Jahrgang 2021 Nummer 23

Galeere statt Gefängnis für Straftäter früherer Tage

Zum Ruderdienst Verurteilte wurden im Mittelmeer im Kampf gegen die Osmanen eingesetzt

Galeerensträflinge im Mittelmeer, Auszug aus dem Gemälde »Kriegszug Kaiser Karls V. gegen Tunis« von Jan Cornelisz Vermeyen um 1550. (Repros: Mittermaier)
Kaiser Maximilian II. erließ 1570 ein Patent, mit dem in deutschen Staaten Straftäter zum Galeerendienst verdonnert werden sollten. Gemälde von Nicolas Neufchatel.
Skizze einer typischen Galeere, in denen Straftäter eingesetzt wurden.

So mancher Jugendliche, den heutzutage nach einem zechfreudigen Gelage der Übermut packt, kann sich glücklich schätzen, damit nicht an die einstigen Nürnberger Ratsherren zu geraten. Im November 1571 verurteilten die Stadtoberen vier junge Männer zu mehrjährigem Zwangsrudern auf einer Kriegsgaleere im Mittelmeer. Das Vergehen des Quartetts: Es hatte – wahrscheinlich nach übermäßigem Alkoholgenuss in einer Schänke – Passanten die Kleider vom Leib gerissen und sie verprügelt. Die Unglücksraben hatten das Pech, ihren Schabernack zu einem Zeitpunkt zu begehen, als gerade eine Weisung von Seiten Kaiser Maximilians II. ergangen war, strafrechtlich verurteilte Delinquenten statt wie üblich ins Gefängnis oder auf den Richtplatz zu schicken, zum Ruderdienst zu verdonnern.

Die Praxis des Strafdienstes auf Galeeren war zu Beginn des 16. Jahrhunderts in Spanien, Frankreich und Italien populär geworden und hatte sich von dort um 1560 auch auf den deutschen Sprachraum ausgeweitet. Auslöser waren die damaligen Seekriege der Mittelmeerstaaten gegen das osmanische Reich, in deren Verlauf ständig Nachschub an Ruderern benötigt wurde. Mit Menschenkraft angetriebene Galeeren hatten sich in Schlachten gegenüber herkömmlichen Seglern als weit effizienter erwiesen, denn die von bis zu 250 Mann angetriebenen Gefährte konnten unabhängig von den Windverhältnissen eingesetzt werden und erreichten eine enorme Geschwindigkeit – daher auch die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung »Galee« bzw. »Galea«, die ursprünglich »Wiesel« bedeutet. Allerdings war der Job an den Rudern eine knochenharte Angelegenheit, weshalb die Auswahl an Freiwilligen nicht allzu groß war. Um im Bedarfsfall schnell über genügend Mann zu verfügen, begannen die Mittelmeerstaaten, auf verurteilte Straftäter zurückzugreifen. Doch selbst die reichten bald nicht mehr aus, weshalb sich italienische Militärs an befreundete Herrscher wandten mit der Bitte, sie mit Sträflingen aus ihren Ländern zu versorgen, mit der Begründung, dass die Bekämpfung des osmanischen Feinds Pflicht jedes guten Christen sei.

Kaiser Karl V. hatte daraufhin in den 1550er Jahren in Böhmen und Schlesien erste Rekrutierungsaktionen angeleiert. Kaiser Maximilian II. erneuerte das Patent 1570 und weitete es auch auf Staaten des heutigen Deutschlands aus – und hatte damit zumindest in Nürnberg Erfolg. Zwischen 1571 und 1573 wurden von dort mindestens 30 junge Männer Delinquenten zum Galeerendienst nach Italien verfrachtet, wie aus einer zeitgenössischen Handschrift mit dem Titel »Malefizpersonen in Nürnberg« (Malefiz = Strafgericht, Verbrechen) hervorgeht, dazu kamen noch sieben Männer aus Aschaffenburg. Interessant ist, dass sich der strafrechtliche Hintergrund der Nürnberger Galeerensträflinge von den Delinquenten beispielsweise aus dem benachbarten Böhmen erheblich unterscheidet. Den kaiserlichen Vorgaben zufolge sollten nur Personen, deren Verbrechen normalerweise die Todesstrafe nach sich zog, verwendet werden. Die Nürnberger Ratsherren wichen zumindest beim ersten der insgesamt sieben Transporte davon ab, der aus den vier erwähnten, jungen Burschen sowie Verurteilten bestand, die sich des einfachen Diebstahls schuldig gemacht hatten.

Dem Altertumsforscher Paul Frauenstädt zufolge wollte der Nürnberger Rat mit dem harten Urteil ein Exempel statuieren und hoffte dabei auf einen Abschreckungseffekt, da es damals vermehrt zu Vergehen gegen die öffentliche Ordnung kam und dazu auch noch allerlei diebisches Gesindel in der Gegend herumzog. Darüber spielte offenbar auch die Ansicht eine Rolle, sich mit der Bereitstellung von Ruderern für den Kampf gegen die Ungläubigen in den Dienst einer wichtigen Sache zu stellen. Welche Delikte die übrigen aus Nürnberg stammenden Galeerensträflinge begangen hatten, ist leider nicht überliefert, weshalb ein Blick in die Nachbarländer lohnt.

Aus den damals österreichischen Gebieten Böhmen und Schlesien wurde 1595 eine Reihe von »Schwenckfeldern« auf die Galeere geschickt. Die nach dem Theologen Kaspar Schwenckfeld benannte Gruppierung hatte sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts gebildet. Nach dem Tod Schwenckfelds 1561 sammelten sich seine Anhänger unter anderem in Schlesien, um dort ihren von der Obrigkeit verbotenen Glauben auszuüben. Der kaiserliche Gesandte am Prager Hof, Hieronymus Lippmann, äußerte in einem Brief an den Dogen von Venedig 1584 zwar Bedenken, Andersgläubige auf Schiffe zu stecken, weil sie dort die anderen Sträflinge aufwiegeln könnten, doch rückgängig gemacht wurde die Verschickung der Schwenckfelder trotzdem nicht.

Aus Breslau ist darüber hinaus ein Fall bekannt, bei dem ein Breslauer Handwerksgeselle seinem Meister 20 Taler gestohlen hatte, um damit seine Hochzeit und die Einrichtung der ehelichen Wohnung zu finanzieren. Statt in den eigenen vier Wänden fand sich der Dieb daraufhin im Schiffsbauch einer Galeere wieder, ebenso wie zwei weitere Männer aus Breslau, die ihren intimen Umgang mit zwei verheirateten Bürgerinnen, einer Metzgersund einer Kürschnersfrau, mit dem Strafdienst bezahlen mussten. Als weiteres Delikt finden sich in österreichischen Quellen Vergewaltigungen sowohl von Kindern als auch jungen Frauen, die ebenso wie Ehebruch und schwerer Diebstahl im Fall einer üblichen Verurteilung mit der Todesstrafe belegt werden konnten.

Die Dauer des Strafdienstes auf einer Galeere hing dagegen weniger von den begangenen Verbrechen als vielmehr von der Rentabilität für den Schiffsbetreiber ab. Strafen unter sechs Jahren waren als wirtschaftlich ungünstig bemängelt worden, weil die Kosten für den Transport und die Verpflegung der Verurteilten von ihren Heimatorten zu den Häfen, in denen die Schiffe lagen, höher war als ihr Einsatz als Ruderer. Der Transport erwies sich auch in anderer Hinsicht als schwer kalkulierbarer Faktor, was sicher mit ein Grund war, warum die Zahl der aus deutschen Landen stammenden Galeerensträflinge insgesamt gering blieb.

Das erste Problem ergab sich schon bei der Beschaffung von Fuhrwerken: »Die größte Schwierigkeit besteht darin, eine Person zu finden, welche die Sträflinge sicher aus dem Königreiche (= Böhmen) führt, weil sich jeder vor diesem Geschäft fürchtet, da viele behaupten, es bestehe große Gefahr, dass die Sträflinge von ihren Verwandten und Freunden befreit werden können«, ist in einem offiziellen Schreiben Ende des 16. Jahrhunderts zu lesen. Als Beispiele wurden zwei Vorfälle zitiert, die sich beide in der Nähe von Prag ereignet hatten. Ein mit Sträflingen beladenes Fuhrwerk war in einem Wald überfallen und die an die Bänke geketteten Männer von den Angreifern befreit worden, während es bei einer anderen Gelegenheit den Gefangenen aus eigener Kraft gelang, sich von ihren Fesseln zu befreien und auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Zum Teil kamen die Gefangenen auch gar nicht am Bestimmungsort an, weil sie unterwegs krank wurden und starben – und nebenbei womöglich auch noch andere Personen infizierten, wie 1572 in Bunzlau, wo zahlreiche Bewohner einer, von einem Trupp durchreisender Galeerensträflinge eingeschleppten, Seuche zum Opfer fielen. Hatten die Transporteure und der sie begleitende Wachtrupp ihre lebende Fracht nach der mühsamen und zeitaufwändigen Reise über die Alpen in Venedig oder Genua abgeliefert, erwartete die Verurteilten die Hölle auf Erden.

Eine Ende des 16. Jahrhunderts entstandene Beschreibung des niederländischen Juristen Jost Damhouder gibt Einblicke in das Leben der Sträflinge an Bord: Demnach wurden die Männer mit einer Fußfessel, an der eine einen Meter lange Eisenkette hing, versehen. Mit dieser Kette wurden sie an ihren Platz auf die Ruderbänke gefesselt, den sie selbst zum Schlafen nicht verlassen durften. Betten oder Liegen gab es nicht, geschlafen werden musste im Sitzen. Selbst wenn die Galeere im Hafen lag, was sich mitunter über Monate hinziehen konnte, wurden die Männer nicht von ihren Fesseln losgemacht, wobei es ihnen dann wenigstens erlaubt war, sich zum Schlafen auf den Schiffsboden zu legen – soweit der geringe Radius ihrer Kette das erlaubte. An Nahrung bekamen sie harten Zwieback, der nicht selten verschimmelt und von Würmern zerfressen war und zum Trinken Wasser, das allerdings nur zweimal pro Tag verabreicht wurde. Nur wenn das Schiff im Hafen lag, bekamen die Sträflinge unter Umständen eine etwas bessere Kost wie etwa Bohnensuppe und hin und wieder ein Stück frisches Brot. Ab und zu gab es von Personen, die die Galeere besichtigten, das eine oder andere Almosen, mit dem sich die Bedachten dann in der Schiffskantine Lebensmittel kaufen konnten.

Wer von den Gefangenen ein Handwerk beherrschte, bekam von der Wachmannschaft hin und wieder Arbeitsmaterial und Werkzeuge, um Dinge des alltäglichen Lebens herzustellen wie etwa Schuhe oder Kleidung. Die fertigen Produkte konnten anschließend verkauft werden, womit sich die Sträflinge ebenfalls die eine oder andere Extraportion an Essen oder Tabak zukaufen konnten. In den freien Zeiten war es darüber hinaus erlaubt, sich mit Karten- oder Würfelspielen zu unterhalten – allerdings ebenfalls nur angekettet, was die Auswahl der Spielpartner entsprechend einschränkte.

Wer gegen irgendeine Regel verstieß, musste mit schweren Strafen rechnen, und das galt schon für kleine Vergehen, beispielsweise wenn jemand mit seinem Ruder aus dem Takt kam oder einfach zu erschöpft war, um die geforderte Schlagzahl zu schaffen. Die betroffene Person wurden dann entkleidet in den Mittelgang der Galeere gelegt und so lange mit Weidenstöcken, verknoteten Stricken oder Lederriemen auf Rücken, Bauch und Fußsohlen geschlagen, bis der Aufseher gnädiger Weise Einhalt gebot. Kam das »Halt« zu spät und der Delinquent war schon bewusstlos oder gar tot, wurde er einfach im Meer entsorgt.

Wer krank wurde, dem drohte ebenfalls kurzer Prozess. Medizin und ärztliche Versorgung musste bezahlt werden; wer sich das nicht leisten konnte und als Arbeitskraft ausfiel, wurde ebenfalls kaltblütig über Bord geworfen oder an irgendeiner einsamen Küste ausgesetzt. Als wären diese Bedingungen nicht schon Bestrafung genug, mussten die Gefangenen am Ende der auferlegten Strafzeit dem Kapitän auch noch einen Goldgulden für die Abnutzung der Prügelinstrumente und dem Schiffsverwalter die gleiche Summe für die Abnutzung der Fesseln bezahlen. Wer kein Geld hatte, um die zwei Gulden zu bezahlen, wurde wieder angekettet und musste weiter rudern, bis auch diese Schuld abgearbeitet war. Tatsächlich dürften aber nur die wenigsten der Gefangenen überhaupt in die Verlegenheit gekommen sein, diese Gebühr bezahlen zu müssen, denn angesichts der geschilderten Zustände kam wohl nur ein Bruchteil überhaupt lebend von Bord.

Wie viele der bedauernswerten Burschen den Martern ihrer selbst für damalige Verhältnisse inhumanen Bestrafung mit dem Leben bezahlen mussten, verraten die kargen Quellen leider nicht. Zum Glück zumindest für alle im Bereich des heutigen Bayern lebenden Straftäter, war die Rekrutierung von Galeerensträflingen hier eine vergleichsweise kurze Episode, denn nach 1600 scheint es hier keine entsprechenden Fälle mehr gegeben zu haben. Ganz anders dagegen in Österreich und den Mittelmeerstaaten: Im Habsburgerreich wurden bis ins 18. Jahrhundert munter weiter Delinquenten zum Zwangsrudern verurteilt, und in Italien und Spanien setzte sich die Praxis gar bis Mitte des 19. Jahrhunderts fort, wo unter anderem protestantische Gläubige, die eine freie Ausübung ihrer verbotenen Religion forderten, noch auf diese unmenschliche Art und Weise bestraft wurden.

 

Susanne Mittermaier

 

23/2021