der bayerischen Geschichte.« Auf dem Höhepunkt der Ausstellung wird (vom 14. bis 18. Oktober 2002) eine Museumswoche in der Residenz München mit Sonderführungen und -veranstaltungen der Bayerischen Schlösserverwaltung durchgeführt, denen sich am 19. Oktober die Lange Nacht der Museen anschließt, die auch in Schloss Nymphenburg mit Fug und Recht gefeiert wird.

Die Eröffnung der Möbelausstellung zog auch einen Kreis in den Bereich der Musik hinein. Christoph Hammer, Leiter der Neuen Hofkapelle München, grub Werke des Münchner Hofopernkomponisten Pietro Torri (ca. 1665 bis 1737) aus, um sie erstmals nach etwa 300 Jahren wieder erklingen zu lassen. Torris Noten lagen beinahe unberührt und vergessen in der Bayerischen Staatsbibliothek. Drei Jahrzehnte bestimmte Torris Musik das höfische Leben in München. Man kennt mehr als zwanzig Opern von ihm, der Serenaden und Kantaten zu besonderen Anlässen komponiert hatte. Karl Albrecht hatte zum Beispiel die Freude, an seinem Namenstag, am 6. September 1726, die von seiner Gemahlin in Auftrag gegebene »Serenata per Musica in applauso« zu hören. Exakt an diesem Tag nach 276 Jahren wurde dieses Werk den Gästen des Festakts im Kaisersaal der Residenz zu Gehör gebracht. Musik und Möbel – welch selten besungene künstlerische Einheit!

Die Ausstellung »Pracht und Zeremoniell – Die Möbel der Residenz München« dauert bis 6. Januar 2003. Sie ist täglich von 9 bis 18 Uhr, am Donnerstag bis 20 Uhr geöffnet. Das Katalogbuch (260 Seiten, 250 Farbabbildungen) wird an der Museumskasse für nur 29 (im Buchhandel für 52) Euro angeboten. Es ist im Hirmer Verlag München erschienen.

HG



42/2002