Jahrgang 2006 Nummer 14

Geweihte Zweige und frisches Grün

Alte Bräuche zum Palmsonntag

Seit alters her kommt Palmsonntag, dem letzten Sonntag vor Ostern, im kirchlichen Kalender wie auch im Volksbrauch eine besondere Bedeutung zu. So war dieser Tag in evangelischen Gemeinden einst ein bevorzugter Konfirmationstermin, an dem die Konfirmanden mit frischem Grün geschmückt in die Kirchen einzogen. In katholischen Gemeinden steht an »Palmarum« – wie der Tag traditionell und konfessionsübergreifend genannt wird – die so genannte Segnung der Palmzweige im Mittelpunkt der sonntäglichen Liturgie. Der Überlieferung zufolge soll mit der »Palmweihe« an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert werden.

Mangels echter Palm- und Ölbaumzweige werden die Palmsträuße, Palmwische oder Palmbuschen hier zu Lande aus heimischen Pflanzen zusammengestellt. In der Pfalz galten Salweiden- und Buchsbaumzweige, blühende Haselgerten sowie Ilex- und Thujazweige, aber auch Eichenlaub und ein Ast vom Seven(Sade-)baum als wichtigste Bestandteile. Unter volkskundlichem Aspekt betrachtet, gehören die zur Weihe in die Kirche getragenen Palmbuschen zur Familie der so genannten Segenszweige und Segensbäume.

Während sich die Kinder protestantischer Familien früher an Palmsonntag gegenseitig mit frischen Zweigen auf den Rücken oder gegen die Waden schlugen, was dem Getroffenen Segen bringen sollte, tragen die katholischen Kinder und Jugendliche ihre sorgfältig herausgeputzten Palmsträuße oder Palmstecken vielerorts noch immer in die Kirche, um sie weihen zu lassen. Der Feier des Tages entsprechend werden die Gebinde mit bunten Eiern und Bändern, mit Holzkreuzchen, Heiligenbildern und Fahnen, aber auch mit den letzten rotbackigen Äpfeln des Vorjahres und mit Brezeln verziert. Besonders der essbare Schmuck war und ist bei den Kindern beliebt.

Mancherorts hat es sich im Laufe der Zeit eingebürgert, die jeweils schönsten Palmsträuße nach dem Gottesdienst zu prämieren und den Siegern ein Buch- oder Spielepräsent zu überreichen. Früher erhielten Palmträger allenfalls zu Hause eine kleine Belohnung. Dort, wo es beispielsweise Brauch war, schon am Palmsonntag die ersten Ostereier zu färben, bekamen die Kinder mitunter einige schön gefärbte Eier für das Palmtragen. Mit dem Verzehr der essbaren Gabe mussten sie sich jedoch bis zum Osterfest gedulden, da in der vorösterlichen Fastenzeit keine Eier verspeist werden durften.

Wie es scheint, spielten in den altüberlieferten Frühlingsbräuchen des einfachen Volkes die geweihten Palmbuschen die gleiche Rolle, wie die bereits in vorchristlicher Zeit gebräuchlichen Maien. Beiden sagte der Volksmund besondere Heil- und Segenskräfte nach. Daher verteilte man kleine Ästchen von ihnen in Haus, Hof und Stall. Zudem ließ es sich kein Bauer nehmen, einen Ast aus frischem Grün auf seine Felder hinauszubringen: Der eine steckte die Zweige in seine Kornfelder, um diese vor Unwetter und Hagelschlag zu schützen. Der andere – vornehmlich in waldreichen Gegenden – benutzte die Äste zur Markierung und Begrenzung der Felder, um das Wild fern zu halten und um Wildschäden abzuwehren.

Auch die Pfälzer Bauern schreiben den Palmbuschen geheimnisvolle, mitunter magische Kräfte zu. Sie bewahrten ihre »Palmen« das ganze Jahr über auf dem Dachboden direkt unter den Ziegeln auf, weil sie glaubten, sie hielten jedwede Blitzgefahr von ihrem Haus fern. Darüber hinaus versäumte man es nicht, im Krankheitsfall – insbesondere bei Beschwerden im Hals- und Rachenbereich – zwei oder drei geweihte Palmkätzchen zu schlucken, die in der bäuerlichen Hausmedizin als bewährtes Therapeutikum galten.

Heike Michel



14/2006