Jahrgang 2012 Nummer 7

»Geh ma Maschkera«

Faschingsvergnügen: Maskieren und Verkleiden

Für 3,50 Euro ist jedes gewünschte »Gesicht« – aus bemalter Pappe – käuflich.

Für 3,50 Euro ist jedes gewünschte »Gesicht« – aus bemalter Pappe – käuflich.
Eine bunte Mütze - mehr braucht man oft gar nicht, um sich in Stimmung zu bringen

Eine bunte Mütze - mehr braucht man oft gar nicht, um sich in Stimmung zu bringen
Ob Chinese oder Indianer – fremde Kulturen haben ihren exotischen Reiz behalten

Ob Chinese oder Indianer – fremde Kulturen haben ihren exotischen Reiz behalten
Als was ich geh, fragt mich der Michi. Der ist, wie ich, elf Jahre alt. Und hat grad ein altes »Gwand« von der Oma an, das ihm viel zu weit ist, bis über die festen Schuhe reicht, die er, des hohen Schnees wegen, trägt und in dem er aussieht - »wiara Vogelscheuch‘! «, hab ich zu ihm gesagt. Aber das machte dem Michi nix aus, er drehte sich keck im Kreis und besah sich als alte Frau im bodenlangen Spiegel im Schlafzimmer seiner Eltern, in dem wir standen und uns auf den Fasching vorbereiteten. Michi setzte einen vogelwilden Damenschlapphut mit Pfauenfeder auf, malte sich die blassen Wangen mit dem Lippenstift seiner Mutter rot, packte die »Bahnertasche « vom Onkel Philipp, die aus echtem Leder und mit einer schönen Messingschließe versehen war, die auf- und zuschnappte, als wär das Ding erst gestern gekauft worden und tat so, als wäre er, der Michi, schon immer eine Frau gewesen…

»Geh ma Maschkera!«, sagt der Michi und wartet ungeduldig auf meine Verkleidung. Ich kriege die schmale Kniebundlederhose von Michis Opa nicht gleich über meinen Bauch, hangele mich in die engen Hosenträger, die ein Bruststück mit Almenrausch und Edelweiß aus Horn ziert, fahre, schon in dicken Zopfmuster- bestrickten naturfarbenen Kniestrümpfen steckend, in die klobigen Haferlschuhe, die mir sogar passen, bekomme ein Tirolerhütl auf den Kopf und eine gläserlose Brille von Anno Tobak auf die Nase und ein weiß-rot kariertes Taschentuch in die Hand gedrückt, die gleich in der linken Hosentasche steckt, aus der der »Rotzfetzn « (O-Ton vom Michi!) extra lang raushängt. »So geh ma! Mia zwoa als Oide!« Der Michi malt mich noch kreidebleich an (das Puder stammt von seiner Schwester, die bestimmt viel dagegen hat, dass ihr Bruder an ihr Schminkzeug ging), reicht mir einen »Haklstecken« und verstellt bei den Worten, die er beim Verlassen unserer Faschings-Garderobe flötet, seine Sprechstimme so kunstvoll, dass man ihn für ein »Weiberts« (wieder O-Ton vom Michi!) halten könnte.

»Wir gingen damals, zu Beginn der Fünfzigerjahre, noch Heischen. Heißt: Wir zogen im Dorf von Haus zu Haus, ein komisches Sprücherl reißend, ein zünftiges Liedl singend und uns ansonsten wie zwei »Oide« benehmend, die zwar miteinander verheiratet sind, aber sich auch gerne immer wieder mal in die Haare geraten. Wir schlüpften konkret in die Rollen, die wir gerne spielten, aufgrund unserer Erfahrungen mit den »Oidn«, wie wir sie tagtäglich erlebten. Wir hatschten mit krummem Buckel daher, wir verzogen das junge Gesicht, sodass es bestimmt ganz runzelig aussah, wir schnäuzten uns oft (mein »Rotzfetzn« war schon nach dem dritten Haus-Besuch ganz nass geschnäuzt, sodass wir bald auf gottlob rollenweise mitgenommenes Klopapier umsteigen mussten) und rissen schlüpfrige Witze über greisenhafte Omas und Opas das Gelächter der Besuchten war uns sicher. Uns aber war zumindest ebenso viel wert, was man uns »einlegte.« Münzen am liebsten. Scheine waren damals, nach dem Krieg, noch die Ausnahme. Oder auch (der Michi trug einen von der Nachbarin ausgeliehenen Mehlsack mit sich) Kletzenbrot, Mandarinen, eine Hartwurst, da und dort frisch ausgebackene, pudergezuckerte Krapfen. Die wurden aber fast immer sofort nach dem Verlassen eines Heische-Hauses (im Krapfen-Fall waren es Bauernhäuser) verzehrt.

Wir gingen damals aber auch auf den Faschingszug in unserer Aufmachung. Den im Nachbardorf, wohin uns die Eltern vom Michi chauffierten, mochten wir lieber als den in der Stadt, die sich viele dekorierte Wägen leisten konnte (wo es einen eigenen eifrigen »Faschingsverein« gab, der das finanzierte) und die Lokalpolitiker gehörig durch den Kakao zog (was wiederum der »Faschingsverein« bewerkstelligte, wo es einen begabten Kabarettisten gab, der Texte schrieb, die von Gerhard Polt hätten sein können). Im Nachbardorf ging es beim Faschingszug aber auch hoch her. Da marschierte man zu Fuß durchs Dorf (fast wie an Fronleichnam, nur mit »Tschingderassabum«-Musik von der Blaskapelle, die mehr drauf hatte als den »Guten Kameraden«, der allerdings öfter drankam, weil der ja zu den Begräbnissen geblasen wurde, dass es einem die Tränen in die Augen trieb). Nun ja, der Faschingszug damals sah Maschkeraden, die heute auch schon wieder gesucht sind: die kesse Ballettratte mit Tutu, den überdrehten Hanswurst, den würdigen, ewig lächelnden Chinesenkaiser, den oberkörperfreien, muskelbepackten Scharfrichter mit blutigem Hackebeil (bei 8 Grad Celsius unter Null fror der Schorsch wie ein nackerter Schullehrer trotz seines enormen Brustpelzes und einer Kette, an der allerhand Charivari- Mausezahn- und Korallen-Amulette baumelten), das neckische Wiener Waschermadl, den Froschkönig, den König Drosselbart und den Zwerg Nase, die Miezekatze oder den Riesenmäuserich (wie von den Kindern beliebt) …

Für die schönste »Maske« – nicht nur die Gesichts-Verhüllung war damit gemeint, sondern die ganze verkleidete Gestalt – gab es Preise. Einmal war der Hauptpreis eine Busfahrt nach Salzburg, wo es gratis ins »Haus der Natur« ging und anschließend in ein kleines Café in einem der wie noch zum Advent geschmückten Arkadenhöfe der Getreidegasse, um dort in einen der besten Faschingskrapfen der Welt zu beißen, aus dem die Marillenmarmelade unverschämt dick tropfte. Der Michi und ich bekamen damals für unsere »Oidn« einen Trostpreis – fünf Mark, eine Rolle Faschingsschlangen und eine Tüte Konfetti pro Mann. (Kracher waren den Preisverleihern ausgegangen, was besonders der Michi bedauerte, weil es der immer gerne laut hatte, wenn er fröhlich war.)

Das Maschkera-Gehen, also das »Umlaufen der Masken«, heißt anderswo Kläuseln, Bechteln, Andreslen oder Thamsen. Unser Lehrer hat uns das erzählt gehabt, aber die Herkunft dieser seltsamen Namen nicht erklärt. Er gab damit an zu wissen, dass das Wort »Maske« aus dem Französischen kommt (was überhaupt keinen Eindruck auf uns machte). Im Aufsatz durften wir, um uns nicht zu wiederholen, statt »Maske« auch »Larve« verwenden, was wir aber lieber ins Tierreich gaben, in die Welt der Raupen und Schmetterlinge – die Viecher interessierten uns mehr als das Synonym für »Maske«. Dass die »Larve« aber vom lateinischen Wort »lares« abgeleitet wurde, war für uns sowas von super-geil (nein, solche Ausdrücke führten wir damals noch nicht im Mund), dass wir das gleich der Oma und dem Opa vom Michi erzählten. Warum »lares«? Weil die »Laren« Geister waren. Und als solche wollten der Michi und ich nächstes Jahr an Fasching unbedingt gehen. Der erste Grund war, dass wir das Zeug, das wir für die »Oidn« von der Oma bekommen hatten, für zehn Mark an zwei Freundinnen ausleihen durften (die uns »so toll« fanden, dass sie es bei nächster Gelegenheit selber sein wollten: »oid«). Der zweite Grund: Als Geist muss man sich nicht schminken (und, was noch gefragter war, nicht abschminken; das hatte der Michi nicht so ungern wie ich). Da zieht man ein altes Laken über, in das die Mama bloß zwei Löcher für die Augen schneiden brauchte – und fertig war die Maskerade!

Im Deutschen Theatermuseum zu München ist derzeit, noch bis in den Sommer hinein, eine sehenswerte Ausstellung: »In Masken geht die Zeit«. Wolfgang Utzt zeigt seine umwerfenden Kunstwerke – Theatermasken, die der Mann aus dem sächsischen Senftenberg für große Regisseure an bedeutenden Häusern, namentlich am Deutschen Theater Berlin, für legendär gewordene Inszenierungen besonders klassischer und antiker Stücke schuf. Utzt gilt heute selbst als »Legende unter den Maskenbildnern«, wie das Deutsche Theatermuseum für die Ausstellung wirbt – über Deutschland hinaus. Mit seinen fabelhaften Kreationen, die original und auf Fotos im Deutschen Theatermuseum gezeigt werden, hat Utzt (geboren 1941) in der Tat so etwas wie »deutsch-deutsche Theatergeschichte geschrieben«.

Theater ohne »Maschkerade« - früher undenkbar. Heute hält man beim Theater, beim Schauspiel noch eher als in der Oper, wenig von Vermummung. Man lässt Wagners Wotan im »Ring des Nibelungen« im Trenchcoat und die Riesen Fasolt und Fafner im dunklen Banker-Outfit mit Krawatte und Akt(i)enkoffer in der Hand auftreten. Anders ist es nur noch in Märchenspielen - da gibt es, etwa in der Humperdinck-Oper »Hänsel und Gretel«, halt doch noch die gute alte Märchen-Hexe, die aus dem Knusperhäuschen mit Buckel und Riesenwarze auf dem gebogenen Riesenzinken linst.

»Die Maske vor dem Gesicht, oder geschminkt auf der Haut, kann Spiegel, Angriff und gleichzeitig Schutz des Schauspielers sein«, wird im Ausstellungs- Begleitbuch des Theatermuseums der Mime Jörg Gudzuhn zitiert. Das trifft nicht nur auf den Schauspieler zu. Auch Michi und ich und alle, die sich für den nächsten Faschingsball, Faschingszug, Faschingsnachmittag, Schul- oder Vereinsfasching maskieren, schützten und schützen sich hinter der Maske, die dann »Maskerade« ist. Sie sehen sich auch im Spiegel, reflektieren ihr eigenes »Ich«. Sie sind auch in der Offensive. Denn mit der Maske traut man sich, was man sonst durch allerlei Bedenken und Zögern und Zweifeln lieber sein lässt.

Warum haben heute immer weniger Menschen Lust, sich zu verkleiden? In ein anderes »Kostüm« zu schlüpfen? Als Clown oder Zauberhexe, als Prinzessin oder Froschkönig? Als Indianer zu gehen oder als eine der Figuren aus »Harry Potter« oder »Herr der Ringe«? Für die Theologin Gabriele Riffert, die die Frage der von ihr beobachteten Masken-Verweigerung heutzutage stellte (s. Münchner Kirchenzeitung vom 12. 2. 12, Seite 7) lagen damals, da sie sich »als Kind oder junge Frau« noch gerne verkleidete, »unendliche Weiten und neue Welten« vor. Diese wollte sie, »zusammen mit anderen Maskierten bei guter Laune erforschen«. Mag sein, dass die immer weniger werdenden Faschingsbälle (dafür mehr »Schwarz Weiß«-Bälle) daran schuld sind. Aber der tiefere Grund ist doch, dass das höllische Vergnügen am »Maschkrier‘n«, wie wir in Bayern sagen, dem Ernst der Weltpolitik- Lage – so denken viele – direkt widerspricht. Dass kein »Bock auf Maske« aufkommt, weil eh schon alles so maskenhaft ist: ein Bundespräsident, der sich eine Maske aufsetzt, hinter der, nach und nach, sich sein wahres Gesicht zeigt, nämlich das eines Unersättlichen. Stimmt es wirklich, dass wir im Alltag immer mehr aufgefordert werden, eine Maske zu tragen, wie Riffert vermutet? Sie ist – und da hat die Autorin wohl Recht – dankbar dafür, vor Gott keine Maske tragen zu müssen. Was noch lange nicht heißen muss: »Geh ma nimmer Maschkera!«

Dr. Hans Gärtner



7/2012