Jahrgang 2002 Nummer 3

Heiliger Sebastian – nimm bei Gott Dich unser an

Fürbitten bei Pest und Ansteckungskrankheiten



Als Namensgeber wird St. Sebastian immer noch gerne gewählt: Wasti, Wastl, Basti und Steff finden wir als beliebten Bubennamen in allen Schulklassen und Ministrantengruppen. Sein Kult ist jedoch vergessen, bis auf wenige Ausnahmen. Die Ikonografie aber ist allenthalben bekannt: Ein schöner Jüngling, an einen Baum gefesselt und von Pfeilen durchbohrt – das ist ein von der Kunsthistorie »abgesegnetes« Sujet.

Über den historischen Sebastian – der (griechische) Name heißt der »Gekrönte« – ist nur die Tatsache seines Lebens bekannt. Die oft nacherzählte Legende ist erst geraume Zeit nach seinem Martyrium entstanden. Als Offizier der Palastgarde, der so genannten Prätorianertruppe, einer ausgewiesenen Eliteeinheit, der römischen Caesaren, soll er wegen seines lautstark geäußerten christlichen Glaubensbekenntnissen zum (soldatischen) Tod durch Erschießen verurteilt worden sein. Schwer verletzt überlebt er die Exekution durch die Bogenschützen. Ein Hagiograph meinte dazu, dass Sebastian als beliebter Vorgesetzter von seiner Mannschaft absichtlich nicht getötet wurde. Von einer frommen Christin mit dem sprechenden Namen »Irene« – das ist »Frieden« – wird er dann gesundgepflegt. Kaum wieder auf den Beinen, begibt er sich mit soldatischer Konsequenz, ja Sturheit zum Kaiser Diokletian und verkündet erneut seinen Glauben. Der Imperator lässt ihn mit Keulen erschlagen und den Leichnam in den römischen Abwasserkanal, die heute noch existierende »Cloaca Maxima« werfen. Christen bergen die sterblichen Überreste und bestatten sie »ad catacumbas«, am Eingang einer Katakombe. Heute steht dort die Kirche San Sebastiano.

Die Pestpfeile

Der Kult des Märtyrers verbreitete sich rasch. »Als bekannt wird, dass 680 die Anrufung des Heiligen Sebastian bei einer Pestepidemie in Rom geholfen hat, wird er zu einem der populärsten Heiligen überhaupt: Pestheiliger (neben Antonius dem Einsiedler und Rochus) und einer der Vierzehn Nothelfer. Die Pestepidemien seit dem 14. Jahrhundert geben der Sebatianus-Verehrung neuen Auftrieb.« schreibt der Theologe Manfred Becker-Huberti. Das Pfeilattribut des Märtyrers weist überdeutlich auf den himmlischen Helfer hin, Pfeile sind bekanntlich die alten Symbole für die Pest. Und der Baum, an den der Glaubenszeuge gefesselt ist, steht zeichenhaft für den heilenden Lebensbaum den »Arbor vitae«. Als in der Traunsteiner Unterstadt im ausgehenden 17. Jahrhundert eine Epidemie ausbrach, verlobte man sich zum Nothelfer. Die Seuche hörte dann auf. Im Dankamt wurde bis zur Gegenwart ein Lied angestimmt mit dem Refrain: »Heiliger Sebastian, nimm bei Gott Dich unser an«.

Der Sebastianstag in Ebersberg

Um 1250 empfing das damalige Benediktinerkloster in Ebersberg die (angebliche) Hirnschale des Pestheiligen. Der Kult, der dort entstand, ist heute noch lebendig. Die bekannte Volkskundlerin und Publizistin Hedi Heres schreibt dazu:
»Nachbildungen des Sebastiansattributs, winzige Pfeile aus Zinn, gehen als hochwirksam gepriesenes Wallfahrtsamulett von Ebersberg aus noch immer über das Land. Im dortigen Kloster befindet sich seine hochverehrte Reliquie, die in Silber gefasste Hirnschale, auf einer ebenfalls silbernen Büste, die den Heiligen darstellt. Am 20. Januar, seinem Ehrentag, wird die Hirnschale mit Wein gefüllt und den Wallfahrern gereicht. Um Verschütten zu vermeiden, trinken diese daraus mit 35 cm langen gebogenen Silberröhren, in der Hoffnung, dass dieser Wein durch die Berührung etwas von der unbesiegbaren Kraft der Schädelreliquie in sich aufgenommen hat und deshalb heilend, stärkend und schützend zugleich wirkt. Im selben Maße gelten auch Gegenstände, wie die winzigen Pfeile, die mit ihr in Kontakt kamen, als geweiht. Man nimmt sie mit nach Hause und bewahrt sie in Brieftasche oder Geldbeutel auf. Früher hängte man sie an Miedergeschnür oder Uhrkette, legte sie bei Kankheit ins Getränk, um die übertragene Kraft gleich inwendig aufzunehmen.«

Wenn früher die jungen Leute nach Ebersberg wallfahrteten, kauften sie sich dort Brezen und hakelten damit. Wenn es ein Brautpaar war, so behielt später der im Eheleben die Oberhand, der den größten Brezenanteil sich ergatterte.

Helfer für vielerlei Probleme

St. Sebastian ist auch Patron der Gärtner, Töpfer und Steinmetze, der Gerber, Tuchmacher, Eisenhändler und Zinngießer, der Soldaten und der Kriegsinvaliden sowie natürlich der Schützengilden und der kranken wie behinderten Kinder. Er steht den Sterbenden bei, ist auch ein Schützender des Stallviehs und schließlich der Patron der Brunnen.

CB



3/2002