Jahrgang 2004 Nummer 40

»Ich bin zu jener Stelle hingegangen ...«

Ein Fund auf der Münchner Praterinsel: »Chiemsee-Sonette«

Titelseite der Auswahl-Ausgabe »Chiemsee-Sonette« von Valerian Tornius von 1943

Titelseite der Auswahl-Ausgabe »Chiemsee-Sonette« von Valerian Tornius von 1943
Vignette von Rolf Huhn, Leipzig, auf der Rückseite des Heftes

Vignette von Rolf Huhn, Leipzig, auf der Rückseite des Heftes
»Ich bin zu jener Stelle hingegangen...« - so beginnt eines der zwanzig »Chiemsee-Sonette« des Valerian Tornius mit der Überschrift »Erinnerung«. Wie keine andere Zeile passt diese zu dem Fund, den ich im Sommer 2003 – nichts ahnend, nur einmal kurz zur Erholung zwischen zwei Zeitungsberichten an der Isar entlang radelnd und eine Pause am Bücherwühltisch des »Alpinen Museums« auf der Münchner Praterinsel einlegend – machte, um gleich in einen mehr für mich selbst als für meine Umgebung bestimmten Freudenjuchzer auszubrechen.

Freilich weiß ich bis heute nicht genau, wer der Verfasser war; aber meine dreifache Vorliebe für signierte Bavarica, für Sonette und den Chiemgau brachte mich in Wallung. Hier, an »jener Stelle« steckte, mitten in einem Wust von faden Alpenvereinsmitteilungen und ein paar abgegriffenen, kaum mehr brauchbaren Bergführern, ein 24 Seiten dünnes, zweimal geklammertes Heftchen mit einer Auswahl der »Chiemsee-Sonette« von Valerian Tornius. Sie sind 1943, also vor vom Fund-Jahr aus gerechnet genau sechs Jahrzehnten im Leipziger Verlag J. Bohn & Sohn erschienen, »Sonette«, wie der Dichter im ersten kleinen Sprachkunstwerk verrät, »an dem Chiemsee meist erfunden / im Bann beglückend schöner Sommerzeit«.

»In herzlicher Freundschaft« zugeeignet

Anlass, so steht in meinem unerwartet auf mich gekommenen Exemplar, dessen Umschlag bereits den Silberfischchen Nahrung bot, zu lesen, war der 60. Geburtstag des Dichters am 22. März 1943. Die Auflage: 150 Exemplare (das meine, für 1 Euro erstandene, hat die Nummer 00055). Sie wurden dem Autor »als Gabe vom Verlag zur Verfügung gestellt«. Leider ist schwer zu entziffern, wem »Valerian« das Fundstück unter dem Datum »L. 6. 4. 43« (»L« dürfte für Leipzig stehen) »in herzlicher Freundschaft« zueignete. Gut lesbar ist von der in schwarze Tinte getauchten Feder des Autors nur »Seinem lieben«, der folgende Name gibt Rätsel auf. Insgesamt 20 Sonette (von »Widmung« bis »Sommer 1941«) enthält das Heft, das auf Vorder- und Rückseite je eine Vignette von Rolf Huhn, Leipzig, sowie eine Federzeichnung des Leipziger Professors M. (oder V.) Buhe ziert.

Wer war Valerian Tornius?

Zeigt diese hübsche Zeichnung nicht einen heiteren, ausgeglichenen und den Freuden des Lebens nicht abgeneigten Valerian Tornius, der es sich in einem Sessel mit einem Buch, das er gerade liest, bequem gemacht hat? »Ich bin zu jener Stelle hingegangen ...« – wüsste ich nur, welche Stelle im Chiemgau der Dichter besingt, wo er »in Sommerfreude jüngst gelegen, / im Wald abseits von betretenen Wegen, / dahin nur manchmal Fuchs und Reh gelangen ...«, ich würde ja gelegentlich auch dorthin radeln, nur einmal kurz zur Erholung, und dabei auch die anderen »Stellen« auskundschaften, die einst seines, des wohl im Chiemgau wenigstens zeitweise, aber gewiss sehr gerne weilenden Valerian Tornius`, »Wanderns Ziele« waren.

Ob sich das Geheimnis um den Dichter, der 1964 bei Bücking in Prien am Chiemsee seine »Chiemsee-Sonette« in vollem Umfang veröffentlichte (die Bayerische Staatsbibliothek bewahrt das Buch unter DD./6161 c), demnächst lüftet? Professor Dietz-Rüdiger Moser, Herausgeber der Zeitschrift »Literatur in Bayern«, ist gerade dabei, dem Lyriker, Dramatiker, Romancier, Historiker, Kulturgeschichtler, Herausgeber und Übersetzer mit dem seltsamen Namen Valerian Tornius nachspüren zu lassen.

Einem fleißigen Literaten auf der Spur

In der neuesten Ausgabe seiner für Bayern höchst bedeutenden Zeitschrift, die Moser auch nach seiner Emeritierung als Inhaber des Lehrstuhls für bayerische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München weiter redigiert, nimmt er sich aus Anlass der 700. Wiederkehr des Geburtstags Francesco Petrarcas (1304 – 1374) der Sonette des Valerian Tornius an, wobei auch mein kleiner Fund Erwähnung finden soll. Der am 22. März 1883 geborene Literat war wohl Balte oder Russe. Er publizierte zwischen 1915 und 1963 und soll noch bis in die Achtzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts gedruckt worden sein. Inzwischen konnte eine erstaunlich lange Veröffentlichungsliste erstellt werden. Sie reicht im Augenblick von einem »Reise- und Kulturbüchlein aus der vorsowjetischen Ära mit zeitdokumentarischem Wert« (Titel: »Die baltischen Provinzen«, erschienen 1915 bei Teubner in Leipzig) bis zu einem »Baltischen Nocturno«, das Bücking in Prien am Chiemsee 1962 als Band 4 einer Reihe »Märchen und Sagen der Heimat« herausbrachte und von dem gebürtigen Mühldorfer, schon seit vielen Jahren in München lebenden Grafiker Hans Prähofer mit acht Zeichnungen und einer Kartenskizze versehen worden war.

Die Publikationsliste: lang und vielseitig

Kulturbilder, ein Porträt der alten Hansestadt Riga, gesellschaftliche Studien, historische Skizzen und Szenen, ein Mozart-Roman und biographische Erzählungen, unter anderem um Telemann, Weber, Mendelssohn Bartholdy, gehören zu Tornius` Publikationen. Als Übersetzer bzw. Herausgeber nahm er sich unter anderem Casanovas, des Decamerone von Boccaccio, der letzten Romanowa, Friedemann Bachs, Gogols Roman »Der Revisor«, aber auch Themen wie »Das Land der Deutschherren und der Hansa im Osten« oder des Romans »Das Adelsnest« von Iwan Turgenjew an, den er aus dem Russischen übertrug und für die Dieterich’sche Verlagsbuchhandlung Leipzig 1962 mit einem Nachwort versah. Hoffentlich bringt eine Magister- oder Doktorarbeit, die gewiss unter dem Protektorat von Professor Dietz-Rüdiger Moser entsteht, bald völlige Klarheit über Leben und Wirken des vielseitigen Gelehrten, der, wie mein Exemplar allein schon ausweist, nicht der schlechteste Sonetten-Dichter war. Die Text-Kostprobe »Sommertag auf Herrenchiemsee« kann davon Zeugnis ablegen:

Sommertag auf Herrenchiemsee
Die ganze Insel atmet Lindenduft; es surrt und summt in allen Blätterkronen, Insektenvolk in vielen Legionen und bunte Falter flattern durch die Luft.
Doch wo in wildverwachsener Felsenkluft auf alten Bäumen scheue Vögel wohnen, die abends mit Gesang dem Lauscher lohnen, herrscht Schweigen wie in tiefer Grabesgruft.
Der Mittag glüht in seinen hellen Farben und streut die Fülle seiner goldnen Strahlen durchs Waldesdunkel in verstreuten Garben.
O Sommerfreude! O Glückseligkeit! In dir verstummen alles Missmuts Qualen, und unser Herz wird froh und leicht und weit.

Die übrigen Sonette in meiner kleinen Tornius-Auswahl: »Widmung«, »Sehnsucht nach Stille«, »Was du mir bist«, »Fraueninsel«, »Verlassenheit«, die schon eingangs erwähnte »Erinnerung«, »Allgegenwärtigkeit«, »Frauen«, »Freundschaft«, »Dem Andenken eines lieben Freundes« (I und II), »Leben«, »Sterben«, »Dämmernder Abend«, »Herbstvorgefühl«, »Den Inselfreunden« sowie zwei Sonette aus der Fraueninsel-Chronik (I: »Sommer 1928«, II: »Sommer 1941«), deren Schlusszeilen lauten: »Du aber, Fraueninsel, anmutreiche, / verspürtest jenen schlimmen Wandel nicht / und bliebst, trotz allem Wechsel, stets die gleiche«. Zuvor hatte sich Valerian Tornius darin ergangen, dem allzu raschen Älterwerden sinnend nachzuhängen, sein Leben als schwer, seinen Lebensweg als steil, sein Schicksal oft als hart empfunden und sich als veränderten Menschen erkannt zu haben: »...der Jahre Last fiel alternd ins Gewicht / und manches Schöne sank in das Vergessen.«

Übrigens: Die »Fraueninsel-Chronik«, von der Tornius spricht, kann nicht identisch sein mit der von Karl Raupp und Franz Wolter herausgegebenen »Künstlerchronik von Frauenchiemsee«. Sie ist (bei F. Bruckmann, München) 1918 herausgekommen und schließt mit einem (auch vertonten) Text von Fritz Caspari, zu dem der erstgenannte der beiden Herausgeber ein idyllisches Aquarell beisteuerte.

HG



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