Jahrgang 2002 Nummer 12

Grüne Speisen und Heil bringende Eier

Allerlei Bräuche zum Gründonnerstag

Um den Gründonnerstag ranken sich zahlreiche Bräuche und Deutungsversuche. In früherer Zeit versuchte man eine einleuchtende Erklärung für das Wort »Grün« im Namen des Donnerstags vor Ostern zu finden. Viele sahen darin einen direkten Bezug zum frischen Grün in der Natur. Schließlich brachten viele Hausfrauen entsprechend der Jahreszeit Kräutersuppen oder Spiegeleier mit Spinat auf den Tisch. So dachten viele, das »Grün« komme vom Spinat oder von den in der Küche verarbeiteten Frühlingskräutern.

Allerdings ist auch eine andere Wurzel des Wortes denkbar – nämlich vom althochdeutschen »grunen oder greinen« für »weinen oder klagen«, worin auch ein Zusammenhang mit der vorösterlichen »Woche der Trauer« gesehen werden kann. Denkbar ist ebenso ein Bezug zum Ausdruck »Tag der Grünlinge« aus der alten Kirchensprache. Darin verbirgt sich ein Hinweis auf die einst gängige Praxis, an diesem Tag reuige Sünder nach Ablauf der Bußzeit wieder in die Gemeinschaft der Gläubigen aufzunehmen.

Noch heute ist das Pflücken der ersten grünen Kräuter am Gründonnerstag vielerorts Brauch. Altem Volksglauben zufolge sind es neun Kräuter, die zur Stärkung des Lebens nötig sind: Kresse, Gundermann, Nessel, Bibernelle, Löwenzahn, Dost, Sauerampfer, Petersilie und Melisse.

Da die Kräuter schnell verzehrt werden mussten, entwickelten sich viele Gründonnerstagsspeisen: Im Odenwald kamen große Mengen frischen Schnittlauchs auf den Tisch. Der Münchner schätzte seine Kräutl-Suppe mit schwimmenden Eidotter und gerösteten Brotwürfeln. Auch Schwäbische Spinat-Maultaschen, Schwarzwälder Grüne Pfannkuchen oder böhmische Spinatkrapfen zählten zu den für diesen Tag typischen Speisen. Als bekannteste Gründonnerstagsspeise aus Hessen gilt die »Frankfurter Grie Soß«. Sie soll aus der Küche von Goethes Mutter stammen.

Die eigentlichen Kräfte des frischen Grüns entfalten sich laut Volksmund allerdings erst mit der richtigen Zahlensymbolik. Neben den »Drei mal drei«-Kräuter-Mischungen, die an die heilige Dreifaltigkeit erinnerten, galt auch siebenerlei Grünzeug als besonders zuträglich. Schließlich sollten sie für die sieben Sakramente der katholischen Kirche stehen.

Mancher Aberglaube rankte sich auch ums Ei: Ein am Gründonnerstag von einer Junghenne gelegtes Ei wurde besonders geschätzt, da es beim Menschen Hackwunden und Bruchleiden lindern und den Kühen beim Kalben helfen sollte. Auch ein Schutz vor Blitzschlägen, Hagelschlag oder Hochwasser wurde den Eiern nachgesagt. Zumeist wurden die am Gründonnerstag gelegten Eier gesammelt, am Ostersonntag zur Speisenweihe in die Kirche gebracht – und dann mit Genuss verzehrt, schließlich handelte es sich um die ersten Eier nach der Fastenzeit.

Schöner Nebeneffekt: Ein geweihtes Gründonnerstagsei sollte auch Ungeziefer und böse Tiere und nächtliches Albdrücken vertreiben können. Mancherorts ging zuweilen auch die Kunde, Gründonnerstagseier würden einzig und allein vom Osterhasen gelegt und zu Ostern an brave Kinder verteilt.

HM



12/2002