Jahrgang 2012 Nummer 42

Heiliger Wendelin, Abt

Aus dem Buch: »Illustrierte Heiligen-Legende für Schule und Haus«, erschienen im Jahre 1890

Wendelin (= ehrenvoll) war der Kronprinz des Königs Frochard von Schottland und dessen Gemahlin Jvelina. Fromm war seine Jugend. Es reifte in ihm der Entschluss, allen herrlichen Ansprüchen und Aussichten und selbst dem Königsthrone zu entsagen und unbekannt als Einsiedler zu leben. Nach der Sitte der damaligen Zeit pilgerte Wendelin zu den Gräbern der heiligen Apostelfürsten Petrus und Paulus nach Rom. Es gelang ihm, heimlich zu entkommen. O welche Trauer werden seine guten Eltern empfunden haben, als sie ihren lieben Sohn vermissten und nicht mehr auffinden konnten! Ohne Zweifel hat Gott den heiligen Wendelin zu diesem Schritte bewogen; und er wird auch die Eltern getröstet haben. Nach langer Wanderung kam Wendelin in die Gegend von Trier und lebte als Eremit. Dann hütete er bei einem Gutsherrn in der Nähe dessen Herden, besonders die Schafe. Nach einiger Zeit kehrte der Heilige in seine Einsiedelei zurück. Endlich wurde er Abt des Benediktinerklosters Tholeh und verschied selig im Herrn um das Jahr 650. Wegen der vielen Wunder wurde über seinem Grabe eine Kapelle und 1350 eine prachtvolle gotische Kirche erbaut. Infolge der vielen Wallfahrten zu seinem Grabe ließen sich immer mehr Ansiedler an diesem Ort nieder, und so entstand die Stadt St. Wendel. Der Heilige ist Schutzpatron der Landleute gegen Krankheiten der Haustiere, zumal der Schafe.

Lehre. Der heilige Wendelin verzichtete auf alles Irdische und erlangte hiedurch die volle Seelenruhe, worüber der heilige Bernard begeistert spricht: »Es gibt nur Eine wahre Seelenruhe, wenn man den Wirbeln des unruhigen Weltmeeres entrissen, am Ufer des Heiles feststehend, sein Auge unverrückt zum Himmel emporhebt und in der möglichsten Annäherung des Geistes an Gott sich rühmen darf, alles, was die Welt für erhaben und groß hält, unter die Füße getreten zu haben. Gewiss, wer größer als die Welt ist, der kann von der Welt nichts mehr wünschen, nichts mehr begehren«.

Gebet. Verleihe uns, o Herr! durch die Fürbitte deines heiligen Abtes Wendelin, dass wir in dem Stande, in welchen du uns gesetzt hast, dir treu dienen, nur dich und unsere ewige Seligkeit suchen und die Zufriedenheit des Herzens und Ruhe der Seele finden und bewahren. Amen.

 

Die Texte unserer „Heiligen-Legende“ stammen alle (wie im Titel angegeben) aus dem Jahr 1890 und geben die Ansichten der damaligen Zeit wieder. Oftmals wurden damals Beschuldigungen gegen Juden oder andere Glaubensgruppen erhoben, die nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis nicht haltbar sind. Wir möchten daher klar stellen, dass die Texte unter diesen Gegebenheiten zu sehen sind und weisen darauf hin, dass mit der Veröffentlichung dieser Originaltexte keineswegs volksverhetzende Propaganda unsererseits betrieben werden soll.

 

42/2012