Jahrgang 2004 Nummer 18

»Gehen Sie nach Hause und schreiben Sie Ihr Buch!«

Ein Porträt des Breitbrunner Schriftstellers Horst Mönnich

Sein Schicksal, sagt Horst Mönnich, ist auf merkwürdige Weise mit der Ge-schichte Deutschlands verbunden: Sein Zwillingsbruder wurde in den letzten Stunden des 8. November 1918 geboren, er selbst in den ersten Stunden des folgenden Tages, an dem das monarchistische Deutschland in eine neue Staatsform mündete. So gehörten die beiden Brüder, die sich »auf’s Haar glichen«, doch zwei verschiedenen Epochen an – sein Bruder Günther dem Kaiserreich, der jüngere Horst schon der neuen, noch blütenreinen Republik.

Die Kindheit in der Lausitz war hart: Als die Brüder vier Jahre alt waren, starb die Mutter, ein knappes Jahrzehnt später auch der Vater. Die väterliche Maßschneiderei wurde versteigert, die elternlosen Kinder im Krankenhaus verköstigt. Zweieinhalb Jahre verbrachten Mönnich und sein Bruder nach dem Abitur im Arbeitsdienst und auf dem Kasernenhof, wo sie von der deutschen Wehrmacht zum Gehorsam erzogen wurden. »Das war eine grauenhafte, fürchterliche Zeit,« erinnert sich der 85-Jährige. Es half, dass der Bruder immer in der Nähe war, denn sie waren »eine Einheit« und schrieben zu diesem Zeitpunkt bereits beide. Die Gedichte des Bruders, die nicht selten »nachts auf Wache« entstanden, sind in den Tagebüchern erhalten geblieben, auch folgende Zeilen, die er im Juni 1938 verfasste – ein halbes Jahr vor seinem Tod.

»Das ist mein Sommer und das ist mein Jahr.
Und wie hat immer in den trüben Stunden
das sommerliche Glück mich aufgefunden
wenn längst die Welt kalt und verloren war.«

»Er war der begabtere von uns beiden«, sagt Horst Mönnich heute, da er sich mit der Aufbereitung der altersgelben Tagebücher beschäftigt, sie redigiert und abtippt. Der Verlust des Bruders, der wenige Tage vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs ums Leben kam, wog und wiegt schwer. »Ich musste allein weitergehen, mit der Zeile, die ich an seinem Grab gesprochen habe: Ich leb dich mit mein Leben lang.«

Ein Studienurlaub im Jahr 1941 erlöste den Soldaten Mönnich von einem harten »Russlandsommer«. Sechs Monate lang studierte er Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin. In diese Zeit fiel die literarische Auseinandersetzung mit dem Erlebten ebenso wie der Ausspruch eines Professors, der während eines Seminars zu ihm sagte: »Gehen Sie nach Hause und schreiben Sie ihr Buch!« Er erreichte eine Verlängerung seines Urlaubs, stellte es fertig, doch das bereits gedruckte Kriegstagebuch mit dem Titel »Russischer Sommer« verbrannte wenige Jahre später nahezu vollständig.

Die zweite Hälfte des Krieges gehörte er den Kriegsberichtern an, was auf einen glücklichen Umstand zurückzuführen war, und über diesen und ähnliche »merkwürdige Zufälle, die das Leben bestimmt haben«, schüttelt der Breitbrunner noch heute den Kopf. Auch darüber, dass ihm nach dem Krieg ein Berichterkollege in die Redaktion der »Deutschen Allgemeinen Sonntagszeitung« vermittelte, wo er zunächst einmal »recherchieren lernte«. Aus heutiger Sicht war das »eine gute Schule für Schriftsteller«, sagt Mönnich, der in der »Gruppe 47« eine neue geistige Heimat gefunden hatte. Der schriftstellerische Durchbruch gelang ihm 1951 mit dem Industrieroman »Die Autostadt«, der Geschichte des Volkswagenwerks in Wolfsburg, für die er »Tausende von Interviews und Gesprächen« geführt hatte. Rund 30 Jahre dauerten die Recherchen zu »BMW – Eine deutsche Geschichte«, das erstmals 1984 und seither in mehreren verschiedenen Ausgaben erschien. Dazwischen liegen unzählige weitere Romane, Hör- und Fernsehspiele, Reportagen, Preise und Auszeichnungen, aber auch der Umzug nach Breitbrunn, seine Ehe mit der Malerin Modeste Dahlweid, seine beiden Söhne und die Tochter.

Horst Mönnichs literarisches Werk befasst sich nahezu ausschließlich mit der deutschen Wirklichkeit und der deutsch-deutschen Geschichte. Er sieht sich als Chronist seiner Zeit, nicht zuletzt des denkwürdigen Umstandes seiner Geburt wegen. Seinen Roman »Das Land ohne Träume«, 1957 im List Verlag und später bei Hoffmann und Campe erschienen, bezeichnet er als »einen Versuch, den Deutschen zu beschreiben, in welchem Land sie leben, und was von ihrem Land übrig geblieben ist. Und es waren die Träume der Deutschen, die sie in den Untergang geführt haben.«

Obgleich Mönnich, der seit 1952 in Breitbrunn lebt, im Angesicht des ausbrechenden Zweiten Weltkrieges sein »Überleben sehr in Frage gestellt« hatte, feierte der Schriftsteller im vergangenen Jahr seinen 85. Geburtstag. Von seinen Kindern – seine Frau Modeste starb im August 2003 – hat keines den Schriftstellerberuf ergriffen, aber er »würde auch niemandem dazu raten. Das ist eine zu unsichere Existenz.«

CK



18/2004