Jahrgang 2021 Nummer 9

Im Winter wurde das Holz ins Tal gebracht

Holzknechte und Bauern arbeiteten Hand in Hand

Ziehschlittenpartie am Ganterplatz. (Fotos: Werner Bauregger)
Holzknechte an der unteren Scheurlstubn.
Holzganter im Sommer.
Wege mussten mühsam ausgeschaufelt werden.
Bei der Talfahrt kam es immer wieder zu schweren oder gar tödlichen Unfällen.
Mit dem Pferd zum Ladeplatz.

Bis es möglich war, das geerntete Holz aus den Bergwaldgebieten des Alpenvorlandes auf befestigten Forststraßen mit Traktoren oder Lastwagen im Sommer ins Tal und zu den Sägewerken transportieren zu können, erledigten diese schwere Arbeit Holzknechte mit Ziehschlitten und Bauern, beziehungsweise deren Knechte mit Pferdeschlitten während der Wintermonate (Winterbringung). Beispielhaft wird nachfolgend beschrieben, wie die Arbeiten in den Waldgebieten rund um Weißbach an der Alpenstraße abgewickelt wurden.

Vor dem heute bestens ausgebauten Forststraßen- und Rückwegenetz, auf dem schwere Vollerntemaschinen, Mobile Forstseilbahnen, Traktoren und Holztransportlastzüge bis zur Größe von Sattelzügen, meist bis in die entlegendsten Waldgebiete fahren können, durchzog die Wälder ein Netz von Ziehwegen und relativ schmalen Wirtschaftswegen. An bestimmten Plätzen waren dort auch Holzknechthütten, wie etwa die obere oder untere Scheuerlstubn, oder das Sulzenstüberl, aufgebaut. War es notwendig, neben den Holzknechten auch die Bauern oder deren Bedienstete mit ihren Pferden, auch Rosserer genannt, unterbringen zu müssen, standen größere Hütten, sogenannte »Loatstubn«, wie etwa im Hiental oder am Litzlbach, zu denen auch ein kleiner Stall gehörte. Oft dienten diese Stubn auch den Kulturarbeitern, Pflanzern, Jägern und Förstern als Übernachtungsmöglichkeit. Für letztere waren meist sogar eigene Stüberl eingerichtet.

Neben meist einfachen Schlafplätzen, auch »Pongrat« genannt, war ein großer Ofen das wichtigste Utensil in diesen Unterkünften. Zum einen, um sich eine warme Mahlzeit zuzubereiten und zum anderen das nasse Gwand, Handschuhe, Bergschuhe und die feuchten Pferdedecken trocknen zu können. In diesem konnten sich die Holzknechte, die Holzrücker, auch Rosserer genannt, mit ihren Pferden oder die Kulturarbeiter kochen und die nasse Kleidung, die Schuhe oder die Pferdedecken trocknen.

Vom Arbeitsablauf war es üblich, Stammholz und Brennholz im Sommer zu fällen und in den Waldgebieten auf sogenannten Gantern zu lagern. Zu den Ganterplätzen wurden die Stämme entweder mit Pferden gezogen (gerückt) oder in schwierigem Gelände über eine aufwändig aus Holzstämmen gebaute Rutschbahn (Loite) hangabwärts befördert.

Die Winterbringung begann, wenn genug Schnee gefallen war. Da es damals noch keine Schneefräsen oder geeignete Schneepflüge gab, mussten die Ziehwege, die Holzganter und die Wege für die Pferdeschlitten bis ins Tal erst mühsam ausgeschaufelt werden. Schon dafür waren viele Arbeiter tagelang im Einsatz. Waren die Wege endlich frei, dann machten sich die Holzknechte mit ihren Ziehschlitten samt den zugehörigen Ketten und Eisenhaken, meist mehrere Zentner schwer, in Gruppen (Passen) oft mehrere Kilometer weit auf zu den Ganterplätzen. Dort wurde Ziehschlitten um Ziehschlitten beladen, wobei jeweils ein Ende der Baumstämme auf dem beweglichen Schlittensattel und das andere Ende auf der Schlittenbahn zum Liegen kam und die schwere Fracht fachmännisch mit Ketten und Haken kompakt verbunden wurde. Schließlich musste die Fuhre während der oft rasanten Talfahrt halten.

Je nach Situation, kam unter die Fuhre auch eine Eisenkette (Umschlag) oder es wurden einige Stämme hinter der Fuhre als »Anhäng« nachgezogen. Beides erzeugte eine gewisse Bremswirkung. Die Holzknechte saßen dabei vor der Fuhre auf dem Schlitten und lenkten ihn in erster Linie durch den Einsatz zweier Hebel (Bremstatzen) links und rechts an den Schlittenkufen. Je nach gewünschter Richtungskorrektur gruben sich bei Betätigung je zwei geschmiedete Eisenkrallen neben den Schlittenkufen in den Schnee oder in das Eis. Auch beim Abbremsen kamen diese Tatzen zum Einsatz. So manches Marterl entlang dieser Wege zeigt, dass es bei der Talfahrt immer wieder zu schweren oder gar tödlichen Unfällen kam, wenn die Fahrt entweder zu schnell wurde, oder Teile am Schlitten oder die Kettensicherung brachen.

Wie ehemalige Holzknechte erzählten, gab es im Verlauf der Ziehwege auch immer wieder Flachstücke. Kam der Schlitten dort zum Stehen, musste er durch mühsames Anschieben und »Beißen« mit dem Sappie wieder in Gang gesetzt werden. Zufrieden konnte man erst sein, wenn der Schlitten am Umladeplatz oder am Holzlagerplatz im Tal angekommen war. Wenn der Weg ins Tal zu lang war, lud man die Holzfracht auf Pferdeschlitten um, die im Grunde in der selben Art und Weise beladen wurden wie die Ziehschlitten. Im Schnitt konnte man einen Ziehschlitten mit etwa 3,5 Festmeter und auf einem Pferdeschlitten etwa 4,5 Festmeter Holz laden. Eine wichtige Rolle nahmen in dieser Zeitära auch der Schmied und der Wagner ein. Einen Schmid gab es direkt in der Ortsmitte, unmittelbar neben dem jetzigen Gasthaus Stabach. Der letzte hieß Felix Steindlmüller. Er musste möglichst schnell und nicht selten in Nachtarbeit, Ketten, Haken, Schlittenbeschläge, Schlittenkufen, Bremstatzen oder Brüche an Pferdegeschirren richten oder die Sappiespitzen auf dem Amboss wieder ausschmieden, damit sie wieder wirkungsvoll in das Holz eindringen konnten.

Der letzte Wagner im Dorf war der Holzner (Heisl) Sepp. Sie waren gefragt, wenn Holzteile der Schlitten wie die Kufen, der Sattel oder die Bremstatzen brachen oder Werkzeugstiele beschädigt oder abgebrochen waren. Wie sich die Arbeitswelt im Forstbereich verändert hat, zeigt ein Vergleich der Bedienstetenanzahl. Heute arbeiten in den beiden Revieren in Weißbach an der Alpenstraße, die auf die Gebiete links oder rechts des Weißbachs aufgeteilt sind, ständig nur noch ein bis zwei Forstwirte. In den 1940er Jahren waren es noch weit über 100 Holzknechte, Kulturer oder Männer und Frauen im eigenbewirtschafteten Pflanzgarten. Wie Dr. Müller von den BaySF, Forstbetrieb Berchtesgaden informierte, sind derzeit noch 34 Forstwirte dort angestellt, die im kompletten Gebiet des Forstbetriebs Berchtesgaden je nach Bedarf eingesetzt werden. Pferde spielen heutzutage für die Holzernte nur noch eine marginale Rolle. Wenn überhaupt werden sie hauptsächlich nur noch in speziellen Schutzzonen eingesetzt.

 

Werner Bauregger

 

9/2021

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