Jahrgang 2001 Nummer 52

Glücksgreifen und Bibelstechen

Alte Bräuche zu Silvester

Wenn in der Silvesternacht wieder zigtausende Böller, Silbersonnen und Raketen in die Luft gejagt werden, dann hat das seinen Ursprung in altem Aberglauben. Mit Trommeln, Schellen, Peitschenknallen und Saublasen wurde früher das alte Jahr zu Grabe getragen – Dämonen sollten verschreckt werden. Schließlich war die Zeit zwischen Heiligabend und Dreikönig die Zeit der »Zwölfnächte«. Hier konnte, so der Volksglaube, Übersinnliches geschehen, die bösen Geister mußten abgewehrt werden. Aber die zwölf Nächte standen auch stellvertretend für die Monate des Jahres und waren so geradezu die ideale Phase für Orakel zum neuen Jahr.

Zu den Prophezeiungsspielen gehörte im vergangenen Jahrhundert zum Beispiel – vor allem in christlichen Haushalten – das Bibelstechen. Dabei wurde in der Nacht der Jahreswende mit dem Daumen seitlich die Bibel geöffnet und dann blind auf eine Stelle gehalten. Was hier im Bibeltext stand, sollte Aufschluß übers nächste Jahr bringen.

Etwas deutlicher waren da schon die Angaben beim »Glücksgreifen«. Aus Brotteig wurden verschiedene kleine Figuren gemacht: unter anderem ein Ring für die Heirat, Geldstücke, ein Baby, ein Totenkopf. Diese wurden unter Bechern verborgen. Wie beim Hütchenspiel wurden die Becher verschoben. Dann deckte der Kandidat mehrere Becher auf – und las seine Zukunft. Dabei kam es auch auf die Reihenfolge an, ob das Ergebnis freudig (erst Heirat, dann Baby) oder pikant (umgekehrt) war.

Für den Blick in die Zukunft fanden die Menschen auch noch ganz andere Wege. In zwölf Eier- oder Zwiebelschalen wurde Salz gestreut – je nachdem, ob und in welcher Schale das Salz trocken blieb oder naß wurde, wurde die Wetterlage für den entsprechenden Monat interpretiert. Gruselig nimmt sich heute der Brauch aus, durch das Astloch eines in der Thomasnacht ausgegrabenen Sargbrettes die Toten des kommenden Jahres vorherzusehen.

Auch allerlei Zauber zur Abwehr von Unglück oder für Glück, Fruchtbarkeit und Reinigung betrieben die Altvorderen. So durfte man zum Beispiel während der »Zwölfnächte« keine Wäsche aufhängen und keine Betten abziehen. Flicken und Nähen war verboten. Die Menschen glaubten laut Hellemann, daß damit gleichsam den Hühnern das Hinterteil wie »zugenäht« wäre – ein Jahr ohne Eier drohe. In der Silvesternacht durfte das Feuer im Ofen nicht ausgehen, wenn man stets Geld haben wollte.

Der Ausdruck »Schwein gehabt« kommt von der Idee, daß die Sau ein Glücksbringer sei. Das glaubten schon die Germanen und schmückten ihre Siegesstätten mit Schweinsköpfen. Solche wurden später zur Abwehr des Bösen unter Stallfundamenten und Kirchen vergraben. Der Glückspfennig ist ein alter Brauch, der auf die Römer zurückgeht. Diese opferten zum Jahreswechsel den Göttern Münzen und schenkten einander Geld. Später war es üblich, Dienstboten mit Geld am Neujahrsmorgen zu danken.

Um Geld ging es auch häufig bei Eß- und Trinksitten. Vom traditionellen Silvesterkarpfen wurde eine Schuppe ins Portemonnaie gelegt, damit die Finanzen immer stimmen. Fette, quellende, körnerreiche Speisen wie Schwein, Fisch, Linsen, Erbsen oder Hirse sollten Geld, aber auch Kraft und Glück fürs neue Jahr sichern.

Während Feuerwerk in früheren Jahrhunderten eher am Hofe üblich war, machte das Volk zum Ausgleich in der Silvesternacht und auch am Neujahrsmorgen von Schußwaffen Gebrauch. Am 1. Januar wurde in die Bäume geschossen, um eine gute Ernte zu haben. Gefährlicher war da schon das wilde Geballer beispielsweise in den nächtlichen Straßen Berlins. Das verbot die Polizei nach etlichen Todesfällen im 19. Jahrhundert. Deshalb begrüßten die Städter dann später das neue Jahr so, wie es heute noch mancherorts üblich ist: Durch »unharmonisches Singen, kreischendes Jauchzen und das Zertrümmern von Flaschen und Gläsern«, wie eine Zeitung schreibt.

Katja Bauer



52/2001