Jahrgang 2006 Nummer 12

Hexenkraut und Donnerbesen

Die Mistel: ein Schmarotzer mit Heil- und Zauberkraft

Über dem Eingang des Gasthofs »Zur Linde« auf  Frauenchiemsee ein Mistelbuschen: Glück denen, die ein- und ausgehen

Über dem Eingang des Gasthofs »Zur Linde« auf Frauenchiemsee ein Mistelbuschen: Glück denen, die ein- und ausgehen
An Laubbäume hängt sie sich als Schmarotzer dran: die wintergrüne Mistel.

An Laubbäume hängt sie sich als Schmarotzer dran: die wintergrüne Mistel.
Den schönen Gasthof »Zur Linde« auf der Fraueninsel im Chiemsee betritt der Gast unter einem Mistelbuschen über dem Eingang gegenüber dem Friedhof. So ein winterfestes, frisch grünes Gebinde mit glasig weißen Früchten soll wohl, wie in England, auch bei uns, im katholischen Oberbayern, Glück bringen – denen, die im Haus wohnen und allen, die hier zukehren. Unter der (etwas giftigen) Mistel ist es erlaubt, sich zu küssen. Aberglaube ist das. Hält sich seit vorchristlicher Zeit, in der besonders den seltsamen Gewächsen – nach Vorkommen, Aussehen, Geruch und Wirkung – zauberische Kräfte zugeschrieben wurden.

Die Mistel, mit botanischem Namen »Viscum album«, heißt seit alters auch Hexenkraut. Oder Donnerbesen. Heidnische Namen. Die Germanen hielten die Mistel für heilig. Das ist ihrer ungewöhnlichen Art zuzuschreiben, zwischen Himmel und Erde (an Laub- oder Nadelbaum hängend) zu schweben und auch im Winter sommerlich zu grünen. Nicht von ungefähr stand bei unseren Vorfahren die Mistel in dem Ruf, für die Stetigkeit des Lebendigen, also auch und für Fruchtbarkeit zu sorgen. »Kreuzholz« hat man die Mistel später auch genannt. Was den Benediktinerinnen des Frauenwörther Klosters nahe der »Linde« sicherlich besser gefiele. Welche Rolle die Mistel bei den Kelten spielte, ist in Jürgen Roses »Norma«-Inszenierung am Münchner Nationaltheater zu sehen. Priesterinnen tragen in feierlichem Zug eine Mistel zur Gerichtsstätte. Heil- und Zauberkräfte schrieben die Druiden der Mistel zu. An außerordentlichen Tagen, so berichtet Plinius, schnitten weiß gewandete Druiden Misteln mit goldenen Sicheln von den Eichen. Fielen vom Wipfel herab, wurden sie in schneeweißen Kleidern aufgefangen – lauter Hinweise auf die Fruchtbarkeitswirkung der Pflanze, die auch gegen manche Vergiftung helfen sollte.

So abwegig war der uralte heidnische Glaube an die Wunderkräfte der Mistel nicht. Das weiß man seit langem. Sie gilt heute als Arzneipflanze mit breiter Effizienz. Aus ihr hergestellte Medikamente werden erfolgreich bei Bluthochdruck eingesetzt. Salben auf Mistelbasis hemmen Entzündungen. Nicht umsonst spritzen Heiler Mistelpräparate, wenn Gelenke entzündlich erkrankt sind. Seit vielen Jahren schon wendet man Mistelextrakte bei der Krebsbekämpfung an. Sie unterstützen die Tumortherapie, weil das Mistel-Lectin I die Metastasenbildung von Tumoren stoppen kann. Jedenfalls hatte Anfang des 20. Jahrhundert der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, damit bereits nachweislich Erfolg. So gesehen ist die Mistel ein positives Beispiel für die Daseinsberechtigung von Schmarotzern. Als (Halb-)-Schmarotzerpflanze zehrt sie von ihrem Wirt; entzieht sie ihm – ob Laub- oder Nadelholz – doch Wasser und Nährsalze. Dadurch fügt sie ihrem Wirt ein wenig, in der Regel auch wirklich nur ein wenig, Schaden zu. Auch wenn sie manchmal aus einem Gehölz so viel Wasser saugen kann, dass ein Ast abstirbt.

Wären nicht Seidenschwanz und vor allem Misteldrossel – die Mistel würde sich gar nicht verbreiten. Die am Bauch braun-weiß getüpfelte, nach dem Schmarotzer benannte Drossel pickt fast ausschließlich die weißen Mistelbeeren. Die sind pappig. »Viscum« heißt »zäh, klebrig«. Sie werden im November reif. Den Samen »kackt« die Misteldrossel auf die Äste. Dort entsteht auf geheimnisvolle Art eine junge Mistelpflanze. Hierzulande wurde schon zu Dürers Zeiten die Mistelbeere als Leim verwendet. Der kann nicht auszutrocknen. Was schon die Römer wussten und daher Vogelfangruten damit bestrichen. »Turdus sibi ipse malum cacat« sagten sie. Was so viel heißt wie »Die Drossel scheißt sich ihr eigenes Unglück«.

Hans Gärtner



12/2006