Jahrgang 2004 Nummer 22

»Gegen das Fernsehen habe ich nichts«

Ein Porträt des Chieminger Schriftstellers Norbert Niemann

Norbert Niemann

Norbert Niemann
»Kultur« ist ein Wort, das Norbert Niemann häufig verwendet, auch »Kunst«. Im niederbayerischen Elternhaus, das er als sehr einfach bezeichnet, wurde der Kunst Respekt und Wertschätzung entgegengebracht, produziert wurde sie indes nicht. Der 43-Jährige Autor, der seit 1987 in Chieming lebt, entdeckte in seiner Schulzeit die Möglichkeiten der Kunst für sich: »Sie war die Rettung in einen größeren, offeneren Raum.« Wichtiger als die Literatur waren jedoch zunächst Musik und Theater. Die Weichenstellung erfolgte später mit der Wahl der Studienfächer »Literatur, Musikwissenschaften und Geschichte in Regensburg und München – sowie mit der Gründung der Autorengruppe »Schöner Wohnen«. Seine zahlreichen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften machten seinen Namen in den Verlagen bekannt, noch lange bevor er im Jahr 1997 in Klagenfurt – als zweiter Chieminger nach Sten Nadolny – den angesehensten deutschsprachigen Literaturpreis gewann, den Ingeborg-Bachmann-Preis.

An diese Auszeichnung knüpfte sich die Veröffentlichung seines ersten Romans, »Wie man’s nimmt«, beim Münchner Hanser Verlag. Niemann bezeichnet diesen ersten Teil einer Trilogie als eine Bestandsaufnahme »postmodernen Denkens, mit dem man letztlich nicht weitergekommen ist.« Drei Jahre später folgte »Schule der Gewalt«. Die Idee dazu stammt aus seiner Zeit als Gitarrenlehrer, sagt der Autor, die ihm einen Einblick in das Verhältnis zwischen Schülern und Lehrern ermöglicht hat. Im Vergleich zu früher hat sich seiner Auffassung nach Grundlegendes verändert: »Es hat sich eine Sprach- und Perspektivlosigkeit breit gemacht, die leicht umschlagen kann in Gewalt. Häufig fehlt der sprachliche Austausch. Gewalt ist der Ersatz, wenn die Sprache fehlt.«

Im dritten Teil, an dem Norbert Niemann gegenwärtig arbeitet, befasst er sich nicht mehr mit dem Ist-Zustand, mit den Konsequenzen, die sich aus Sprach- und Perspektivverlust zwangsläufig ergeben, sondern nimmt die bereits eingetretene Katastrophe als Ausgangspunkt. »Ich will nicht darstellen, was die Spatzen von den Dächern pfeifen, sondern ein Potential entwickeln, wie man weitermachen kann. Alles, wovor man Jahre lang gewarnt hat, das hat man jetzt. Die kulturellen Grundbedingungen Deutschlands sind nicht nur erschüttert, sondern existieren nicht mehr. Da ist nichts mehr zu retten. Man muss vorwärts schauen und positive Lebensentwürfe entwickeln.«

Zur Literatur fand Norbert Niemann über das Theaterspielen. Texte, die er während der Schulzeit am Landauer Gymnasium auswendig lernte, begleiten ihn bis heute. »Die Literatur birgt einen Reichtum in sich, der durch nichts aufgewogen werden kann,« sagt der zweifache Vater. Seine Idole suchte er sich als Jugendlicher mehr in der Musikszene denn unter den Schriftstellern, dennoch ist der deutsche Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll in gewisser Weise ein Vorbild für ihn. »Böll imponiert mir durch seine Grundhaltung. Er hat zwischen Literatur und Politik keine Grenze gesehen und nicht gescheut, seine Stimme einzusetzen gegen jede Form von totalitären Tendenzen.«

Einen politischen Auftrag und Verantwortung für die nachwachsende Generation verspürt auch der Chieminger, der sich und seine Altersgenossen zur »Fernsehgeneration« zählt. Mit dem Lesebuch »Inventur 1945-2003«, das er im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem Kritiker Eberhard Rathgeb herausgab, wendet sich Niemann erstmals direkt an die junge Generation, denn die Anthologie ist für den Schulgebrauch konzipiert und »ein Versuch, literarische Tiefe für Jugendliche so zu präsentieren, dass sie vermittelbar ist«. Im schwindenden Interesse für Literatur und der gleichzeitig wachsenden Macht der Medien und ihrem »Skandalterror« sieht Niemann eine große Gefahr. »Ich habe nichts gegen das Fernsehen,« sagt er. »Es ist ein unverzichtbares Medium, und die öffentlich-rechtlichen Sender haben eine wichtige Funktion. Aber die Macht der Privatsender ist außer Kontrolle geraten. Diese Macht unterläuft das Grundprinzip der Demokratie. Dagegen sollte man kämpfen.«

Das Schreiben ist für den preisgekrönten Autor »eine Lebensform«, die er auch weiterhin praktizieren will, nicht zuletzt deshalb, weil ihm die Literatur »die Möglichkeit bietet, auf die sich verändernde Wirklichkeit zu reagieren«. Die Frage nach künftigen Themen und Motiven beantwortet er mit einem Zitat eines längst verstorbenen französischen Kollegen: »Stendhal sagte einmal, er gehe über eine Landstraße mit einem Spiegel auf dem Rücken. Was sich in dem Spiegel abbildet, ist die Grundlage seines Romans.« Norbert Niemann ist mit der Kunsthistorikerin Judith Bader verheiratet und lebt seit 1987 im Chiemgau.

CK



22/2004