Jahrgang 2005 Nummer 46

Georg Sebastian Plinganser – Rebell und Patriot aus Niederbayern

Ein bayerisches Kultur-Denkmal erstrahlt in neuer Pracht

In der Weihnachtszeit jährt sich wieder das Andenken an den bayerischen Freiheitskämpfer Georg Sebastian Plinganser, der zur Sendlinger Mordweihnacht im Jahr 1705 und zur Schlacht bei Aidenbach zu Beginn des Jahres 1706 vom damals noch bayerischen Braunau aus den Nachschub der bayerischen Bauernheere organisierte. In der bayerischen Geschichte hat Plinganser mit Fug und Recht den gleichen Stellenwert, wie der legendäre, aber historisch nicht eindeutig verbürgte Schmied von Kochel, der vor 300 Jahren die Bauern, Knechte und Handwerker aus dem Oberland nach München führte, um sich gegen die kaiserlichen Besatzer des Bayernlandes zu erheben.

Ende Oktober, Anfang November 1705, also exakt vor 300 Jahren, kommt es vielerorts in Bayern zu spontanen Krawallen einzelner Gruppen von Aufständischen. Im damals noch Bayerischen Innviertel und im Rottal wird aus diesen Krawallen sehr bald eine organisierte Bewegung tausender patriotischer Rebellen. Eine genaue Chronologie, wie hier aus den vielen Funken ein Flächenbrand wurde, lässt sich in der Literatur nicht finden. Jedoch wird stets Johann Georg Meindl, der 23-jährige Wirtssohn und Student aus Weng im Innkreis, als Aufrührer, Anführer und Organisator der »Weilharter« genannt.

Hintergrund: Im Laufe des spanischen Erbfolgekriegs war Bayern von den Österreichern unter der Regentschaft der Habsburger besetzt. Die Besatzungsmacht zwang den damaligen Kurfürst Max Emanuel und seine Frau ins Exil. Max ging nach Brüssel, seine Frau wurde nach Venedig gebracht. Die Habsburger herrschten sehr willkürlich über die Bevölkerung und vor allem die Bauern hatten sehr zu leiden. Unter Kaiser Joseph I. wurde das Land gnadenlos ausgebeutet. Neben erheblichen Steuerforderungen waren es Zwangsrekrutierungen, die zum Aufstand reizten. Schon im Oktober 1705 kam es zu Bauernunruhen.

Neben dem menschlichen Verlust – die meisten blieben im Feld – war dies auch ein großes wirtschaftliches Problem für die Landwirte. Damit fielen nämlich wichtige Arbeitskräfte aus. Zudem mussten sie den durchreisenden Militärs kostenlos Unterkunft bieten und sie verköstigen. Aus diesem Druck heraus erwuchs schließlich Unmut und es kam unter der Führung einiger Intellektueller zu einer Revolte in Bayern. Zu diesen Intellektuellen gehören unter anderem Franz Bernhard von Prielmayr, der damalige Münchner Bürgermeister Ossinger, Georg Sebastian Plinganser und viele andere.

Wichtige Zentren des Aufstands der Oberländer (die Unterländer kamen aus Niederbayern und der Oberpfalz) waren Lenggries, Kelheim, Tölz, Burghausen, Braunau, Kochel, Königsdorf und eben auch Sendling, dieses allerdings erst in der Endphase. Eher eine Nebenrolle, aber dennoch nicht unbedeutend, hatte das Kloster Benediktbeuern. In Burghausen spielte Prielmayr eine entscheidende Rolle, in Braunau Plinganser. Eine der Münchner Leitfiguren war der »Jägerwirt« Johannes Jäger.

Jäger war auch bei der letzten Besprechung im Gasthaus »zur Post« in Königsdorf, das auch heute noch existiert, anwesend und hat die leider letztlich missglückte Koordination für die Landeshauptstadt übernommen. Nach erfolglosem Sturm auf München wurden die Aufständischen von der habsburgischen Armee unter General de Wendt in der Nacht zum 25. Dezember 1705 auf unvorstellbar grausame Weise bei Sendling hingemetzelt. (Auf der Anhöhe an der heutigen Lindwurmstraße bei der alten Sendlinger Kirche). Georg Sebastian Plinganser schreibt in seiner Rechtfertigungsschrift über den Beginn des Aufstandes im Unterland: schon vor dem 11. November 1705 hatten die Aufständischen aus Rottalmünster und Kößlarn »mit den Weilhartern einige Korrespondenz gepflogen (...) und die Belagerung von Braunau und Schärding mit dem Meindl bereits beschlossen« (zit. nach Konrad Meindl 1886, Seite 402). Die »Taschnerbauern« zogen sich deshalb bei Ering-Frauenstein am Inn zusammen.

Nach einem kurzen Vorstoß am 11./12. November 1705 gegen den Markt Obernberg, heute in Oberösterreich gelegen, wurde die beschlossene Belagerung Braunaus in die Tat umgesetzt. Besagte Aufständische hatten, so Plinganser, »von Meindl eine Order, die Stadt Braunau von der Brücke zu blockieren, da indessen jenseits des Inns er, Meindl, die Attacke führen wolle« (zit. nach Konrad Meindl 1886, Seite 403)).

Am 13. November 1705 beziehen rund 5000 »Taschnerbauern« unter Plinganser ihren Belagerungsposten links des Inns in Simbach, am 14. November 1705 rund ebensoviele »Weilharter« unter Meindl ihren Posten rechts des Inns bei Haselbach. Das »Heer« der 10 000 sollte bald auf 16 bis 20 000 wachsen. Der Aufstand war in kürzester Zeit, wenn er es nicht schon von Beginn an war, zu einer regelrechten Volksbewegung geworden.

Das Geburtshaus des Strategen und Logistikers der niederbayerischen Flanke des bayerischen Volksaufstandes steht im niederbayerischen Thurnstein bei Pfarrkirchen. Als ein bedeutendes Kulturdenkmal der bayerischen Geschichte war es jahrelang vom Verfall bedroht. Inzwischen ist es stilgerecht restauriert und erstrahlt in neuer Pracht. Georg Sebastian Plinganser war am 21. April 1681 in diesem Anwesen zur Welt gekommen.

Der Vater Plingansers hatte das Haus im 17. Jahrhundert als Verwalter der damals »von Imblandschen« Güter in Thurnstein bezogen. Sein Sohn Georg Sebastian studierte nach der Kindheit an der damaligen bayerischen Universität in Ingolstadt und war nach dem Hochschulstudium zunächst in Ingolstadt als »Mitterschreiber« und später dann als Verwaltungsbeamter beim Landgericht Pfarrkirchen tätig.

Als glühender Patriot stand Georg Sebastian Plinganser in den Wirren des schrecklichen Spanischen Erbfolgekrieges bald an der Spitze seiner geschundenen Landsleute. Der junge Plinganser wurde zum unbeugsamen Anführer der radikalen Kriegspartei gegen die feindliche Besatzungsmacht der kaiserlichen Truppen, unter der das bayerische Unterland wie auch das Oberland schwer zu leiden hatte. Einquartierungen, Requirierungen und die Willkür der kaiserlichen Soldateska bedrückten das Bayernland«, konstatierte Karl Otmar Freiherr von Aretin im Herbst 2005 zur Eröffnung einer Ausstellung in Braunau zur Erinnerung an den bayerischen Volksaufstand vor 300 Jahren.

Als das Braunauer Parlament im Dezember 1705 die Stände des Rentamtes Burghausen zu einer Sitzung einluden und die Bauern als vierten Stand proklamierten, sah die Landschaftsverordnung darin nur eine freche Anmaßung. Das Braunauer Parlament ist eine Bezeichnung für den Landesdefensionskongress zu Braunau am Inn im Dezember 1705. Die aufständischen Bauern sahen ihrerseits in der Haltung des Adels und der Landschaftsverordnung Verrat.

Diesen Zwiespalt erkannten natürlich auch die Österreicher, die erhebliche Truppen zusammenzogen, um den Aufstand niederzuschlagen. In der Sendlinger Bauernschlacht und der Schlacht von Aidenbach gingen die Österreicher mit unerhörter Grausamkeit gegen die geschlagenen Bauern vor. Das Schlachtfeld von Aidenbach war mit Leichen von tausenden erschlagener Bauern bedeckt.Im Jahre 1705, als es zum Aufstand, zur Sendlinger Mordweihnacht und Anfang 1706 zur nicht minder blutigen Schlacht bei Aidenbach kommt, zieht der junge Plinganser zwar nicht mit den kämpfenden Heerhaufen, doch von Braunau aus lenkt und organisiert er das Versorgungs- und Nachschubwesen. Noch mehr, die geknechtete und aufgebrachte Bevölkerung erkannte ihn als ihr Oberhaupt an.

Als ein Idol der Vaterlandsliebe und Heimattreue ist er bis auf den heutigen Tag bekannt geblieben. Nicht zuletzt hat ihm auch die bayerische Landeshauptstadt München mit der Widmung einer Straße ein ehrendes Andenken gesetzt.

TD



46/2005