Jahrgang 2008 Nummer 51

Glasmacherweihnacht im Böhmerwald

Wie kleine selbstgebastelte Geschenke Kinderaugen zum Leuchten bringen

Am Vormittag des Heiligen Abends, tief drin im Böhmerwald, hat der alte Glasmacher-Weachtl, er war schon viele Jahre Witwer, noch nicht gewusst was das Christkindl seinen Enkelkindern hätte bringen sollen.

Damals war eine schlechte Zeit, weil die Glasmacher keine Arbeit und so auch kein Geld hatten. Manche sind nach Bayern und Tirol in die dortigen Glashütten gegangen, um ihre Familien ernähren zu können. Sie kamen nur alle heiligen Zeiten heim, wie man sagte.

So kam es, dass die Enkelkinder des Weachtl ihn immer wieder fragten: »Ähnl, wounn kimmt da Datti - und bringt er’s Christkindl mit?« Ja, der Vater wollte schon lang da sein. Man wusste aber nicht ob der viele Schnee und die Stürme sein Heimkommen verhinderten oder war er gar krank? Sorgenvoll sah die Mutter öfter durch die fast zugeschneiten Fenster und zum Großvater. Auch er war mit den Gedanken nicht immer daheim. Daheim, das waren alte Häuser aus Holz gebaut, mit Holzschindeln und Stroh gedeckt. Die Fenster und Türen waren blau, rot oder grün angestrichen und sahen recht schön aus. Anders im Winter: Wenn ein halber Meter oder mehr Schnee auf den Dächern lag und ihn die Stürme auf die Windschattenseite verfrachteten. Da sahen die Holzhäuser aus als hätten sie weiße Zipfelmützen auf. Es gab Winter, da waren die niedrigen Häuser vom Schnee fast zugeweht. Man musste dann die Fenster und Türen ausschaufeln, damit Licht in die Stuben kam und die Menschen ins Freie konnten. Von manchen Häusern musste man einen Gang, durch den bis zu 3 Meter hohen Schnee zum Brunnen schaufeln, damit die Leute Wasser für sich und das Vieh hatten. Denn die Hüttenleute, so nannte man die um die Glashütte Wohnenden, hatten meistens einen kleinen Stall hinten an die Holzhäuser angebaut. Dort wurden Schweine gemästet, eine Kuh oder Ziegen untergebracht. So hatten die Glasmacher immer frische Milch für sich und ihre Kinder. In so einem alten Holzhaus hatte sich der alte Glasmacher-Weachtl eine kleine Kammer als Glasmacherwerkstatt eingerichtet. Dort erzeugte er kleine Wunderwerke. Aus Glasröhrchen formte er bunte Glaskugeln, wunderschöne Tiere und mehrfarbige Vögel. Sie hatten einen seidenen Schwanz aus gesponnenem Glas. Das war ein beliebter Christbaumschmuck. Diese schönen Dinge verkaufte der alte Weachtl an einen Kraxenträger, der von Zeit zu Zeit kam und sie in die Welt hinaus trug. So verdienten sich beide ihr Geld. Schon eine Zeit lang sorgte sich der alte Weachtl. Denn der Kraxn-Hiasl, so nannte man den Glas-Auf- und -Verkäufer, war im Herbst noch nicht gekommen, so fehlte Geld – auch fürs Christkindl. Sollten es traurige Weihnachten werden?

Da standen nun die schönen Kunstwerke, die der Ähnl geblasen hatte, der Reihe nach auf den Holzbrettern an der Kammerwand. Ganz verzagt sagte er vor sich hin: »Wos nutzt den mei Oarbat, wann i dos Gloszeig nit anbring? Er meinte, nicht verkaufen kann. »Was soll denn s’Christkindl den Kindern bringa, wo no dazua alles eingschneibt is«, brummelte er weiter und sinnierte weiter und halblaut vor sich hin: »jo wos, wos?« Nach einer Weile brummelte er wieder: »Des müsst do mitn Teifl zuagej - wenn di kloana Kinda af Weihnochtn nix zan zum spuin hättn« und er erschrak. Denn plötzlich brauste ein Sturmwind über das Haus und im Rauchfang heulte er als ob der Leibhaftige, so sagten die Böhmerwäldler zum Teufel, im Kamin auf und ab tanzte. Der Alte saß still vor seiner Werkzeugbank und horchte. Dann gab er sich einen Ruck, stand auf und suchte unter den alten Flaschen, aus denen er wundervolle Vasen usw. verbiegen konnte, einige Kleinere aus, stellte sie dann in die finstere Ecke und setzte sich wieder an seinen Arbeitsplatz.

»Teifl, Teifl, do werd’s Christkindl schaun!, sagte er vor sich hin, ein verschmitztes Lächeln war in seinem faltigen Gesicht. Der lange Schnurbart bewegte sich auf und ab, als ob er, wie der Teufl im Rauchfang tanzte und seine Augen glänzten spitzbübisch. Flink entzündete er sein Schmelzfeuer, hielt ein Glasröhrchen in die Flamme, dreht es bis es glühend weich wurde und blies hinein, zwickte kleine Teile von dem glühenden rötlich schimmernden Glas ab, formte es. Dann öffnete er ein klein wenig die Kammertür und sagte laut und streng zu den Kindern in der Stube: »Das ma fei koane eina geht. I möcht hiatz mei Ruah«! Zwischendurch holte der Ähnl Wasser vom eingeschneiten, freigeschaufelten Brunnen und verschwand wieder lächelnd mit zwei hölzernen Sechtern (Holzeimern) in seinem Arbeitskämmerlein.

Der Tag neigte sich und es wurde Abend. Heiliger Abend? Der Sturm legte sich ein wenig und das Christkind legte für die Kinder Äpfel, Nüsse und von der Mutter gebackene Weihnachtsbäckerei unter den kleinen Tannenbaum, den man immer im Ähnl seinem Glaskammerl fand. In der Dämmerung erzählte die Mutter den Kindern von Weihnachten im fernen Bethlehem und vom Christkindl. Aber sie hatten keine richtige Freude daran, auch nicht als ein feiner Glasglöckchenklang aus der hell erleuchteten Kammertüre kam, die der Ähnl öffnete. »‘S Christkindl is do gwejn«, meinte er. Die Kinder schauten staunend auf das über und über mit bunten Glaskugeln und Glasvögeln geschmückte Tannenbäumchen. Es war still in der Stube, nur der Wind war zu hören. Keiner sagte, was alle dachten, wo ist der Vater? Der Großvater sah in die Gesichter der Enkel und sagte: »Kinder, ejs müassts in alle Eckn eini schaun, vielleicht hat’s Christkindl no was vastejckt?« Die Kinder suchten in der kleinen Kammer und fanden etwas, was sie noch nie gesehen hatten. Ja, ja, was waren denn das für verbogene Flaschen? Und für jedes Kind hatte das Christkindl so eine kleine Flasche versteckt. Was war denn in diesen schön geformten Flascherln? War klares Wasser drin - oder? Auch die Mutter staunte wie ein Kind und meinte: »Wos bedeut dejs? Da sagte der Ähnl: »Hm - da hat bestimmt ‘s Christkindl a paar Teiferl eingsperrt! - dej lassn ma hiazt tanzn« - und lachte. Er nahm eine der Fläschchen in die Hand, drückte mit dem Daumen der anderen Hand auf das mit einem besonderen Stopsel verschlossen Flascherl und – aus dem dunkel gefärbten Flaschenhals kam ein kleines Teufelchen und tanzte im Wasser auf und ab. Die Kinder hatten das Warum des Teuferltanzes schnell begriffen. Freude erfüllte alle. In der Stube ließen die Kinder ihre Teuferl in den Flaschen tanzen. Die Mutter und der Ähnl sahen die glücklichen Kinderaugen. Das war ihr Weihnachtsgeschenk. Aber auch traurige Blicke gingen zwischen den beiden hin und her, einer in der Familie fehlte. Da, – was war denn das für ein Poltern? Alle erschraken und starrten zur Stubentüre. Stolperte im Vorhaus jemand über die Holzschuhe? Oder?

Die Tür ging langsam auf und im Schein der Petroleumlampe stand ein lachender über und über mit Schnee bedeckter Mann, mit Packerln in den nach vorn ausgestreckten Armen. Mäuschenstill war es in der Stube. Nur die alte Wachteluhr tickte ihr Tick, Tack, Tick, Tack.

Da, – der kleinste Bub lief aus der Kammer zur Stubentür und schrie voll Freude: »Datti, Datti, schau - ‘s Christkindl hot für uns Teiferl eingsperrt? Und alle Kinder stürzten sich voll Freude mit ihren Teiferln-Flascherln in den Händen auf den immer noch in der Tür stehenden Vater. Lächelnd und augenzwinkernd sagte der Ähnl leise zur Schwiegertochter: »Siagst hiatzt is do no Weihnachtn wordn - a für uns!«

Karl Halletz



51/2008