Jahrgang 2005 Nummer 12

Gedanken zur Osterzeit

Das Osterlamm ist bis heute erhalten geblieben

Wenn ich in der Zeit, in der das Osterfest schon ganz nahe gerückt ist, zum Bäcker gehe, da beschleicht mich jedesmal ein eigenartiges, ja fast wehmütiges Gefühl, wenn ich im Laden die für mich immer noch wunderschön anzuschauenden gebackenen Osterlämmer sehe. Sie sind eines von den wenigen Bräuchen, die sich seit meiner Kindheit bis in die heutige Zeit erhalten haben. Da sehe ich dann, als wäre es erst gestern gewesen, mein kleines Osternest, das ich von meiner Gon jedes Jahr bekommen habe und in dem neben den bunt gefärbten Eiern, eben ein solches Lämmchen mit genau so einem Fähnchen, das, wie noch heute, entweder blau-grün-rot oder gelb war, in der Mitte des kleinen Nestes stand und das winzige Glöcklein hängt noch genau wie damals um den Hals eines jeden Lämmchens.

Da muß ich auch immer wider an den Palmsonntag denken, an dem ich damals in der Früh immer als erstes aus meinem Bett hüpfte, um ja nicht der Palmesel zu werden, denn wer an diesem Tag als letzter aus den »Federn« kam, der wurde den ganzen Tag als der »Palmesel dableckt«. Als wir Kinder nach dem feierlichen Amt in der kleinen Pfarrkirche auf dem Gottesacker beisammenstanden, da war dann die erste Frage: »Wer is’ denn bei eng da Palmesel word’n?«

Wenn dann auf Mittag zu Hubert unser Nachbarsbub mit dem geweihten Palmbuschen zum Hof meiner Großeltern heraufschnaufte, da hatte meine Großmutter schon etliche gefärbte Eier hergerichtet. Die Karwoche war etwas ganz besonderes, nicht nur, dass in diesen Tagen das Fasten strenger eingehalten wurde, so gehörte auch der Kirchgang zur gut 1/2 Stunde entfernten Pfarrkirche, ganz selbstverständlich zum rhythmischen Ablauf in diesen besonderen Tagen. So war der Gründonnerstag, an dem die Kirche zwar immer besonders lang dauerte, dennoch aufregend für mich, denn da durfte ich den ganzen Nachmittag mit meiner Großmutter Eier färben und die schönsten wurden meistens diejenigen, die wir mit den Zwiebelschalen färbten. Am Karfreitag ging ich besonders gerne mit meiner Großmutter ins Pfarrdorf, denn die »Karfreitagsratschn«, die dann anstatt der Kirchenglocken ein lautes Geschepper machten und von den Ministranten gedreht wurden, waren für mich jedes Jahr wieder etwas Aufregendes. Auch durfte ich, schon als ich noch ganz klein war, mit meiner Großmutter ganz nahe an das Hl. Grab, das vorne vor dem Altar aufgebaut war und in dem mit vielen bunten Glaskugeln geschmückt, der Heiland lag, gehen.

Besonders oft denke ich in der Karwoche daran, wie schade es ist, dass der schöne, alte Brauch des »gweicht’ Feuer laufens«, wie so vieles Erhaltenswerte, einfach »abgekommen ist«. Noch heute sehe ich meine Großmutter, wie sie das große Ofentürl in der Kirche aufmacht und die Nachbarsbuben die Glut, die der Pfarrer in der Küche weihte, schnell in die Schür warfen. Bei der feierlichen Auferstehung dann am Abend erinnere ich mich noch besonders gut, wie ich, als der Heiland hinter dem Altar emporstieg, mit voller Stimme das Lied, das der Organist anstimmte, mit all den vielen Kindern und Erwachsenen, die unsere Pfarrkirche bis zum letzten Platz füllten, mitsang: »Der Heiland erstand«. Dann am Ostersonntag, wenn die ganze Familie, die da waren das Oberhaupt meine Großeltern nebst meiner Mutter und meinen fünf Tanten und zu guterletzt noch ich, nach dem gemeinsamen Gang zum feierlichen Hochamt mit der Osterweihe, wieder heimkamen, dann rannte ich mit meinen bunten Eiern zu meinen Tanten und jede musste mit mir - »Oa begga«. War mein Ei das stärkere, dann lachte mein Großvater und freute sich, so glaube ich, mit mir.

Wer weiß schon von den Erwachsenen, geschweige denn von den Kindern heute noch, wie das »Oascheibn« geht und wie wir Kinder uns damals noch über jedes zerbrochene Ei des anderen, das wir über die Rille zweier Rechen hinabrollen ließen, freuten und wie lustig es war, wenn der Pfennig, der darauf lag, herunterfiel. Stundenlang konnten wir uns damit unterhalten und des öfteren schauten uns auch meine Tanten für eine Weile zu. Mit meiner Mutter und Tante Marie durfte ich mit gerade drei Jahren zum ersten Mal »auf Traunsta an’ Rid« mitfahren, keiner sagte Georgi-Ritt, denn es wusste ja sowieso jeder, dass selbiger damit gemeint war. Ich saß in dem schön geflochtenen Körbchen vorne an der Lenkstange des Rades meiner Mutter, als wir damals gleich nach der morgendlichen Stallarbeit in die ca. 15 km entfernte Stadt fuhren und die Räder wie immer beim »Frank« hinten im alten Roßssstall abstellten, wo wir bei weitem nicht die einzigen waren.

Die großen, schweren Rösser waren ja für mich nichts Neues, geschweige denn, dass ich mich vor ihnen gefürchtet hätte, denn kaum dass ich laufen konnte, durfte ich schon neben meinem Großvater auf dem großen Wagen sitzend, vor dem meistens unser »alter Blaß« eingespannt war, aufs Feld fahren und den »Woier« halten. Doch als damals die vielen so farbenfroh geschmückten Rösser an mir vorbei ritten, da konnte ich mich nicht genug sehen an den schön geflochtenen Zöpfchen an den Mähnen. Als dann die kleinen Englein ganz nahe an mir vorbeiritten, da wollte auch ich unbedingt einmal auf unserem braven, alten Blaß als Englein mitreiten, was natürlich nur Wunsch blieb und ich dies auch bald wieder vergaß und jetzt im Frühjahr auf der Langwied, hinten weit aus dem vollgeladenen Mistwagen, den mein Großvater die beiden Blaßen, den alten und den jungen vorgespannt hatte und mit ihnen aufs Feld hinausfuhr, zu sitzen und mit den Füßen zu baumeln, war außerdem auch etwas Schönes für mich.

Finden dann meine Gedanken nach so einem langen Flug in die Vergangenheit wieder zurück in die Gegenwart, da empfinde ich fast ein Bedauern. Nicht mir selbst gilt dies, nein, eher den Kindern, denen von dem vorwiegend christlichen, aber auch verbunden mit weltlichem Brauchtum-, von dem ganzen fröhlichen und lustigen Tun und Lassen, das trotz der strengen Regeln der Karwoche, doch gerade an Ostern, wie selten im Jahr, Jung und Alt ergriff-, kaum mehr als das Eiersuchen am Ostersonntag übriggeblieben ist.

EM



12/2005