Jahrgang 2002 Nummer 11

Gold, ein Edelmetall als Zeichen der Ewigkeit

Sonderausstellung in der Münchner Archäologischen Staatssammlung

Die reich verzierte, doppelkonische Flasche stammt zusammen mit vier weiteren Goldgefäßen aus einem Votivschatz

Die reich verzierte, doppelkonische Flasche stammt zusammen mit vier weiteren Goldgefäßen aus einem Votivschatz
Gold gilt als unzerstörbar. Es wird nicht, es ist nicht einfach, es vergeht auch nicht. Es ist ewig. Ewigkeit, der Zustand ohne Zeit, stellt eine Seinsform des Endlichen, des Endes, dar. So auch Gold. Wer es besitzt, ist geradezu an einem Ende seiner Sehnsüchte angelangt. Kein Wunder, dass seit alters her Gold im Totenbrauchtum Verwendung fand: Gesicht, gelegentlich sogar der ganze Leichnam wurden mit Gold bedeckt. Leib oder – wenigstens – Antlitz sollten so für die Ewigkeit bewahrt werden.

Matt glänzt das Edelmetall, das die Erde ausschwitzt und nach dem gierige Hände sich ausstreckten, die Kriege und Zwist entfachten, Räusche verursachten, und Menschen in Abgründe stürzten. Wert besitzt das Gold, unsäglich kostbar ist es. Tote verwandelte es zu Lichtgestalten, die hinüber gehen konnten in das Reich der Schatten, um im Dunkeln neue Aufgaben zu übernehmen ...

Am Ende eines langen Schachtganges, aus Papiermaché theaterhaft und täuschend der Wirklichkeit ähnlich nachgebaut, vorbei an gut beleuchteten und ausführlich beschrifteten Vitrinen und gläsernen Schaukästen, die die schwierige und vielfache Gewinnung des Goldes demonstrieren, strahlt dem Besucher der Sonderausstellung »Magie, Mythos, Macht – Gold der Alten und Neuen Welt« in Münchens Archäologischer Staatssammlung eine wunderschöne Goldmaske entgegen. Sie stammt aus dem kolumbanischen Caucatal und ist ein Überrest der so genannten Ilama-Kultur (circa 350 bis 110 vor Christus). Bisher wurden, so wird man belehrt, gut 30 ähnliche Masken gefunden – Beigaben in extrem großen Gräbern, die keine gewöhnlich Sterblichen bargen. Sie waren an die Grabwand angelehnt. Vielleicht wurden solche Totenmasken aus Gold auch zu zeremoniellen Anlässen getragen. Man weiß nichts Genaues. Vermutlich sollte der Tote nahezu vergöttlicht werden.

Gold und Kult – beides gehört seit Jahrtausenden eng zusammen. Mit Sonne und Licht bildet Gold eine Einheit. Der Sonne als »ewiges Himmelslicht«, von dem alles Leben auf der Erde seine Energie bezieht, verleiht Gold seine symbolische Kraft: sonnenfarben leuchtend, wärmend, ausstrahlend ist das Gold – nicht anders als das größte Gestirn selbst.

Zu sonnenrunden Scheiben wurde Gold immer wieder verarbeitet. In Hammersdorf (Landkreis Erding) fand man zwei goldene Schmuckscheiben mit zentralen Kreisbuckeln, die die Sonne zeichenhaft repräsentieren. Das von ihnen ausgehende Linienmuster ist nichts anderes als die Sonnenstrahlen. Die Fundstücke stammen, wie so manche anderen gezeigten – aus dem 14., 7. oder 6. Jahrhundert vor Christi Geburt, sind also oft mehr als 3000 Jahre alt. Teilweise noch älter sind ornamentierte Gefäße aus dünnem Goldblech: Becher, Tassen, Schalen, gefunden im Donau-Ries, in der Nähe von Dillingen an der Donau oder in Wehringen bei Augsburg – möglicherweise waren es Objekte der Trunk- und Spendeopfer.

Gold wohnte heilige Kraft inne: Es bannte und übertrug zugleich die Macht des Gefäßinhaltes. 1906 wurde bei Geleisebauten der Schweizerischen Bundesbahnen nahe Zürich-Altstetten eine massive Goldschale mit figürlicher Verzierung gefunden – vielleicht aus dem 9. Jahrhundert vor Christus. Mythologisch ist der Hintergrund dieses Glanzstücks der profunden Ausstellung – Sonne, Mond und Tiere, in die Schale getrieben, weisen auf überirdische Zusammenhänge. Auf Schritt und Tritt wird man Geheimnisse gewahr, führt die durch die Beschreibungen angeregte Phantasie weit über die Wirklichkeit der gezeigten Gegenstände hinaus ins Reich von Mythos und Sage. Immer wieder dringen tonale Fetzen aus Richard Wagners »Rheingold« ans Ohr, und unvermittelt denkt man an den Nibelungenschatz, an Siegfried, Hagen und Kriemhild, die Rheintöchter als Bewahrerinnen des »Hortes«.

Der unglaublich prachtvolle Tassilokelch (zweite Hälfte 8. Jahrhundert nach Christus) führt den entrückten Besucher wieder in die Geschichtswirklichkeit Bayerns zurück: vergoldetes Kupfer, silbertauschiert, mit Niello- und Glaseinlagen. Ein Repräsentant eines archaisch wirkenden Kultgerätes, bei dem Gold Verwendung fand. Für Christi Blut, verwandelt aus Wein, war kein edleres als das edelste aller Metalle gerade gut genug. Auch heute noch sind die Kelche der die Eucharistie feiernden Priester mit Gold ausgeschlagen und die heilige Hostie kommt auf eine goldene Patene zu liegen.

Hals-, Arm- und Fingerringe, Umhängkreuze, Evangeliar-Deckel (etwa der aus dem Monza-Schatz, vor 603), Armbänder, Nasenschmuck, Zeremonialmesser, Bartzupfer (ja, auch zum Schmunzeln gibt es etwas in dieser so würdig sich gebenden Ausstellung) oder Anhänger, seriell hergestellte Tunjos (Opferfigürchen), eine Pektoralscheibe mit zwei halbmondförmigen Pektoralen (Calima-Kultur, Kolumbien, 1. bis circa 12. Jahrhundert nach Christus), Zeremonialgewandbesätze – diese und weitere edle, äußerst kostbare Objekte zwischen heidnischem Kult und christlicher Frömmigkeit sind ohne Goldanteil nicht denkbar, wenn sie nicht gar aus purem Gold gefertigt wurden. Von wem? Fragt man sich immer wieder neu. Wer waren die Künstler, die solche kleine Preziosen schufen? Bei keiner ist ein Name zu finden.

In der reichhaltigen, noch in das Obergeschoss hinaufführenden Ausstellung gehen solche Kleinigkeiten fast unter, wenn sie den Prachtexemplaren der Schau – manche sind das Ergebnis von Grabungen aus allerjüngster Zeit (Beispiel: Bernstorf bei Freising, Herbst 2000: Golddiadem aus dem 15. bis 14. Jahrhundert vor Christus) – standhalten sollen. Da sind vor allem zu nennen: die beiden anmutigen Manchinger Kultbäumchen, das imposante, frei hängende und mit den Fingern zu berührende »Rupertus«-Kreuz von Bischofshofen (um 700), nicht zuletzt der »Berliner Goldhut«, der vermutlich in Süddeutschland gefunden wurde und erst 1996 im Kunsthandel auftauchte, wo er erworben werden konnte. »Es handelt sich um einen reich ornamentierten, zuckerhutförmigen Hohlkörper mit schmaler Krempe aus papierdünn ausgetriebenem Gold«, schreibt Wilfried Menghin im Katalog-Beitrag.

Übrigens: Den von Rupert Gebhard und Ludwig Wamser herausgegebenen Band »Gold« (Arnoldsche, Stuttgart, gefördert durch den Ernst von Siemens Kunstfonds; 304 Seiten, über 250 Farbfotos, 25 Euro) lohnt es sich in jedem Fall, aus der Ausstellung mit nach Hause zu nehmen. Hier kann der »verfluchte Hunger nach Gold« (in diesem Fall: als Thema der Welt-Kultur) erst richtig gestillt werden – durch das Studium der Fundberichte, der Darstellungen über Antikes Münzgold ebenso wie über den Goldbergbau, die Goldschmiedearbeit, das sakrale Gold-«Fieber« von Fürstbischöfen und Päpsten, nicht zuletzt über die aktuelle Währungsgeschichte. Die »letzte Gold-Mark« (eine 1-DM-Münze aus Gold) ist (fast) das letzte zu bewundernde Stück dieser magisch-mythisch-mächtigen Schau. Sie wird noch bis 2. April gezeigt und wandert voraussichtlich nicht weiter. Geöffnet ist täglich außer Montag von 9 Uhr bis 16.30 Uhr.

HG



11/2002